Auf einem verschollenen Gemälde pries Peter Paul Rubens (1577–1640) einen siegreichen Feldherrn. Dieser packt, von der Göttin der Weisheit sanft ermuntert, die nackt vor ihm stehende weibliche „Gelegenheit“ buchstäblich beim Haarschopf, um Frieden mit den Unterlegenen zu schließen. Heute wäre dies ein Fall für das MeToo-Gericht. Um 1630, als halb Europa von Kriegen verwüstet dalag, war es eine süße Utopie.
Dass der Krieg auf allen Seiten mehr Verlierer als Sieger kennt, diese Botschaft trug Rubens, der bekannteste Maler seiner Zeit, auf zahllosen Reisen an die Höfe Europas im Gepäck: Der flämische Maler sinnlicher Genüsse war zugleich ein Diplomat der katholischen Reform. Zunächst unter dem Deckmantel des reisenden Porträtisten, später auch in offizieller Mission, half er, Allianzen zwischen verfeindeten Mächten wie Spanien und England zu schmieden, und handelte nebenbei noch Aufträge für saftige, das pralle Leben feiernde Deckengemälde aus.
Rubens war Maler und Diplomat zugleich
Ob Rubens dabei vor allem ein Sprachrohr seiner Auftraggeber oder Politiker aus eigenem Antrieb war, ist unter den Gelehrten immer noch umstritten. Gewiss ist jedoch, dass Rubens, dessen Lebensdaten annähernd mit dem 80-jährigen Krieg zwischen Spanien und seiner Heimat, den historischen Niederlanden, zusammenfallen, auf seinen Gemälden den Überfluss des Friedens feiert. Der wahre Glaube wird bei ihm nicht mit dem Schwert gebracht, sondern in Form reicher Ernten und befriedigter Gelüste.
Peter Paul Rubens war ein Mensch mit vielen Talenten, von denen die Malerei selbstredend das größte war. Als er nach seinen italienischen Wanderjahren 1608 nach Antwerpen zurückkehrte, brachte er einen Stil mit, der ihn in seiner Heimatstadt schlagartig berühmt machte und den er, so darf man vermuten, mit seinem um 1610 fertiggestellten Großformat „Juno und Argus“ bewarb. Die mythologische Szene entstand mutmaßlich nicht nach einem Auftrag, sondern wurde von Rubens als Bild über das Sehen und das Sichtbarmachen, also die Malerei, entworfen. Seit 1894 gehört sie zur Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums, als Geschenk der Kölner Kunstfreunde.
Juno verwandelt die Geliebte Jupiters in eine Kuh
Die blutige Szene zeigt das Finale einer langen Geschichte aus den „Metamorphosen“ des Ovid, neben der Bibel die beliebteste Quelle der klassischen Malerei. Am Anfang steht eine Affäre des Gottes Jupiter, die seine Ehefrau unterbindet, indem sie die Geliebte ihres Gatten in eine Kuh verwandelt und vom hundertäugigen Argus bewachen lässt. Jupiter sendet den Götterboten Merkur, um Argus, der selbst im Schlaf einige offene Augen auf die Gefangene hat, zu überlisten und die Geliebte zu befreien. Tatsächlich gelingt es Merkur, sein Opfer mit langatmigen Erzählungen einzulullen – und zu enthaupten.
Auf Rubens' Kölner Gemälde sehen wir nichts davon. Stattdessen schneidet die rot gewandete Göttergattin die Augen aus dem abgeschlagenen Kopf des Wächters. Ihr assistiert Iris, menschliche Verkörperung des im Hintergrund gezeigten Regenbogens. Juno wirkt nicht sonderlich betrübt über ihren fehlgeschlagenen Plan, sie hat bereits einen neuen gefasst: Sie staffiert den Federschmuck zweier Pfauen mit Argus‘ Augen aus, schafft eine bis auf den heutigen Tag bestaunte Vogelart und schenkt dem Toten ewiges Leben.
Auf diesem selten gemalten Motiv führt Rubens vor, was er kann und wofür er bis heute berühmt ist: üppige Formen, ungeschminkte Gewalt, pralle Lebendigkeit – und Putten mit rosafarbenem Babyspeck. Selbst der tote Argus wirkt, als habe er sich sterbend in Pose geworfen, um auf möglichst eindrucksvolle Weise zu versteinern. Über ihm thront Juno im roten Kleid, ein mächtiger, magnetischer Farbtupfer, mit dem Rubens zu sagen scheint: Ich habe die Göttin geschaffen, wie die Göttin den Pfau erschaffen hat – als Augenschmaus.
Vermutlich inszenierte Rubens hier eine angewandte Farbenlehre, indem er sein Bild entlang einer Skala von Gelb (der goldene Wagen) über Rot (Junos Kleid) zu Blau (das Kleid ihrer Gehilfin Iris) anlegte. Im Pfauenrad vermischen sich diese Grundfarben, gleichfalls im Regenbogen, der seine leuchtenden Farben in das dunklere Tiergefieder zu pumpen scheint. Zusammengenommen ergeben sie ein Naturschauspiel, das allein durch die Fantasie eines Malers entstehen kann. Das sieht wohl auch die junge Frau (offenbar eine Dienerin Junos) am rechten Bildrand so. Als unsere Stellvertreterin versucht sie, eine möglichst gute Sicht auf die Szene zu bekommen.

