Die neue ZDF-Doku-Serie beleuchtet Fußball-Deutschlands Weg zur WM im eigenen Land – einem beschwerlichen, wie sich zeigt. Gepflastert mit Emotionen und Eitelkeiten.
„Mission Sommermärchen“Klatsch und Tratsch aus der Welt des Fußballs

Der ehemalige Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann blickt auf die WM 2006 zurück.
Copyright: ZDF
Kurz vor dem Start der Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA führte Fußball-Deutschland eine erbitterte Debatte, ob es richtig ist, Manuel Neuer für den Kader zu nominieren. Es kann festgehalten werden: So viel hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht geändert. Zumindest lässt die neue ZDF-Doku-Serie „Mission Sommermärchen“ diesen Schluss zu. Sie befasst sich mit den aufregenden Jahren vor der WM 2006: Auf Trainer-Diskussionen folgten erneute Trainer-Diskussionen folgten Torwart-Diskussionen. Sportlich lag die Nationalmannschaft damals am Boden. Der dreiteilige Film erzählt nach, wie auf ein Vorrunden-Aus bei der EM 2004 ein dritter Platz beim Turnier im eigenen Land folgte, und spricht sogar von einer Revolution Klinsmanns.
Im Sommer 2000 wurde Rudi Völler neuer Teamchef des DFB. Frühzeitig legten sich die Beteiligten auf ein Engagement bis zur Heim-WM fest. Was sich für Außenstehende zunächst nach einer glücklichen Entscheidung anfühlen mochte – Völlers Team verpasste 2002 den WM-Titel erst im Finale –, entpuppte sich doch als Fehleinschätzung. Der Fußball der DFB-Elf war zu der Zeit bieder und blieb hinter den hohen Erwartungen zurück. Es waren Zeiten, in denen Deutschland mit Ach und Krach 2:1 gegen Färöer gewann, und nicht über Unentschieden gegen Bulgarien oder Island hinauskam.
Klimmzüge und Liegestütze statt „Eckchen“
„Die Nationalmannschaft“, konstatiert Soziologe Tim Frohwein in der Doku, „repräsentiert zu der Zeit noch das alte Deutschland“ – was die Persönlichkeiten auf dem Platz als auch den Stil angehe. Der neue Stil unter Klinsmann, so zeigt es die ZDF-Serie, bedeutete vor allem einen größeren Fokus auf körperliche Fitness. Statt lockerem „Eckchen“-Spiel stehen jetzt Klimmzüge, Liegestütze und Sprinttests auf dem Trainingsplan. Fraglich, ob das allein der Schlüssel für den sportlichen Erfolg 2006 gewesen ist. In Sönke Wortmanns „Deutschland. Ein Sommermärchen“ betonte der damalige Co-Trainer Jogi Löw jedenfalls, dass die sogenannten „deutschen Tugenden“ Grundvoraussetzungen seien, um überhaupt bestehen zu können. Der deutsche Fußball hinke taktisch hinterher.
Über Taktisches gibt es bei „Mission Sommermärchen“ nichts zu erfahren. Das, so war von den Autoren Simone Schillinger und Florian Nöthe bei der Premiere vergangene Woche im Kölner Cinedom zu hören, sei aber auch nicht das Reizvolle an einer Fußball-Doku: „Ob ich mich jetzt für Fußball interessiere oder nicht: Wie das Spiel funktioniert und worum es eigentlich geht, das versteht jeder“, meinte Nöthe. Deswegen könne man im Kosmos Fußball gut andere Geschichten erzählen.
Wenig Platz für viele große Egos
Für „Mission Sommermärchen“ bedeutet das: Es geht um Klatsch. Die deutsche Fußballlandschaft und die mediale Begleitung triefen vor Eitelkeit. Der degradierten Nummer 1, Torwart Oliver Kahn, widmet die Serie eine ganze Folge. Ein weiterer Schwerpunkt, der sich durch die gesamte Doku zieht: Wie die Presse auf die Dynamiken beim DFB blickt. Nachdem Klinsmann intronisiert wurde, werden immer wieder Kampagnen gefahren: Ist es gegenüber den Bundesliga-Trainern respektlos, dass der Bundestrainer die angeblich schlechte körperliche Verfassung der Spieler hervorhebt? Sollte der Bundestrainer seinen Wohnsitz dauerhaft von den USA nach Deutschland verlegen? Federführend ist die „Bild“-Zeitung, der die mangelnde Offenheit Klinsmanns gegenüber der Presse beziehungsweise dem eigenen Haus gegen den Strich geht. Uli Hoeneß ist natürlich auch dabei.

Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein begrüßte David Odonkor im Kölner Cinedom.
Copyright: ZDF/Ben Knabe
Schlussendlich vermittelt tatsächlich die Kanzlerin zwischen dem Trainerteam und der „Bild“-Chefredaktion. Es kommt zu einem geheimen Treffen in der Toskana, bei dem sich beide Seiten aussprechen. Angela Merkel, so hat es den Anschein, ist die Einzige, die ihr Ego im Zaum zu halten vermag und mit einer gesunden Portion Humor auf die Vorgänge blickt. In ihrer Neujahrsansprache 2006 sagt sie: „Natürlich drücken wir unserer Mannschaft die Daumen, und ich glaube, die Chancen sind gar nicht schlecht. Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.“
Generische Ästhetik im Stile von Netflix
Ihre Raute haben die Produzenten bildschirmgroß mithilfe von KI nachgebildet. Überhaupt wird in der Serie viel mit nachgestellten Szenen gearbeitet, wo kein Archivmaterial zur Verfügung stand. Als sich Klinsmann mit Löw in Mailand trifft, um ihm den Posten des Co-Trainers schmackhaft zu machen, sind parallel Sequenzen von mit der Gabel aufgedrehten Spaghetti und anstoßenden Rotweingläsern zu sehen. Ästhetisch reiht sich die Dokumentation in die generische Produktionsweise derer von Netflix ein.
Dazu gehören auch Sätze der Interviewpartner, die einen Spannungsbogen aufbauen sollen, ohne dabei gehaltvoll zu sein. Oliver Bierhoff: „Du hast eine Möglichkeit, einmal in deinem Leben ’ne WM im eigenen Land zu spielen: Nutz sie.“ Per Mertesacker: „Wir haben noch ein Spiel um Platz drei. Deutschland steht hinter uns.“ Torsten Frings: „Dieser WM-Titel 2006, der war wie auf dem Silbertablett für uns serviert, weil wir zu dem Zeitpunkt einfach die beste Mannschaft waren.“
Letzteres hat offenbar, zumindest was den Teamgeist betrifft, wirklich gestimmt. Der bei der Premiere anwesende David Odonkor berichtete, dass die Nationalmannschaft von 2006 kürzlich zusammengekommen sei, um 20 Jahre Sommermärchen zu feiern. Drei Tage lang habe man Spaß gehabt und über alte Zeiten gesprochen. „Und das hat nicht der DFB gemacht, das hat Jürgen Klinsmann organisiert“, betonte Odonkor. „Chapeau, dass er das hinbekommen hat.“
„Mission Sommermärchen – Deutschlands Weg zur WM 2006“ ist online in der ZDF-Mediathek verfügbar. Am Samstag, 30. Mai, wird die dreiteilige Doku-Serie um 20.30, 21.20 und 1.20 Uhr im ZDF ausgestrahlt.
