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Carolin Emcke in KölnHabeck und Steinmeier sollten sich entschuldigen

Die Publizistin war bei der lit.Cologne Spezial zu Gast, um über ihr im September erschienenes Buch „Was zählt ein Mensch?“ zu sprechen.

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Carolin Emcke trägt Schwarz und spricht in ein Mikrofon.

Carolin Emcke 2024 in Berlin

Als Carolin Emcke die Entscheidung traf, über den Nahostkonflikt und die hiesige Erinnerungspolitik zu schreiben, hatte das Massaker des 7. Oktober noch gar nicht stattgefunden. 2022 sei das gewesen, erzählt sie am frühen Samstagabend eingangs zu ihrem phil.Cologne-Gespräch mit „Zeit“-Redakteur Yassin Musharbash. Mit ihrem Buch „Was zählt ein Mensch?“, einer Mischung aus Reportage und Reflexion, habe sie ganz grundsätzlich Räume öffnen wollen, in denen „sich Menschen mit palästinensischer Perspektive oder Menschen mit jüdisch-israelischer Perspektive gesehen wissen“ und gleichzeitig „mit einer anderen Perspektive konfrontiert werden, die sie normalerweise nicht gern aufsuchen“.

Trotzdem versinnbildlicht die Frage des Umgangs mit dem Angriff der Hamas auf das Nova-Musikfestival im Süden Israels die Komplexität des Konflikts. „Für manche beginnt die eigene Zeitrechnung am 7. Oktober. Das Datum markiert eine Zäsur. Dieses Verbrechen reiht sich nicht ein in eine Chronologie oder einen Kontext“, schreibt Emcke. „Für andere gibt es eine andere Zeitrechnung, gibt es ein Davor, eine Chronologie, die andere historische Momente, andere Gewalterfahrungen betont.“

Ein Plädoyer für die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz

Und so lässt sich die Veranstaltung im WDR-Funkhaus ganz grundsätzlich als ein Plädoyer für die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz begreifen. „Das eine zu betonen, heißt eben nicht, das andere zu vergessen“, sagt Emcke. Sie konstatiert einen gesellschaftlichen Geisteszustand, der „es sozusagen für unmöglich oder übermenschlich deklariert, sich in verschiedenes Leid einfühlen zu können“ und eine „Art des Verlernens von Zuhören, was da jemand wirklich gesagt oder geschrieben hat“. Für sie sei der öffentlich geführte Diskurs rund um den 7. Oktober und dessen Folgen „in keinem Fall akzeptabel. Und es gibt auch keine guten Ausreden dafür“.

In der Diskussion sei immer wieder ein vermeintlicher Gegensatz aufgemacht worden – als ob entweder nur die Verbrechen des 7. Oktober oder nur die Verbrechen im Westjordanland und im Gazastreifen anerkannt werden könnten, als ob man nur den Holocaust zum Maßstab nehmen oder nur Palästinenser-Rechte vertreten könne. „Es kommt einem absurd vor, diese Banalität auszusprechen, aber es ist eben kein Gegensatz.“ In ihrem Umfeld sei bekannt, dass sie eine sehr enge Freundin habe, die in Chan Yunis im Gazastreifen lebe, führt Emcke aus. Trotzdem habe sie nur Fragen zum Wohlbefinden ihrer jüdischen Freundinnen erhalten. „Die Frage ‚Wie geht es deiner Freundin in Chan Yunis?‘, die blieb aus.“ Zudem sei eine Form des strategischen Zweifelns wahrzunehmen gewesen. Es habe geheißen, man wisse zu wenig über die Geschehnisse in Gaza, könne diese gar nicht wirklich beurteilen. „Das habe ich aber bei Butscha in der Ukraine nie gehört.“

Scharfe Kritik an Habeck und Steinmeier

Auch unter den deutschen Politikern habe sie die notwendige Empathie vermisst. Als Beispiele führt Emcke Reden von Robert Habeck und Frank-Walter Steinmeier aus dem November 2023 an, als „Gaza schon, um es vorsichtig zu sagen, recht stark bombardiert“ wurde. Darin seien Palästinenser und Menschen mit arabischen Wurzeln „in erschütternder Weise unter Generalverdacht gestellt“, nämlich aufgefordert worden, „sich von der Hamas zu distanzieren“. Das habe großen Schaden angerichtet, betont Emcke. „Und man kann das auch nicht einfach vergessen. Das war ein Signal an sehr viele Menschen in diesem Land, dass sie nicht so richtig dazugehören. Und ich finde, dafür sollten Sie sich entschuldigen, beide.“

So ist die Maxime, die Emcke aus der geforderten Ambiguitätstoleranz ableitet, eine, die sie stoischen Universalismus nennt. Es gebe unterschiedliches Vokabular, mit dem beschrieben werden solle, dass es einer besonderen Rücksichtnahme gegenüber einer israelischen Regierung bedürfe, der man sich wegen der deutschen Geschichte als besonders verbunden sehe. „Manche nennen das Staatsräson, manche nennen das unsere historische Verantwortung.“ Sie sei ein großer Fan von Takt, sagt Emcke. „Aber der Takt hat eine Grenze und die Grenze ist das Völkerrecht.“


„Was zählt ein Mensch?“, 432 Seiten, S. Fischer, 24 Euro.