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Kommentar zur Klage gegen den WDR
Die Machtfülle des Intendanten ist gefährlich

WDR

Der Schriftzug des WDR am Funkhaus in Köln

Köln – Ein Angestellter mit einem Jahresgehalt von 100.000 Euro verklagt seinen Arbeitgeber, weil er nur fünf Stunden im Monat arbeitet? Das klingt nach einem Luxusproblem. Und in gewisser Hinsicht ist es das auch. Aber wenn man wie Jürgen Döschner seit bald 40 Jahren für den WDR arbeitet und für seine Themen brennt, ist das tatsächlich ein schwerwiegender Einschnitt.

Zumal der Reporter mit seinen Russischkenntnissen und seiner Expertise in Klimafragen in diesen Zeiten eigentlich im Dauereinsatz sein sollte. Man muss nicht Döschners Meinung sein, aber er kennt sich in seinen Fachgebieten zweifellos aus und hat schon viele wichtige Recherchen vorangetrieben. Darüber sollte der WDR eigentlich froh und dankbar sein. Das Gegenteil ist offensichtlich der Fall.

Doch die Klage des Reporters gegen den WDR wegen Nichtbeschäftigung weist weit über den individuellen Fall hinaus und zeigt auf, was grundsätzlich schiefläuft im WDR.

Ein erschreckend laxer Umgang mit Rundfunkbeiträgen

Naheliegend ist natürlich die Geldverschwendung. Ein Redakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders, zumal mit einer solch langen Betriebszugehörigkeit, kostet die Beitragszahler sehr viel Geld. Auf den Stundenlohn, den Döschner zurzeit ungewollt hat, kommt nicht mal Tom Buhrow. Und der ist immerhin der bestverdienende Intendant der ARD. Und wenn man bedenkt, dass vielleicht mancher Beitrag, den Döschner sonst gemacht hätte, bei freien Kollegen bestellt wurde, kommen noch mal Honorare obendrauf.

Tom Buhrow

WDR-Intendant Tom Buhrow

Doch der erschreckend laxe Umgang mit Geld aus Rundfunkbeiträgen ist nur das eine. Noch viel problematischer ist, dass der Fall Döschner zeigt, wie weit sich der WDR davon entfernt hat, ein streitbarer Sender zu sein, der unterschiedliche Meinungen und den Austausch darüber nicht nur aushält, sondern auch fördert. Wer etwas werden will, sagt am besten zu allem Ja.

Große Nähe zur Politik

Döschner mag oft unbequem sein, aber er scheut sich nicht, sich mit großen Konzernen und der Politik anzulegen. Und damit macht er genau das, was ein öffentlich-rechtlicher Sender tun sollte: den Finger in die Wunde legen. Der WDR dieser Tage sucht aber offensichtlich lieber die Nähe zur Politik und zu großen Unternehmen in Nordrhein-Westfalen wie RWE.

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Der Konflikt zwischen Döscher und dem WDR macht zudem eindrücklich deutlich, wie schlecht es um das Funktionieren senderinterner Kontrollmechanismen bestellt ist und wie gefährlich groß die Machtfülle des Intendanten ist.

Nachdem der Sender von der MeToo-Debatte erfasst worden war, wurde im Haus eine Beschwerdestelle eingerichtet. Die stellte sich eindeutig hinter Döschner und sprach von Machtmissbrauch. Doch Buhrow ignorierte die Einschätzung. Redakteursvertretung, Personalrat und Schlichtungsausschuss – alle urteilten in Döschners Sinne. Nichts passierte.

Wenn Buhrow einen Fall einfach aussitzt, hat keine andere Stelle im Haus die Macht, ihn daran zu hindern. Und der Rundfunkrat ist viel zu schwach, um sich gegen den Intendanten zu stellen. Aber wer kontrolliert ihn dann? Anscheinend niemand.

Der Skandal beim rbb hat bewiesen, welch verheerende Auswirkungen es haben kann, wenn die Führung des Hauses nicht ausreichend kontrolliert wird. Der Fall Döschner zeigt, dass man sich auch um den WDR ernsthaft Sorgen machen muss.

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