Abo

Schauspiel KölnDie Stumpfheit der Bilder

4 min

Louisa Beck als Instagram-Kriegsbraut in „Das Leiden anderer betrachten“

Regisseurin Ayla Pierrot Arendt dramatisiert in „Das Leiden anderer betrachten“ im Depot 2 Susan Sontags Gedanken zur Kriegsfotografie. Unsere Kritik.

Wir stumpfen ab. Sagt Susan Sontag. In ihrem letzten großen Essay „Regarding the pain of others“ (2003) – die Doppelbedeutung geht im eingedeutschten Titel „Das Leiden anderer betrachten“ verloren – hinterfragt die New Yorker Intellektuelle den Wert insbesondere der Kriegsfotografie.

Die bildende Künstlerin und Regisseurin Ayla Pierrot Arendt beschäftigt sich schon länger mit dem Problem des Hinschauens, etwa in ihrem Kurzfilm „Gaze in Battle“, in dem sie anhand persönlicher Erfahrungen in Tel Aviv und im Westjordanland dem Weg vom bloßen Beobachten zum aktiven Teilhaben nachspürt, in guter Sontag’scher Tradition. Für das Schauspiel Köln inszeniert Arendt nun zum ersten Mal an einem Stadttheater, hat einen kurzen Abend im Depot 2 entlang Sontags „Das Leiden anderer betrachten“-Essays entworfen.

Susan Sontag war von Schaulust getrieben, aber misstraute den Bildern

„In einer mit Bildern gesättigten, nein, übersättigten Welt“, schreibt Sontag darin, „haben gerade jene Bilder, auf die es ankommen sollte, eine dämpfende Wirkung: Wir stumpfen ab.“ „Letztlich“, fürchtet Sontag, „nehmen uns solche Bilder etwas von unserer Fähigkeit, zu fühlen und die Signale, die von unserem Gewissen ausgehen, wahrzunehmen.“ Ein vernichtendes, weil informiertes Urteil. Sontag hatte bereits in ihrem Essayband „On Photography“ (1977) festgestellt, dass uns das Überangebot an fotografischem Material zu bloßen Betrachtern des Lebens macht, weshalb unsere Beziehung zur Welt eine chronisch voyeuristische sei: Die Bedeutung der Dinge wird auf eine Oberfläche eingeebnet. Das klingt nach protestantischer Bilderstürmerei. Dabei war Sontag von Schaulust getrieben, liebte das Kino, war sich ihres ikonischen Äußeren stets bewusst, und beobachtete Fotografen, obwohl sie die auf ihre Person gerichtete Kamera mit einem Gewehrlauf verglich, mit großer Neugier bei der Arbeit.

Diese Ambiguität greift Ayla Pierrot Arendt auf, indem sie vier Menschen, die zwar keine direkt am Krieg Beteiligten sind, aber diesen aus unglaublicher Nähe erleben, nach einem Drohnenangriff zur Reflexion der eigenen Position zwingt.

Evi Kehrstephan ist Kriegsfotografin. Sie erklärt, es sei ihre Aufgabe, so nah dran wie möglich zu sein und trotzdem unparteiisch zu bleiben. Und bekennt zugleich, sich nirgendwo so pur am Leben zu fühlen wie hinter der Kamera, in unmittelbarer Todesnähe. Benjamin Höppner berichtet als Arzt für das Rote Kreuz von 20-Stunden-Schichten, von blutigem Flickwerk, davon, Herr über Leben und Tod zu sein. Und Louisa Beck und Fabian Reichenbach? Sie sind junge Idioten: eine Influencerin, die im Brautkleid Selfies an der Front schießt, ein Extremsportler, der munter mitten durch Kampfhandlungen radelt.

Alle vier eint die Gier nach Realität und die Illusion der eigenen Unverletzlichkeit, beides teilen sie mit jedem, der Fotografien von Krieg, von Tod und Elend betrachtet. Oder Videos vom Islamischen Staat. Oder ein Drama, in dem gestorben und gemordet wird. Warum sich das Theater und sein Publikum von Sontags Essay mitgemeint fühlen, liegt also auf der Hand. Erst recht, nach der visuellen Wende, die das Schauspiel Köln unter der Leitung von Kay Voges genommen hat, man denke nur an den „Foto-Faust“, den der Intendant vom Wiener Volkstheater mitgebracht hat.

Im Gegensatz zum „Faust“ werden Live-Fotografien in Ayla Pierrot Arendts Inszenierung nur simuliert, mithilfe wattstark blitzender Scheinwerfer, die um einen mit einer schwarzen Plane verhüllten Wagen  gruppiert sind. Später betrachten sich die Beteiligten noch einmal selbst in schön ausgeleuchteten Standbildern als leidende Drohnenopfer, und Reichenbachs Radler erkennt: „Die Toten interessieren sich nicht im Geringsten für die Lebenden.“ „Und wir“, ergänzt Becks Influencerin, „verstehen sie nicht.“ Zwischen den Betroffenen und ihren Beobachtern bleibt ein tiefer Graben. Und das Mitgefühl, das wir Betrachtenden anlässlich eines Fotos empfinden, bleibt, zitiert die Kehrstephans Kriegsfotografin Susan Sontag, eine instabile Gefühlsregung: „Es muss im Handeln umgesetzt werden, sonst verdorrt es.“ Wie man vom Betrachten zum Mitfühlen, vom Mitfühlen zum Handeln kommt – die Antwort bleibt Arendt schuldig.

Es ist nicht nur die knappe Spielzeit von gerade mal einer Stunde, die ganze Inszenierung wirkt fragmentarisch, die Szenen wenig durchgearbeitet, die Schauspieler chronisch unterfordert. Immer wieder schlägt die Drohne ein, immer wieder berappeln sich die Getroffenen und erzählen auf eine Weise von ihren Kriegserfahrungen, die zwar der gedanklichen Versuchsanordnung gerecht wird, aber sie als ernstzunehmende Figuren diskreditiert. Eine vertane Chance, so jedenfalls kann Kunst den Graben nicht überwinden. Bleibt der Impuls, Sontags Essay noch einmal zu lesen. Oder Alex Garlands Kriegsfotografen-Film „Civil War“ anzuschauen, der mustergültig zeigt, wie sich Sontags Thesen dramatisieren lassen.