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Marcus Dekiert„Wir haben die große Chance, einmal das Gelingen zu zeigen“

7 min
Marcus Dekiert steht während einer Museumsparty im Foyer des Wallraf.

Marcus Dekiert, Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Marcus Dekiert, Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, über die Schließung seines Hauses, die Stadt Köln und die Furcht vor dem Interim.

Herr Dekiert, das Wallraf wird bis Ende 2028 saniert. Was macht ein Museumsdirektor, wenn sein Museum geschlossen ist?

Erst einmal sehr viel arbeiten. Ab dem Moment, in dem das Haus geschlossen ist, ziehen wir aus, und zwar mit der gesamten Kunst, dem gesamten Kunstbestand. Danach werden wir mit der losen Möblierung und dem gesamten Team hier herausgehen. Beides wird uns noch zwei Monate in Beschlag nehmen.

Und danach?

Werden wir uns in den Feinschliff begeben, was die Konzeption des Hauses und unserer Sonderausstellungen angeht. Solche großen Sonderausstellungen brauchen drei, vier, fünf Jahre Vorlauf. Wir werden uns zudem überlegen, was wir zur Eröffnungsfeier machen. Natürlich wollen wir ein großes Fest feiern. Vielleicht sogar gemeinsam mit dem Museum, das bei uns gegenüber gebaut wird, dem MiQua. Dann könnten wir einen wunderbaren Hotspot für die Kunst und die Kultur im Schatten des Historischen Rathauses schaffen.

Haben Sie die Eröffnung schon im Kopf?

Ich habe Ideen, aber ich werde dazu noch nichts verraten. Nach meiner Erfahrung der letzten Jahre ist man bei diesem ganzen Prozess sehr gut beraten, mit Meilensteinen zu arbeiten. Dass man also guckt: Was ist das nächste erreichbare Ziel? Beim Erweiterungsbau haben wir den ersten Spatenstich gemacht, wir haben den Grundstein gelegt und sind jetzt am Übergang vom Tiefbau zum Hochbau. Man sieht, dass es vorangeht. Derzeit sind wir stark konzeptuell unterwegs und machen uns etwa Gedanken über unser Foyer, das im Sinne von O.M. Ungers tatsächlich eine Stadtloggia werden soll. Der Erweiterungsbau wird ja keinen eigenen Eingang haben, der Zugang erfolgt über das Foyer des Ungers-Baus. Da gibt es noch vieles anzupassen.

Zur Wehmut kommt aber auch der Push, der Aufbruch, dass wir jetzt nach vorn schauen können
Marcus Dekiert

Was bedeutet die Erweiterung für das bestehende Haus?

Es wird einen großen Wandel geben für unsere Sammlung, denn der Ungers-Bau ist errichtet worden für die drei Sammlungsteile Mittelalter, Barock und 19. Jahrhundert. Und in seiner hermetischen Form war er nie dafür gedacht, dass es einen Erweiterungsbau gibt. Bald werden wir mit dem 19. Jahrhundert in das neue Gebäude hinübergehen, mit einem Rundgang von Caspar David Friedrich bis zu Vincent van Gogh, was sehr eindrucksvoll wird, auch mit den Werken der Fondation Corboud. Diese Trennung verändert den gewohnten Ablauf, und wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir damit künftig umgehen wollen.

Ich vermute, die Architekten des Erweiterungsbaus, Christ und Gantenbein, sind froh, dass es endlich losgeht.

Ja, das kann man auf jeden Fall sagen. Christ und Gantenbein haben den Wettbewerb ja bereits 2013 gewonnen, das ist 13 Jahre her. Eine viel zu lange Zeit. Trotzdem sind sie stets sehr engagiert dabei. Es herrscht ein sehr gutes Miteinander und wir wollen die Herausforderungen gemeinsam bewältigen. Die Architekten müssen dabei auch den bestehenden Bau stets mitdenken. Gerade die neue Wegeführung ist eine zentrale Frage.

Sie haben sich mitunter kritisch geäußert über die mangelnde Funktionalität des Ungers-Baus. Wird mit dem Erweiterungsbau alles gut?

Der Ungers-Bau ist, was die Museumssäle angeht, ein sehr gutes Museum. Aber das Haus hat Schwierigkeiten und die versuchen wir nun, zu beheben. Man muss bedenken: Oswald Mathias Ungers hat das Wallraf vor 30 Jahren geplant. Heute sind wir drei Jahrzehnte weiter und es spielen andere Kriterien eine führende Rolle, etwa was die Zugänglichkeit zu unseren Sonderausstellungen angeht. Doch betrifft das auch nur scheinbar banale Dinge, wie die Größe von Garderoben, die Größe von sanitären Anlagen oder die Barrierefreiheit. Diese Themen, zu denen auch Brandschutz und Sicherheit zählen, sind zentral. Hier können wir nach drei Jahrzehnten Verbesserungen schaffen.

Wird die Belegschaft komplett ins Homeoffice wechseln oder werden Sie etwa für die Restaurierung Räume anmieten?

Gott sei Dank brauchen wir für die Restaurierung nichts anzumieten, denn die Kollegen können ins Museum Ludwig umziehen. Dort haben wir eine großartige Bereitschaft vorgefunden, uns zu unterstützen. Wir planen, zwei Dutzend Kunstwerke in der Interimszeit dort zu untersuchen und zu restaurieren. Wenn diese dann restauriert sind, haben wir zur Eröffnung einen besonderen Benefit.

Ein Bagger baggert im Bauloch.

Vor der Grundsteinlegung des Wallraf-Erweiterungsbaus im Oktober 2025

Und wo bleiben die anderen?

Mit dem restlichen Team, wir sprechen von etwas über 20 Mitarbeitenden, ziehen wir in eine Liegenschaft der Stadt direkt hier gegenüber. Diese wurde eigentlich für die Büros der Baufirmen ertüchtigt. Ich fand allerdings, dass es noch wichtiger ist, das Museumsteam gut und ortsnah unterzubringen. Bei der Stadt war man für dieses Argument sehr zugänglich und deshalb können wir geschlossen in die Martinstraße umziehen. Das ist auch für das Miteinander des Teams wichtig, auch wenn es nicht ganz so kommod sein wird wie hier im Bestandsgebäude.

Aber die Trauer dürfte trotzdem groß sein.

Ja, absolut, es ist viel Wehmut dabei, das ist vollkommen klar. Ich bin jetzt auch schon 13 Jahre hier. In dieser Zeit haben wir viele erfolgreiche große Ausstellungen gemacht, aber auch kleine, spannende Projekte. Und wir haben intensiv mit der eigenen Sammlung gearbeitet. Die hängt einem am Herzen, wie auch vielen Besuchenden. Zur Wehmut kommt aber auch der Push, der Aufbruch, dass wir jetzt nach vorn schauen können, dass wir nicht nur mit Papieren arbeiten und alles nur in Plänen sehen, sondern dass jetzt wirklich gebaut wird, dass wir gestalten können und ein erreichbares Ziel in einem machbaren Zeithorizont haben. Da schlagen schon zwei Herzen in meiner Brust.

Sie haben gerade die Trauer der Kölner angesprochen. Haben Sie sich Gedanken über ein Interim für das Wallraf gemacht?

Selbstverständlich. Zunächst einmal bin ich allerdings der Auffassung, dass zwei Jahre zu knapp sind für den hohen Aufwand, den die Einrichtung eines Interims mit sich bringt. Letztlich aber habe ich mich vor allem aus zwei Gründen bewusst dagegen entschieden. Erstens können wir mit unserer Sammlung nicht ein ehemaliges Kaufhaus nutzen oder das Belgische Haus wie das Römisch-Germanische-Museum. Wir könnten also nur in ein anderes Museum gehen, würden dort aber Platz belegen, vielleicht auch gar nicht nur willkommen sein. Der noch wichtigere Grund aber war, den Druck hochzuhalten auf die Stadt und alle Projektbeteiligten, das Begonnene schnellstmöglich zu vollenden. Gerade in Köln liegt doch die Gefahr nahe, dass man länger in einem Interim bleiben muss, als es unbedingt nötig ist.

Mit einem Interim hieße es vielleicht: Man kann Lochner und Rembrandt auch so sehen, dann können wir auch erst fünf Jahre später fertig werden
Marcus Dekiert

Das ist noch freundlich ausgedrückt.

Mit einem Interim hieße es vielleicht: Man kann Lochner, Rembrandt und Van Gogh auch so sehen, dann können wir auch erst fünf Jahre später fertig werden. Dabei haben wir hier die große Chance, einmal das Gelingen zu zeigen. Wir haben großartige Unterstützung von außerhalb der Stadtverwaltung mit unseren beiden Fördervereinen, dem Stifterrat und den Freunden. Das ist uns sehr wichtig. Und ich glaube, alle miteinander, gemeinsam mit den vielen guten Mitarbeitern in der Stadtverwaltung, werden wir das hinbekommen, werden wir zeigen, dass es in Köln nicht immer Jahre länger dauern muss, als geplant ist.

Auch beim Erweiterungsbau gab es bereits Probleme auf der Baustelle. Wie sicher sind Sie, dass Sie trotzdem in der Zeit fertig werden?

Wir werden alles dafür tun, dass es so kommt. Sie sprechen die Baugrundrisiken an, die in der Kölner Innenstadt immer da sind. Wenn man den Boden öffnet, entdeckt man verlässlich etwas. Unser Baugrundstück liegt unmittelbar jenseits der römischen Stadtmauer, die hier auch die alte Hafenmauer ist. Wenn man hier gräbt, findet man auch. Man hat etwa eine eindrucksvolle Spundwand gefunden, die 2000 Jahre alt ist; man hat umfangreiche mittelalterliche Keller gefunden. Das alles muss gut dokumentiert werden. Was uns stärker aufgehalten hat, war der Fund von Quecksilber auf der Baustelle. Das kam etwas unerwartet, obwohl es ähnliche Funde in der Kölner Innenstadt schon gab. Es stammt von mittelalterlichen Spiegelmachern und Goldschmieden, die damit gearbeitet haben. Die Konzentration im Erdreich war nicht allzu hoch. Aber natürlich muss das fachmännisch entsorgt und dann eingelagert werden. Das hat Zeit gekostet.

Mehr Zeit als Sie haben?

Unser externer Projektsteuerer Jürgen Volm und sein Team rechnen solche Dinge in den Zeitpuffer ein. Wir verlieren damit nicht unmittelbar den gesamten Zeitraum, sondern uns wird vom Zeitpuffer etwas weggenommen. Wir haben jetzt den Großteil des Baugrundes erschlossen. Es gibt noch einen kleineren Teil, der Richtung Ungers-Bau liegt. Da wird man abwarten müssen. Aber im Großen und Ganzen läuft alles jetzt auf einem sehr guten Weg. Unwägbarkeiten gibt es immer. Aber wir sind aktuell im richtigen Tempo unterwegs.

Könnten bei der Sanierung des Ungers-Baus noch unliebsame Überraschungen auf Sie warten?

Nein, das glauben wir nicht. Die wirklich unliebsame Überraschung, die ja überhaupt erst dazu führt, dass wir das Haus so lange schließen müssen, haben wir schon entdeckt: Das Rohrsystem des Gebäudes muss in weiten Teilen ersetzt werden. Deshalb müssen wir mit der Kunst ausziehen. Wir hatten lange geplant, die Generalinstandsetzung bei laufendem Betrieb hinzubekommen. Vor dreieinhalb Jahren haben wir das Dach des Museums unter Betrieb saniert. Das war herausfordernd, aber möglich. Jetzt geht das leider nicht. Die Wände müssen geöffnet werden, die Böden und die Decken.

Welches Bild der Sammlung werden Sie am meisten vermissen?

Das ist eine Frage, die der Museumsmensch nicht gerne hört, weil es ja so viele wunderbare Bilder hier gibt. Aber was mir immer besonders am Herzen gelegen hat, ist das Selbstbildnis von Rembrandt. Das hat etwas damit zu tun, dass ich als Kunsthistoriker aus dem niederländischen Barock komme und in München mit einer großartigen Rembrandtsammlung gearbeitet habe. In Köln haben wir dieses unglaubliche Selbstbildnis: Wenige Jahre vor seinem Tod gemalt, blickt Rembrandt aus dem Bild, von allem Apparat, den Rubens oder andere Barockmaler sich geben würden, entkleidet. Er ist als Mensch dargestellt, der auf sein Leben zurückblickt, vielleicht auf sein Ende vorausschaut und den Blick dabei direkt auf den Betrachter richtet. Das Gemälde gehört zu den großen Kunstschätzen, nicht nur dieses Hauses, sondern der Stadt Köln.