Abo

Duran Duran in KölnDer Song, den Simon Le Bon schreiben musste, um weiterzuleben

6 min
Duran-Duran-Sänger Simon Le Bon. Die Band kommt am 8. Oktober für eines ihrer seltenen Deutschland-Konzerte in die Kölner Lanxess-Arena.

Duran-Duran-Sänger Simon Le Bon. Die Band kommt am 8. Oktober für eines ihrer seltenen Deutschland-Konzerte in die Kölner Lanxess-Arena.

Sänger Simon Le Bon, größter Posterboy der 80er, erzählt, wie er gelernt hat, das Popstarsein zu genießen. Am 8. Oktober spielt Duran Duran in der Lanxess-Arena.

Simon Le Bon, bevor Sie bei Duran Duran einstiegen, haben Sie die Punkband Dog Days gegründet. Mit der haben Sie nur eine einzige Show gespielt und die verlief nicht sehr erfolgreich, heißt es.

Simon Le Bon: Also, wenn man sie mit den Shows vergleicht, die ich seitdem gespielt habe, war es wirklich kein großer Erfolg. Für uns war es damals allerdings fantastisch.

Vor Publikum aufzutreten, das einen weder kennt noch besonders ernst nimmt – was haben Sie daraus gelernt?

Dass ich das konnte. Dass ich den Mut hatte, vor Leuten auf die Bühne zu gehen und zu singen. Das war damals furchteinflößend, aber ich habe es durchgestanden. Das gab mir Selbstvertrauen. Außerdem hat es mich darin bestärkt, selbst Songs zu schreiben.

Zu Ihrem Vorsprechen bei Duran Duran haben Sie ein Notizbuch mit Gedichten mitgebracht und eines Ihrer Gedichte zu einem Instrumental-Track der Band gesungen. Ist das immer noch Ihre Arbeitsmethode?

Ich lasse mich bis heute von der Musik inspirieren. Aber wir haben eine Art unausgesprochene Vereinbarung, teilweise auch aus Faulheit: Wenn wir in eine Schreibsession gehen, gehen wir mit nichts hinein. Mit leerem Kopf und ohne vorgefasste Meinungen darüber, was funktionieren wird. Wir benutzen nur unsere Ohren und unsere Vorstellungskraft.

Als Sie bei der Band einstiegen, waren Sie noch Schauspielstudent. Denken Sie manchmal an die andere Karriere, die Sie an diesem Tag möglicherweise hinter sich gelassen haben?

Ja, das tue ich. Ich frage mich, wie erfolgreich ich als Schauspieler geworden wäre. Sicher nicht so erfolgreich wie mit Duran Duran, das liegt mir einfach viel mehr. Ich habe enormen Respekt vor Schauspielern, aber die Vorstellung, jemand anderen zu spielen, die ist für mich nicht so reizvoll, als mit meinem eigenen Text auf der Bühne zu stehen und sagen zu können: Das bin ich.

Als Punkrocker wäre es absolut lächerlich gewesen, zu posieren.
Simon Le Bon

Hat Ihnen diese Ausbildung dabei geholfen, Ihre Popstar-Persona zu entwickeln?

Das hätte sie wohl gekonnt, aber das wäre eine Pose gewesen. Vergessen Sie neben dem Schauspiel- nicht meinen Punk-Hintergrund. Als Punkrocker wäre es absolut lächerlich gewesen, zu posieren. Glaubwürdigkeit und Authentizität waren das Wichtigste. Das habe ich damals sehr stark in Duran Duran eingebracht und daran haben wir alle festgehalten. Wenn jemand anfängt zu posieren, bekommt er sofort ordentlich Gegenwind von den anderen Bandmitgliedern. Wir ziehen uns gegenseitig auf und halten uns so ehrlich.

Aber wie kommt man vom Punk und seiner Authentizität eigentlich zu den New Romantics und dazu, der – verzeihen Sie den Ausdruck – Posterboy der 80er zu sein?

Für uns war das ein natürlicher Übergang. Wir waren zwar alle Punks. Aber Punk war für uns nicht nur ein politisches Statement, sondern auch ein persönliches. Als Punk liefst du durch die Straßen deiner Heimatstadt, und die Leute zeigten auf dich, lachten dich aus. Manchmal hatten sie Angst vor dir, manchmal wollten sie dich umbringen. Man gewöhnte sich daran, sich anders zu fühlen als alle anderen. In einer Band musst du das Gefühl haben, etwas zu besitzen, das es wert ist, dass die Leute kommen, um es zu sehen und zu hören. Diese Überzeugung trugen wir alle in uns. Dazu kommt noch, dass Jugendbewegungen wie Punk nicht stehen bleiben, sondern sich weiterentwickeln. Besonders in dieser Zeit, Ende der 70er, Anfang der 80er, passierte alles sehr schnell, fast gleichzeitig. Aus Punk wurde New Wave, wurde Post-Punk, wurde New Romantic, bis hin zur Soulboy- und Ska-Szene.

Bei Duran Duran kam noch die visuelle Komponente dazu. Die war so dominant, dass manche Kritiker Ihre fantastischen Songs nicht zu hören schienen. Hat Sie das damals gestört?

Es gab Zeiten, in denen uns das gestört hat, absolut. Aber wenn du vor einer ausverkauften Arena spielst, in der die Leute schreien, singen und zu deiner Musik tanzen, rückt das die Dinge, die in den Zeitungen stehen, in die richtige Perspektive. Dann ist nur das real: diese völlig rohe Beziehung zwischen der Band und dem Publikum. Deshalb lieben wir es auch bis heute, auf Tour zu gehen.

Duran Duran anno 2026: Roger Taylor (v.l.), John Taylor, Nick Rhodes, Simon Le Bon

Duran Duran anno 2026: Roger Taylor (v.l.), John Taylor, Nick Rhodes, Simon Le Bon

Andere Legacy-Bands touren vor allem als Verwalter ihres Back-Katalogs. Aber Sie haben sich das Interesse daran, zusammen neue Songs zu schreiben, bewahrt.

Ich würde nie sagen, dass es langweilig ist, die alten Hits zu spielen. Aber es ist immer etwas Besonderes, wenn man dem Publikum einen neuen Song vorspielen kann. Klar gibt es Leute, die nur „Girls on Film“, „Rio“ oder „Notorious“ hören wollen. Aber auch das waren alles einmal neue Songs. Wenn wir jetzt auf die Bühne gehen und einen aktuellen Song wie „Free To Love“ spielen, springt das Publikum sofort auf.

Weil der ein absoluter Banger ist. Auf welchen Ihrer Songs sind Sie eigentlich am stolzesten? Und welchen mussten Sie erst wieder lieben lernen?

Ich glaube, am stolzesten bin ich auf „Ordinary World“. Weil der Song wunderschön ist und eine emotionale Tiefe hat, die viele Menschen berührt. Der Song, den ich wieder lieben gelernt habe, ist „The Reflex“. Alle fragen mich immer: Simon, worum geht es bloß in „The Reflex“? Ich sage dann: Ich werde diesen Song nie erklären. Vielleicht, weil ich ihn mir erst selbst erklären müsste. Ich habe die Worte damals einfach laufen gelassen. Es geht um den Willen, etwas zu erschaffen, um Inspiration. Der Reflex ist dieses Ding, das einen dazu bringt, etwas Neues machen zu wollen.

Sie könnten einfach, wie es im Lied heißt, mit einem Fragezeichen antworten.

Da haben Sie es. Jetzt habe ich ihn doch erklärt. Er ist das Fragezeichen zur Antwort: „Every little thing the reflex does is an answer with a question mark.“

Lassen Sie mich noch einmal zu „Ordinary World“ zurückkommen. Ich denke da besonders an die Zeile „Ich werde nicht um gestern weinen, es gibt eine ganz normale Welt, die ich irgendwie finden muss“. Das war ein später Hit für Sie, Ihre Teenageridol-Tage lagen schon hinter Ihnen. Wie schwer war es für Sie damals, diese gewöhnliche Welt wiederzufinden?

Tatsächlich war ich tief in Trauer versunken, als ich den Song schrieb. Ich musste einen Weg hinausfinden, weil ich sonst für den Rest meines Lebens ein trauriger Mensch geworden wäre. Diesen Song zu schreiben, war mein Weg, mit der Trauer umzugehen.

Ich musste einen Weg aus der Trauer hinausfinden, weil ich sonst für den Rest meines Lebens ein trauriger Mensch geworden wäre.
Simon Le Bon

Wollen Sie mir sagen, um wen Sie damals getrauert haben?

Um einen meiner besten Freunde. Er starb an einer Überdosis. Ein dummer Unfall. Er dachte, er wäre von seiner Sucht losgekommen, aber dann traf er sich mit Freunden und nahm am Ende die falsche Dosis, und die tötete ihn. Es hatte mich schon verletzt, dass er überhaupt Heroin nahm, ich hasste das. Sein Tod fühlte sich so falsch und so sinnlos an, eine solche Verschwendung von Leben. Also widmete ich ihm einen Teil meines Lebens. Dann wurde es mehr als das: Ich hatte das Gefühl, von seinem Geist verfolgt zu werden. Ich musste mich erst von seinem Geist befreien, um irgendeinen Sinn in dem, was geschehen war, finden zu können. Diesen Song zu schreiben, war meine Art zu sagen: Ich liebe dich, Mann, aber ich muss dich ziehen lassen.

Wie ist das, wenn Sie „Ordinary World“ heute auf der Bühne singen?

Jedes Mal, wenn wir diesen Song spielen, kommt mein Freund zu mir zurück. Er lebt auf diese Weise in meiner Erinnerung weiter. Auf eine viel bessere, viel gesündere Art als vor dem Schreiben des Songs.

Sie haben Ihre Gefühle mit der ganzen Welt geteilt. Und dabei den Menschen ein Gefäß für deren Gefühle gegeben.

Genau. Wenn Menschen „Ordinary World“ hören, projizieren sie ihre eigenen Gefühle, ihr Leben und ihre Erfahrungen auf diesen Song. Das ist es, was wirklich zählt: nicht, was ich beim Schreiben beabsichtigt habe, sondern wie die Menschen ihn hören, wie er sie berührt und was er sie fühlen lässt. Das bringt mich zu einem anderen Punkt: Wenn wir vor Publikum spielen, kommen die Leute nicht, um Duran Duran zu sehen. Sie kommen, um „Hungry Like the Wolf“ zu hören, „Girls on Film“ oder „Come Undone“, all diese Songs. Meine Aufgabe ist es, den Songs zu dienen. Wenn du so viel Zeit im Studio verbringst, um diese unglaublichen Musikstücke zu schreiben, aufzunehmen und zu produzieren – dann musst du sie den Leuten auch so gut wie möglich servieren. Wenn du das als Performer tust, fügt sich alles andere von selbst.

War Ihnen das von Anfang an klar?

Oh nein, das hat mich gut 25 Jahre gekostet, das zu lernen. Mindestens. Aber wenn man es einmal gelernt hat, macht das Auftreten umso größeren Spaß. Das sage ich mir selbst und auch dem Rest der Band vor jeder Show: Lass die Songs die Arbeit machen.

Und dadurch genießen Sie das Singen umso mehr?

Ja, das lässt mich meine Arbeit viel mehr wertschätzen. Ich muss mich nicht an das Publikum ranschmeißen, ich muss auch nicht befangen sein. Ich bin Teil dieser wunderbaren Sache und es ist die Musik, die alles bestimmt.

Sie führen Duran Durans Langlebigkeit auf Ihre Entscheidung zurück, sich die Songwriting-Credits immer zu teilen. Und natürlich auf Ihre fortdauernde Freundschaft. Aber so eine kreative Langlebigkeit erfordert auch Meinungsverschiedenheiten. Welche Auseinandersetzungen haben Sie und die Band nach vorn gebracht?

Alle: Sowohl die Auseinandersetzungen, die ich gewonnen, als auch die, die ich verloren habe. Niemand hat bei uns allein das Sagen, niemandes Meinung ist wichtiger als die der anderen. Ich habe gelernt, auch Auseinandersetzungen zu verlieren, die mir wirklich wichtig waren. Und das hat mir klar gemacht, dass Duran Duran größer ist als jeder Einzelne von uns.