Neueröffnung im InterimDas lange Warten auf das Kölnische Stadtmuseum hat sich gelohnt

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Ein Modell der Stadt Köln im Jahr 1571 mit Häusern am Rheinufer.

Das Modell der Stadt Köln im Jahr 1571 ist eines der Publikumslieblinge des Kölnischen Stadtmuseums.

Im Herzen Kölns eröffnet das Stadtmuseum sein Interim an der Minoritenkirche. Es ist ein gelungener Neuanfang. 

Lage, Lage, Lage – das alte Maklermantra gilt in Köln mit kleinen Einschränkungen auch für die städtischen Museen. Die lokalen Schatzhäuser drängeln sich wohl nicht zufällig um den Dom und dürfen in dessen Schatten zumindest darauf hoffen, von seinen Besucherströmen zu profitieren. Seit heute gehört auch das Historische Stadtmuseum zum illustren Kreis der unmittelbaren Domnachbarn – wenn auch nur in der Zwischenlösung eines ehemaligen Modehauses. Gleich gegenüber liegt die Minoritenkirche, gleich um die Ecke Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums. Man könnte es schlechter treffen. Beispielsweise im muffig gewordenen Zeughaus, dem sanierungsbedürftigen Stammsitz.

Das Stadtmuseum könnte es freilich auch besser treffen. Aber die Historische Mitte scheint vorerst in weite Ferne gerückt. So bleibt die Heimkehr ins Zeughaus die realistischere Variante, die für Henriette Reker ohnehin die beste ist. Kölns Oberbürgermeisterin versicherte bei der Eröffnung des Interims auch gleich, dass aus dem Modehaus Sauer kein „Dauerdomizil“ werden solle. Nach dem ersten Rundgang stellte sich mancher Besucher möglicherweise die Frage: warum eigentlich nicht?

Es spricht vor allem eines gegen das Interim: Es ist zu klein

Es spricht vor allem eines gegen das Interim: Es ist zu klein. Das umgebaute Modehaus Sauer fasst lediglich 200 Besucher gleichzeitig, für Sonderausstellungen ist kein Platz. Dieses Problem will Kulturdezernent Stefan Charles „in den nächsten Wochen und Monaten“ angehen. Aktuell gibt es im Stadtmuseum lediglich einen „Open Space“ im Foyer, der tatsächlich nicht mehr als eine kleine offene Fläche ist. Bis zur Fußball-EM soll hier eine Schau zur kölschen Fußballkultur entstehen.

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Für das Interim spricht, dass sich die Kuratoren genau überlegen mussten, was sie zeigen – und dass sie dabei viele richtige Entscheidungen getroffen haben. Zudem bot ihnen der Umzug die lange überfällige Gelegenheit, die kölnische Stadtgeschichte auf dem neuesten Stand von Wissenschaft, Technik und Museumspädagogik zu präsentieren. Natürlich lässt sich über die neue „Emotionalisierung“ dabei ebenso streiten wie über manche Wandbeschriftung (Adenauer als „Tausendsassa“ zu bezeichnen, greift vielleicht doch etwas zu kurz). Aber die Idee, die Chronologie der Ereignisse aufzubrechen und die Objekte auf acht „Frageräume“ zu verteilen, trägt auch über die unvermeidlichen Unebenheiten einer schülertauglichen Präsentation hinweg.

Vermutlich dürften sich viele Geschichtslehrer sogar über den neuen Schnellkurs durch 2000 Jahre Stadtgeschichte freuen. „Köln in 30 Minuten“ verspricht der Eingangsraum im ersten Halbgeschoss, ohne Urheber und Gegenstand dabei zu blamieren. Natürlich bleiben hier Wünsche offen. Aber die erste Stadtverfassung fehlt ebenso wenig wie das Stadtsiegel von 1269 oder ein Globus des Kölner Astronomen Caspar Vopelius. Um 1542 dürfte selbst der stolzeste Kölner begriffen haben, dass sich das Universum nicht (mehr) um seine Heimat dreht.

Die illustrierte Zeitleiste fasst das alte Stadtmodell ein, das Köln im Jahr 1571 zeigt – schon im Zeughaus war es ein umlagerter Publikumsliebling. Von hier aus verläuft der historische Parcours in die anderen Geschosse, deren Themenwelten (vom Rhein über den Krieg bis zum Glauben) durch groß an die Wände geschriebene Fragen angekündigt werden: Was bewegt uns? Was verbindet uns? Was lieben wir? Manche Antworten verstehen sich für die Einheimischen von selbst (der Effzeh als Ersatzreligion), ohne deswegen verzichtbar zu sein, andere spannen einen weiten Bogen: Im neuen Stadtmuseum beginnt der Kampf um die Bürgerrechte mit einem Zunftbecher der mittelalterlichen Fassbinder, setzt sich mit einer in Karl-Marx-Rot gefärbten Fahne der Demokratischen Gesellschaft fort und endet vorläufig mit der ersten Ausgabe der „Emma“.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Migration durch die Ausstellung

Vor der offiziellen Eröffnung hatte Oberbürgermeisterin Reker gesagt, dass sich gerade auch internationale Gäste im neuen Stadtmuseum ein Bild von Köln machen können. Tatsächlich ist die Ausstellung durchweg zweisprachig (Deutsch und Englisch) und auch sonst inklusiv. Das Erste, was ausländische (und einheimische) Besucher beim Betreten des Museums sehen, ist allerdings die Frage: Was macht uns Angst? Ein etwas seltsamer Willkommensgruß, der vor allem der offenen Architektur geschuldet ist, aber irgendwie auch in die bangen Zeiten passt. Und schließlich ist „German Angst“ ein weltweit geläufiger Begriff.

Tatsächlich gibt es in Köln ja einiges, bei dem einem bange werden kann. „Fahrradfahren ist hier der Hammer“, steht unter einem Fahrradhelm, den ein Kölner Bürger gemeinsam mit dem Zitat zur Ausstellung beigesteuert hat. Er gehört zu den „Laienhistoriker“, die vorab eingeladen wurden, zu jeder Leitfrage Antworten aus ihrem Alltagsleben zu formulieren. Die Fallhöhe in die Historie ist dann teilweise erheblich. Auf den „mörderischen“ Straßenverkehr von heute folgt etwas unvermittelt die NS-Zeit mit einer KZ-Uniform. Ein ganzes Waffenarsenal gibt es in der abgedunkelten und mit „stimmungsvoller“ Musik unterlegten Kriegskammer. Hier gilt bange machen nicht mehr: Ein unsichtbarer Krieger trägt oben Weltkriegsuniform und unten Ritterrüstung.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Migration durch die Ausstellung – schon das mittelalterliche Köln war eine Einwanderungsstadt. Das jüngste Exponat dazu ist das Paar Schuhe eines syrischen Kriegsflüchtlings, daneben hängt der Mantel eines jüdischen Bürgers, der während der NS-Zeit aus seiner kölschen Heimat fliehen musste. Auch der Islam ist im Stadtmuseum ein selbstverständlicher Teil der Stadtgeschichte. Er findet sich an mehreren Stellen, wie auch das Leben der türkischen Gemeinschaft, die stellvertretend für die vielen migrantischen Gruppen steht.

Am Ende staunt man, wie viel Kölner Geschichte auf derart begrenztem Raum Platz findet. Auch im neuen Stadtmuseum kann man den ganzen Tag zubringen, und man hat, anders als zuletzt im Zeughaus, sogar noch Spaß dabei. Dass die Kuratoren auch mal schummeln, sei ihnen geschenkt. Den patriotischen Tafelaufsatz „Vater Rhein“ vervielfältigen sie per Spiegeltrick ins Unendliche. Dabei ist das Original allein doch schon scheußlich genug.


Kölnisches Stadtmuseum, Minoritenstr. 13, Köln, Di. 10-20 Uhr, Mi.-So. 10.17 Uhr. Eintritt: 5 Euro/ ermäßigt 3 Euro.

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