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Zamus-FestivalDie Intensität kommt von melodischer Spannung und Lösung

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Fünf Männer sitzen nebeneinander auf einer Treppenstufe und lächeln in die Kamera.

Trat am vergangenen Donnerstagabend in der Kölner Trinitatiskirche auf: das Vokalensemble Cinquecento

Das Festival des Kölner Zentrums für Alte Musik (Zamus) hat begonnen. Zum Eröffnungskonzert gab es vor- und frühbarocke Vokalmusik zu erleben.

„Wo das Paradies verloren geht, beginnt Verwandlung“, erläutert die Leiterin Midori Seiler „Paradise Lost“, das von Miltons gleichnamigem Epos inspirierte Motto des diesjährigen Early Music-Festivals des Kölner Zentrums für Alte Musik (Zamus): „Sein Wesen liegt in seiner Beiläufigkeit: Wir erkennen das Paradies oft erst im Rückblick, nach der Katastrophe. Mit dem diesjährigen Festival begeben wir uns an diese Bruchstelle und blicken in die ur-menschlichen Empfindungen, die über die Jahrhunderte in der Musik eingefangen wurden: Trauer, Sehnsucht, Aufbruch, aber auch das, was ein Tautropfen des ursprünglichen Paradieses in unsere DNA imprägniert zu haben scheint – die Fähigkeit zum Glücklichsein.“

Im Zeichen solcher Ideen und Denkfiguren stand gleich das Eröffnungskonzert in der Trinitatiskirche, das das schweizerische Ensemble Collective of Unfinished Creation um die Flötistin Darina Ablogina mit Vokalkompositionen überwiegend aus englischem und italienischem Frühbarock gestaltete. Dabei ging es um Luzifers Sturz, Adams Reflexionen, die Erschaffung Evas und den Sündenfall als den irreversiblen Weg zur Erkenntnis. Hierbei zeigte sich dann freilich auch, dass sich das Rahmenthema in die assoziativen Weiten des Beliebigen und Willkürlichen verlaufen kann – es „geht“ dann irgendwie alles, auch zum Beispiel in der Eva-Sektion Thomas Morleys Ausschnittsvertonung aus dem Hohelied.

Exzellentes Cinquecento-Konzert mit vor-barocker Vokalmusik

Zudem hatte Christina C. Messner audio-visuelle Installationen erstellt – da klingelte, fauchte und schepperte es nach Herzenslust – und der Organist und Cembalist Sébastien Mitra neue „Paradise Lost“-Texte geschrieben, die von Louis Keller geschaffene Klangstücke begleiteten. Sie brachen die Stückfolge im Sinne einer multimedialen Dimensionierung auf, zeitigten allerdings de facto nur wenige themenbezogene Erkenntnisse und schienen somit verzichtbar. Lieber hätte man noch mehr vom „Collective“ gehört. Die Sopranistin Charlotte Nachtsheim und der Tenor Cyril Escoffier, dazu eben Ablogina an der Traversflöte und Mitra an den Tasteninstrumenten, ließen in wechselnden Konstellationen wahre musikalische Paradiese erstehen – mit kristallklaren Klängen, wunderbaren Verschlingungen der „Stimmfäden“, genussreichen Terz-Sext-Führungen und sich zur Höhe des Kirchenraums aufschwingenden Koloraturen.

Exzellent auch das an eine Erfrischungspause anschließende Konzert mit dem hier fünfköpfigen Vokalensemble Cinquecento, das sich seit über 20 Jahren mit höchster Professionalität der vor-barocken Vokalmusik widmet. Diesmal standen Auszüge aus dem zweiten Buch von Palestrinas Lamentationen des Propheten Jeremias auf der Agenda. Die in der Musikgeschichte oft vertonten Lamentationen sind Klagelieder, die die Zerstörung Jerusalems und den gebrochenen Bund zwischen Gott und seinem Volk betrauern. Die Klangästhetik des 16. Jahrhunderts lässt daraus freilich kein opernhaft-verzweifeltes Haareraufen erwachsen, auch über die Sprache ist da wenig zu machen. Sicher, Cinquecento artikuliert Wörter wie „crudelis“ schon markant, aber es kann da auch keinen Exzess an bildnerischer Klangrede geben. Die Intensität der Aufführung hat hier nicht aus der – nicht vorhandenen – Dramatik zu kommen, sondern aus der Dramaturgie von harmonisch-melodischer Spannung und Lösung, Dissonanz und Konsonanz, Verdichtung und Ausklang.

Das alles schafft Cinquecento überzeugend. Voraussetzung dafür ist selbstredend die Stimmenstabilität und die Intonationssicherheit der schließlich ohne instrumentales „Fallnetz“ arbeitenden Herren. Die bleiben auch dann außerordentlich, wenn leichte Schwebungen gelegentlich nicht zu vermeiden waren und in den von den Mitgliedern im Wechsel gesungenen gregorianischen Responsorien nicht alles hundertprozentig „saß“. Immer wieder hingegen vermochten die Einsätze mit den allmählich den Klangraum füllenden Stimmen zu faszinieren – genauso wie der sukzessive Abbau der Vorhalte in den finalen Kadenzen. Und das von Bass Ulfried Staber gelegte Fundament wurde tatsächlich zum samtenen Ruhekissen, auf dem sich das Zuhörer-Ohr genussvoll platzieren konnte.