„The Ghost in the Glitch“ von Brig Huezo im Kölner Staatenhaus begeistert und enttäuscht mit seiner Gaming-Ästhetik.
Tanz im StaatenhausFamoser Start, doch dieses Stück endet im digitalen Kitsch

„The Ghost in the Glitch“ von Brig Huezo gastiert mit Tanz Köln im Staatenhaus
Copyright: Photostudio Pramudiya
Toll, dachte man, wenn Choreografinnen und Choreografen nun verstärkt die Welt des Gaming und der Digitalkultur in ihr Schaffen einbeziehen und neue Ästhetiken, neue Publikumsschichten erschließen. Und dann noch Cyberfeminismus und eine Agenda für eine gerechtere Online-Welt? Mit diesen Konzepten wurde Brig Huezo, nonbinäre/r Künstler/in, der/die Wert lege auf gendergerechte Sprache, wenn man über sie/ihn schreibe, heißt es aus der Produktion – so wurde also Huezo zum/zur Hoffnungsträger/in für den nordrhein-westfälischen Tanz. Sie/er bekam 2024 den NRW-Förderpreis für Darstellende Kunst und dann auch den Auftrag, an den Bühnen Köln eine Uraufführung zu realisieren. Toll, dachte man auch beim Titel des nun entstandenen Stücks: „The Ghost in the Glitch“. Die Verbindung von uraltem magischen Denken und hipper Technologie hat schon bei Marshall McLuhan zu inspirierenden Einsichten geführt, heute findet sie sich in den angesagten Cyborg-Theorien Donna Haraways.
Tatsächlich starten Huezos Glitch-Geister famos: Die Bühne dominiert ein Triptychon aus drei gewaltigen Leinwänden. Auf der „Mitteltafel“ sind zwei weibliche Gestalten zu sehen, die Untersicht lässt sie überlebensgroß erscheinen. Animiert werden sie von realen Körpern: Fünf Tänzerinnen sind via Motion Tracking mit dem Geschehen auf den Leinwänden verbunden. Ruckelt es unten auf dem Bühnenboden, ruckelt es auch oben, aber wirklich identisch sind die Bewegungen nicht, denn die Avatarinnen scheinen in noch schlechterem Zustand als ihre zombihaft geschminkten Animateurinnen – und die sind schon kurz vor dem Kollaps: Einer fällt der Kopf nach vorn, eine andere hängt im Loop einer halben Drehung fest, die Bewegungen stottern und zittern.
Gewaltiges Pathos, gewaltige Monotonie
Zunächst. Denn kaum merklich erlangen die Frauen die Souveränität über ihre Körper, die Bewegungen werden komplexer. Sie schlängeln sich erotisch wie Pole-Tänzerinnen, formieren sich zu einer vielköpfigen Skulptur wie eine mythologische Machtfigur, schließlich zum Trupp kriegerischer Amazonen, während hinter ihnen auf den Leinwänden sich gewaltige Gaming-Landschaften auftun: eine Sci-Fi-City mit spermaähnlichen Fahrzeugen, menschenleer-kalte Mondlandschaften, Meere, Feuerkugeln.
Stark ist dieser humanoide Emanzipationsprozess in einer maschinengesteuerten Welt. Nur dauert der vielleicht fünfzehn Minuten, das Stück aber noch weitere 75 Minuten, und in denen entlädt sich die Gaming-Ästhetik in gewaltigem Pathos bei gleichzeitig gewaltiger Monotonie: Keine Bewegung, die nicht zigfach wiederholt werden müsste. Endlose Baller-Soundtracks wie aus Ego-Shooter-Spielen. Irgendwann wird eine perlmuttweiße Plastikstute hereingerollt – ein schimmernder Traum für Pferdemädchen. Die Tänzerinnen schwingen lange die leeren Lasso-Arme. Bis schließlich eine Leuchtschnur aus dem Bühnenhimmel ihnen einen neuen Weg weist und ein abruptes Blackout die Glitch-Geister verschwinden lässt. Gar nicht mehr toll, wenn mit Gaming und Digitalkultur der Kitsch die Kunst überwältigt.
Weitere Vorstellung von „Ghost in the Glitch“ am Montag, 13. 4. 2026 um 19:30 Uhr im Staatenhaus Saal 2.