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Kölner PhilharmonieTurbulenter Blindflug durch Hans Werner Henzes Musik

3 min
Ein Mann dirigiert mit seinem rechten Arm.

Dirigierte das Ensemble Modern in der Philharmonie: Ingo Metzmacher (Archivbild)

Die Aufführung des vielfältigen Liederzyklus‘ „Voices – Stimmen“ litt am Montagabend an mangelnder Textverständlichkeit.

Solisten, Ensemble und Dirigent sind ausgezeichnet. Die Musik ist abwechslungsreich, vielfarbig, wahlweise ironisch oder hoch expressiv. Doch man versteht nicht, was gesungen wird. Ohne Textverständnis verpuffen die leidenschaftlichen Proteste, Ausbrüche, Verzweiflungen, Triumphe der Lyrik politischer Dichter des 20. Jahrhunderts. Die Musik wirkt folglich unmotiviert, oft gar sinnlos und regelrecht grotesk. Es ist ein Jammer!

Hans Werner Henzes abendfüllende Sammlung an Ensembleliedern „Voices – Stimmen“ von 1973 singen Sopranistin Amanda Becker und Tenor Peter Tantsits meist abwechselnd, gelegentlich auch zusammen. Gegenüber dem vielfarbigen Ensemble Modern unter ebenso präziser wie elegant-lässiger Leitung von Ingo Metzmacher sind sie dank Klangregie von Norbert Ommer ausreichend durchsetzungsstark. Doch schon bei deutschsprachigen Texten ist die Verständlichkeit eingeschränkt. Mit abnehmenden Sprachkenntnissen sinkt sie bei Englisch, Italienisch und Spanisch gegen Null. Das ist bei textausdeutenden Liedvertonungen tödlich, weil alle lebendigen Beziehungen von verbalem Verstehen und sinnlichem Hören verdorren.

Fehlende Textvorlage erschwerte das Zuhören zusätzlich

Die Kölner Philharmonie stellte kein gedrucktes Programmheft bereit, sondern nur per QR-Code auf dem Smartphone. So ließen sich immerhin Titel, Dichter und knappe Inhaltsangaben der Gedichte entnehmen, nicht aber die Texte. Die meisten sind anscheinend urheberrechtlich geschützt und wurden von den Verlagen nicht freigegeben. Auch die Projektion per Übertitel wäre sonst denkbar gewesen, wie sie selbst bei deutschsprachigen Opern längst eine willkommene Verstehenshilfe geworden sind. Das Publikum war folglich mit Blindhören und der Frustration lediglich bruchstückhafter Wahrnehmung konfrontiert. Dennoch war Henzes Musik, zumal in ausgezeichneter Wiedergabe, ein Hörerlebnis.

Im „Prison Song“ aus den Gefängnistagebüchern des vietnamesischen Revolutionärs Ho Chi Minh erntet die Sopranistin keifende Widerworte aus dem Ensemble. Verhaltenes Klappern, Knistern, Rasseln schafft eine Atmosphäre wie hinter dicken Mauern. Als Akt des Widerstands ertönt eine chinesische Holzflöte. Bertolt Brechts „Keiner oder alle“ klingt wie ein markiges Arbeiterkampflied von Hanns Eisler. „The Electric Cop“ nach Victor Hernández Cruz parodiert die Reizüberflutung im Fernsehzeitalter. Über tosendem Tremologewitter kreischt der Tenor wie ein Showmaster ins Mikrofon. Es gibt Tanzmusik, Hammond-Orgel, Zuspielungen johlender Menschenmengen und präpotente Aussagen von Donald Trump. Dazu steigen bunte Luftballons auf, die freilich alle zerplatzen.

Henzes Musik changiert zwischen Stilen und Traditionen. Es gibt Marsch, Walzer, Habanera, Folklore, Jazz, Revue, Galopp, Verdi-Arie und italienische Serenade mit sanfter Gitarrenbegleitung. In „Heimkehr“ nach Heinrich Heine spielt das Horn eine Sehnsuchtsmelodie im Stil von Mahlers „Wunderhorn“-Romantik. „Recht und billig“ nach Erich Fried listet mit sarkastischer Leichtigkeit die im Vietnamkrieg getöteten Zivilisten auf, für welche die USA jeweils umgerechnet 120 Deutsche Mark Ausgleich zahlten. Bei Richard W. Thomas‘ „The Worker“ über einen schwarzen Arbeiter wird das Ensemble zum Gospel Choir. Michalis Katsaros‘ „Schluss“ macht in hinkendem 5/8-Takt „Schluss mit der Tagesschau, Schluss mit der Eigentumswohnung“, und am Ende „Schluss mit dem Publikum und Schluss mit mir, der Euch das alles erzählt“. So hinterlässt die weltrevolutionäre Fiktion totaler Befreiung am Ende schlicht gar nichts mehr.