Das Collegium Vocale Gent zeigte in der Kölner Philharmonie unter der Leitung seines Gründers Philippe Herreweghe stilistische Geschlossenheit und wohlgerundete Vokalfarben.
Collegium Vocale Gent mit Bachs Matthäus-PassionGroßer Klang, wenig Gestik

Philippe Herreweghe, Gründer und Vorstand des belgischen Eliteensembles Collegium Vocale Gent
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Wie mag es geklungen haben, als der Leipziger Thomanerchor am Karfreitag des Jahres 1727 Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion aus der Taufe hob? War da ein hochmotivierter, vom Thomaskantor auf Perfektion gedrillter jugendlicher Klangkörper am Start? Oder eher eine von der kargen Kost der Karwoche ausgehungerte Knabenbande, die sich verdrossen durch den ausufernden Feiertagsdienst quälte?
Wie auch immer, es wird deutlich anders geklungen haben als am Palmsonntag in der Kölner Philharmonie, wo das doppelchörige Wunderwerk in den Chormappen des Collegium Vocale Gent steckte. Philippe Herreweghe hat das belgische Eliteensemble im Jahre 1970 gegründet und steht ihm noch immer vor. Seine gewohnt minimalistische Gestik hat er mittlerweile auf ein paar pointierende Fingerzeige reduziert – weder der Chor noch das wach und punktgenau agierende Orchester konnten daraus irgendein Tempo, geschweige denn einen präzisen Einsatz ableiten. Hier wurde offenbar eine lange erprobte, bis ins kleinste Detail durchorganisierte Interpretation abgerufen, eine Teamleistung von seltener Einmütigkeit und stilistischer Geschlossenheit.
In der reinen Qualität des Klangs zählt das Collegium Vocale Gent fraglos zu den weltweit besten Kammerchören. Dieser wohlgerundete, obertonreiche, in den leicht gedeckten Vokalfarben perfekt ausgeglichene Klang setzte im großen Eingangschor mit scheuer Devotion an, um sich im Verlauf des Satzes zu erschütternder Klage zu steigern. Hier waren im Sopran und Alt eben keine Chorknaben im Wachstum am Werk, sondern gut ausgebildete, ihre Mittel sorgfältig einsetzende Frauenstimmen.
Riss in der Darstellung
In der Vermittlung der Textbotschaften ging unüberhörbar ein Riss durch die Darstellung: Wo der Chor als aufgehetzte, geifernde Volksmenge agierte, war die Deklamation angemessen zugespitzt. In den Chorälen dagegen, die eine zentrale Kommentarfunktion einnehmen, war die Intensität der Textgestaltung deutlich schwächer. Zudem ließ Herreweghe alle Choräle mit großen Zäsuren zwischen den Zeilen singen – eine Kleinteiligkeit, die sich in der Großform spiegelte: Auch in der Abfolge der einzelnen Sätze organisierte der Dirigent keine großen Szenenfluchten, sondern arbeitete sich Stück für Stück durch das monumentale Werk.
Die stärksten Bindungskräfte gingen hier vom Evangelisten Guy Cutting aus, der zu Beginn noch merklich nach seiner Klangstütze suchte und auch im weiteren Verlauf der langen Partie immer mal wieder in ein körperloses Falsettieren fiel. Wo es allerdings erzählerisch zur Sache ging, vor allem in den Judas-Episoden, gelang ihm ein markanter stimmlicher Durchgriff: Es ging also doch. Florian Boesch war ein reifer, strenger und mahnender, mehr zorniger als tröstender Jesus, der weichen Streichergloriole zum Trotz, mit der Bach seine Worte umgab.
Die doppelchörige Anlage der Matthäus-Passion spiegelt sich auch in den Solo-Partien, die jeweils einem der beiden Chöre zugeordnet sind. Herreweghe folgte hier (anders als es oft geschieht) den Vorgaben der Partitur und besetzte acht Solisten, die aus dem Chor heraus agierten und auch die Chorstimmen mitsangen – vielleicht nicht unbedingt zu ihrer eigenen Freude. Alle acht erwiesen sich als stilsichere, geschmackvoll verzierende Barocksänger, die sich ihrer Ensemble-Verantwortung bewusst waren und die große solistische Geste mieden. Besonders hervorzuheben wären hier die anmutig und anrührend singende Sopranistin Grace Davidson und die beiden ausgesprochen gestaltungsintensiven Altisten Alex Potter und Benno Schachtner.

