Tanz Köln beendet die Spielzeit spektakulär mit „Möbius“ von Rachid Ouramdane im Depot.
Circus Dance Festival in KölnAtemberaubende Luftnummern im Depot

Collectif XY Möbius, Circus Dance Festival, Köln, Mai 2026
Copyright: Christophe Raynaud
Der Turmbau zu Babel kann keine größere göttliche Provokation gewesen sein: Bei der Compagnie XY bauen die Performerinnen und Performer Menschentürme bis weit in den Bühnenhimmel hinauf, sie erklären das Gravitationsgesetz für nichtig, fliegen mit ausgebreiteten Armen meterhoch durch die Luft. Auch der Äther ist ihnen ein Menschen-Reich.
Ein Tanz also, der abhebt. Sehr sinnreich ist das für ein Stück, mit dem Tanz Köln sein erfolgreiches Programm für diese Spielzeit beendet, in diesem Jahr als kluge Kooperation mit dem Circus Dance Festival. Und das wiederum zieht seine Popularität vor allem daraus, dass es in krisengebeutelten Zeiten den Menschen als Wunderwerk abfeiert. Wie in den atemberaubenden Luftnummern in „Möbius“ von Choreograf Rachid Ouramdane und der Compagnie XY.
Kaum zu fassen, wie hier Körper aufeinandergetürmt werden
Ist da wirklich gerade eine Frau rückwärts von einem Trampolin aus hochgehaltenen Händen abgesprungen, hat sich mehrmals in der Luft gedreht, um dann viel höher auf den Schultern eines Mannes zu landen, der wiederum auf den Schultern eines anderen Mannes steht? Kaum zu fassen, wie hier Körper aufeinandergetürmt werden, wie 19 faszinierend unterschiedlich aussehende Menschen, in allen Größen und Gewichtsklassen, miteinander verbunden sind in einem andauernden Bewegungsstrom. Das ist tatsächlich ein bisschen wie beim titelgebenden, in sich verdrehten Möbiusband. Auch bei dem von Mathematikern beschriebenen Kuriosum gibt es kein Unten und Oben, kein Innen und Außen, sodass der Betrachter des Bandes schnell die Orientierung verliert.
Vieles scheint unglaublich, was die Compagnie XY an diesem Abend präsentiert, und unweigerlich dominieren die spektakulären Acts die Wahrnehmung, wartet man schon aufs nächste Luftanhalten. Und doch gibt Choreograf Rachid Ouramdane mit einer ausgeklügelten Dramaturgie auch der Reflexion Raum: Was ist der Mensch? Und vor allem: Was könnte er sein? Ein Wesen, das nicht nur untereinander solidarisch verbunden ist, sondern den eigenen Körper als Teil der Natur sieht und sich einfügt in ein kosmisches Ganzes.
Längst klingt das abgedroschen esoterisch, bekommt aber bei Ouramdane und der Compagnie XY eine neue Ernsthaftigkeit. Denn nachdem man schon eine Weile gestaunt hat, wie hier Kathedralen aus Körpern gebaut werden, wie Vogelschwärme und sich aufbäumendes Meer imitiert und Performer zu sich überschlagenden Flugkugeln werden – nachdem also die Genialität aus Geist, Muskeln und Mut ausreichend demonstriert wurde, kippt plötzlich die Stimmung: Die „Krone der Schöpfung“ kollabiert, Menschentürme sacken ganz sanft in sich zusammen, Leiber liegen wie versehrt am Boden.
So wundersam der Körper ist, so sterblich ist er auch. Aber erst unsere Verletzlichkeit, macht uns liebenswert, und vielleicht – so die Utopie dieses Abends – könnten wir ja doch mehr sein, als ein missmutig-brutales, selbstherrlich auf der Erde herumstapfendes Menschlein? Abheben, bis zur nächsten Spielzeit.
