Ausstellung im Museum MorsbroichHauptsache, wir bleiben im Gespräch

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Ein grimmig dreinblickender Mann schaut zum Fenster seiner Wohnung heraus.

Das Leben spielt vor dem Fenster in Vajiko Chachkhianis Video „Life Track“,

Das Leverkusener Museum Morsbroich umgarnt die störrische Bürgerschaft mit Kunst, die den Augenkontakt sucht und etwas zu sagen hat. Hoffentlich bleibt die Ausstellung „yours truly,“ kein Monolog.

Im Grunde ist es eine Binsenweisheit, dass ein Kunstwerk erst durch den Betrachter spricht – jeder Sender braucht einen Empfänger, will er nicht ungehört verhallen. Aber es kann vielleicht nicht schaden, mal wieder an diese ebenso banale wie grundlegende Einsicht erinnert zu werden, zumal im Medium einer Ausstellung moderner Kunst. Auf manche Bürger wirkt diese wohl immer noch wie eine versnobte Partygesellschaft, die untereinander tuschelt, sobald jemand den Raum betritt.

Unter Jörg van den Berg setzt das Museum auf radikale Offenheit

Gerade im Leverkusener Museum Morsbroich wissen sie, dass man eine Stadtgesellschaft mit ehrgeizigen, aber mitunter auch etwas schwer verständlichen Ausstellungen nachhaltig verprellen kann. Unter seinem seit 2021 amtierenden Direktor Jörg van den Berg setzt das Museum daher auf radikale Offenheit, Dialog und eine Kunst, die Augenkontakt sucht, etwas zu sagen hat und den Betrachter im Idealfall nicht mehr loslässt. Wer darauf dann nicht eingeht, hockt vielleicht zu Recht mürrisch in der Stube und sieht fern.

„yours truly,“ heißt die neue Ausstellung im Museum Morsbroich, deren Titel durch die Leerstelle hinterm Komma bewusst offenlässt, wer hier so freundlich grüßt – die Kuratoren, die Kunst oder der neue Museumsgeist? Die Präsentation beginnt in der zweiten Etage des ehemaligen Jagdschlosses mit einem Spiegel, den Pamela Rosenkranz mit durchscheinenden Pigmenten erblinden ließ, sodass er dem Besucher ein verfremdetes Ich entgegenwirft. Auch sonst gibt es in der Ausstellung viele Köpfe und Körper zu sehen: eine lebensgroße Puppe von Kiki Smith, eine „Totenübermalung“ von Arnulf Rainer und eine Serie von Grimassen, die sich Aneta Grzeszykowska mit transparenten Klebebändern ins Gesicht schnitt. Die Fotografin Rineke Dijkstra ist mit dem wunderbaren Porträt eines ukrainischen Jugendlichen vertreten, Alex van Gelder steuert seine Aufnahmen der greisen, mitunter etwas hexenhaft inszenierten Kunstlegende Louise Bourgeoise bei.

So lernt man, sich in eine geschlitzte Leinwand zu versenken, als wäre es ein Madonnenbild

Es gibt also reichlich Gelegenheit, sich selbst, wie Jörg van den Berg sagt, in seinem Menschsein angesprochen zu fühlen und zu erkennen. Allerdings ist dieser Dialog von Angesicht zu Angesicht nicht zuletzt eine Einladung, auch mit den gesichtslosen Werken ins Gespräch zu kommen. Juan Munoz‘ „Zwerg mit Messer“ teilt sich daher einen Raum mit einer blauen Leinwand von Yves Klein und ein figürliches Selbstporträt von Maria Lassnig hängt neben einem abstrakten, aus mehreren Farbflächen bestehenden Selbstbildnis der österreichischen Malerin. So lernt man vielleicht, sich in eine geschlitzte Leinwand von Lucio Fontana zu versenken, als wäre es ein mittelalterliches Madonnenbild.

Wer mit Kennerblick durch die Ausstellung geht, könnte sich vom pädagogischen Pathos der Kuratoren mitunter etwas unterfordert fühlen. Aber was soll’s, gute Kunst bleibt gute Kunst, und von der gibt es in Morsbroich mehr als genug. Es darf sogar miteinander gelacht werden, etwa über einen listigen Amtsschalter von Thomas Grünfeld, der einem die Wahl lässt, sich vor „Ich darf“ oder „Ich soll“ anzustellen. Grandios ist das kurze Video „Life Track“ von Vajiko Chachkhiani, in dem ein grimmiger Mann zum Fenster hinausschaut und das Leben verfolgt (so wie wir seines), und eine kleine Videoskulptur von Tony Oursler in die Besenkammer zu stellen, muss man sich auch erst einmal trauen. 

Auch das Rahmenprogramm hat einiges zu bieten, insbesondere die Festtafel, die Gabriela Oberkofler und Antje Schiffers im ehemaligen Pferdestall des Morsbroicher Schlosses schweben lassen. Mehr als 1300 Schnüre waren nötig, um die vielen Hölzchen, Stöckchen und Bretter auf einheitlicher Tischhöhe aufzuziehen und so zu verknoten, dass man an diesem Wochenende ein Büfett darauf servieren kann. Auch das gehört zum neuen Morsbroicher Kunstgeist: Jede Saison wird mit einem öffentlichen Fest begonnen, und die Kuratoren stehen in der Ausstellung bereit, um klug oder dumm angequatscht zu werden. Für ein Museum gilt eben das gleiche wie für Kunstwerke und Menschen. Man muss im Gespräch bleiben, sonst hört einem irgendwann niemand mehr zu.


„yours truly,“, Museum Morsbroich, Gustav-Heinemann-Str. 80, Leverkusen, Di.-So. 11-17 Uhr, bis 29. Oktober. Eröffnungsfest: 13., 14. Mai, jeweils ab 11 Uhr.

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