31 Jahre nach ihrem ersten Auftritt im E-Werk spielt die legendäre Britpop-Band Pulp endlich wieder in Köln.
Pulp im PalladiumUnd dann wirft Jarvis Cocker mit Teebeuteln

Pulp-Sänger Jarvis Cocker gestikuliert am 29. Juni 2026 im Kölner Palladium.
Copyright: Arton Krasniqi
Manchmal muss man zu drastischen Maßnahmen greifen, seufzt Jarvis Cocker und zieht sein nasses Jackett aus. Das Publikum im ausverkauften Palladium wirkt dagegen, wie der Pulp-Sänger nicht ohne Neid bemerkt, kaum verschwitzt. Auf der Bühne herrschen andere Temperaturen, hier bleibt die Hitzewelle ungebrochen. Manchmal erscheint der immer noch dünne Mann nur als Schattenriss in gelb-oranger Scheinwerferflut, festgehalten in seinen charakteristisch ungelenken Tanzposen: Ein Arm in die Höhe, die Hand abgewinkelt, das Hinterteil herausgesteckt, das er einst blankgezogen Michael Jackson entgegenstreckte, als der sich anno 1996 auf den Brit Awards im Kreise junger Knaben als Messias gerierte.
Einer der besten Pop-Momente der 90er. Und unwiederholbar. „Egal, wie viele Kleidungsstücke ich heute Abend noch ablege“, enttäuscht er die johlende Menge, „ihr werdet mich nicht in meiner Unterwäsche sehen.“ Dann greift er den auf einer Verstärkerbox liegenden BH, wirft ihn dorthin zurück, von wo er vermutlich geflogen kam, und setzt zum Song namens „Underwear“ an, vom „Different Class“-Album, dem unbestrittenen Meisterwerk der Band aus der englischen Arbeiterstadt Sheffield.
Ihr werdet mich nicht in meiner Unterwäsche sehen.
Darin erzählt Cocker aus der Sicht einer jungen Frau, die sich nach dem Clubbesuch einen Mann mit in ihre Wohnung genommen hat und es im selben Augenblick bereut: Gleich wird er mich in meiner Unterwäsche sehen wollen, denkt die Unwillige: „Sobald es losgeht, führt kein Weg mehr daran vorbei, dass du ein Mädchen bist und er ein Junge.“
Kurz darauf zieht er das immer noch feuchte Jackett wieder an. Nur nicht übermütig werden. Außerdem lässt sich das Mikrofon nach der letzten Strophe so elegant in die Brusttasche stecken – auf diese eklatant unrockige Geste kann Cocker Patent anmelden.
In den meisten Pulp-Songs reimt sich Zweisamkeit auf Frustration, egal ob sie vollzogen wird oder eben nicht (besser, man lässt es). Von der selbstbesoffen-breitbeinigen Lad-Kultur ihrer Britpop-Zeitgenossen – mit hochgezogener Augenbraue bei Blur, mit durchgezogener Augenbraue bei Oasis – waren Pulp schon immer meilenweit entfernt. Und sind wahrscheinlich gerade deshalb besser gealtert.

Jarvis Cocker im Kölner Palladium
Copyright: Arton Krasniqi
Als sie sich vor einem Jahr mit einem neuen, extratrocken „More“ betitelten Album zurückmeldeten, staunte man, ob der herausragenden Qualität des Werkes. Cocker hatte dem Vorabstream ein entwaffnendes „Das ist das Beste, was wir hingekriegt haben“ vorangestellt, immerhin waren 24 Jahre vergangen, seit sich Pulp mit der ungewöhnlich bukolischen Platte „We Love Life“ heimlich still und leise aus dem Musikgeschäft verabschiedet hatten.
Am Montagabend reihen sich die neuen Stücke nahtlos in eine Setlist aus heiß erwarteten Klassikern und überraschenden B-Seiten ein, auf den frühen, einer Ex-Freundin hinterher höhnenden Song „Razzmatazz“ folgt ein deutlich entspannterer „Slow Jam“, in dem der inzwischen 62-Jährige den langsamen Kältetod der Liebe mit einem flotten Dreier aufhalten will: „Nur du, ich und meine Fantasie, Baby.“
Es ist der Sex der Resignierten: Die Jugend hat man mit sexuellen Mesalliancen verschwendet, jetzt sind die Erinnerungen an diese das einzige, was noch an Sexualleben bleibt. Und trotzdem klingt diese bittere Wahrheit aus Jarvis Cockers grau-weiß umstoppeltem Mund tröstlich.
Dieser Text ist Jarvis Cocker heute peinlich
Mitte der 1980er musste er eine Zeit lang im Rollstuhl auftreten. Er war aus dem Fenster gefallen, als er ein Mädchen mit seiner Spider-Man-Imitation beeindrucken wollte. Manchmal ist es besser, wenn die Gesten und die Ziele bescheidener werden. Und man sich sogar Boomer-Sprüche leisten kann, wie den folgenden: „Ich mag den Montag“, spöttelt Cocker, „ich bin in einer Generation aufgewachsen, die noch gerne gearbeitet hat.“
Für die große Comeback-Tour haben sich Pulp tatsächlich angestrengt und an nichts gespart. Die Lichtshow ist aufwendig, die Einspielfilme originell, dazu tanzen Schlauchfiguren, wie man sie sonst vor Autohäusern sieht. Fünf Musiker ergänzen das Kern-Quartett von Cocker, Keyboarderin Candida Doyle, Drummer Nick Banks und Gitarrist Mark Webber. Das kehrt nach einer 15-minütigen Pause zur Mitte des zweieinhalbstündigen Sets mit einer Akustikversion von „Something Changed“ zu seinen Wurzeln zurück, als es sich, so Cocker, mit billigen Gebrauchtgitarren und Verstärkern so groß wie Zigarettenschachteln bescheiden musste.
Anschließend schließt der Rest der Tourband auf und spielt „Pencil Skirt“, das Lied, das die Fans in der Pause durch lautes Zurufen ausgewählt hatten. „Das würde ich heute nicht so schreiben, bitte ruft nicht die Polizei“, kommentiert der Sänger den erotisch aufgeladenen Text, in dem er sich einer anderweitig Verlobten als Zweitbeschäler anbietet, man spürt förmlich das Augenrollen der Bleistiftrockträgerin.
Dazu verteilt Cocker selbstgebastelte Freundschaftskettchen ans Publikum, wirft mit Teebeuteln und Malteser-Schokobons. Kleine Gesten. Denen gelegentlich ein großer Hit folgt. „Disco 2000“, in dem Cocker einer Kindheitsliebe nachheult, verfeuert er großzügig gleich als zweites Stück des Abends, auf den noch größeren Banger „Common People“ muss man dann bis zum Ende warten. Die Geschichte einer Studentin aus reichem Haus, die spaßeshalber einmal so leben möchte, wie die ganz gewöhnlichen Leute, hatte die 1978 gegründete Band nach 17 Jahren erfolglosen Rumkrebsens über Nacht an die Vorderfront der britischen Musikszene katapultiert. Im Refrain des Songs erlaubt sich Cocker den einzigen pathetischen Ausdruck seiner Karriere: „Du wirst nie verstehen, wie es sich anfühlt, sein Leben ohne Sinn und ohne Kontrolle zu leben, und ohne einen Ort, an den man flüchten könnte.“
Das war im Frühjahr 1995. Im Winter spielten sie ihr erstes Konzert in Köln. Die Palladium-Show ist ihr zweites, nach 31 Jahren. Die armen Schlucker, heißt es weiter im Lied, leuchten heller als die Saturierten. Klingt beinahe biblisch. Und Pulp, die einen Großteil ihres 48-jährigen Bestehens als Underdogs verbracht haben, sind das beste Beispiel dafür, dass Demut und Geduld ins Himmelreich führen.
