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Das Massaker im Gremberger WäldchenWie Nachbarn zu Mördern werden

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Ein Gedenkstein mit kyrillischer Inschrift erinnert an sowjetische Zwangsarbeiter im Krankenlager im Gremberger Wäldchen

Ein Gedenkstein mit kyrillischer Inschrift erinnert an sowjetische Zwangsarbeiter im Krankenlager im Gremberger Wäldchen

Im April 1945 verübten Nachbarn im Kölner Gremberger Wäldchen ein Massaker an Zwangsarbeitern.

Mit dem Feiern des Osterfestes werden die Menschen im rechtsrheinischen Köln im April 1945 wenig zu tun gehabt haben. Während die US-Army die linke Rheinseite der Stadt ohne großen Widerstand einnehmen konnte, war die rechte Rheinseite immer noch im Kriegszustand. Kurz nach Ostern 1945 kam es im Gremberger Wäldchen zu einem schlimmen Verbrechen, das im Rückblick umso unverständlicher ist, weil jedem klar gewesen sein musste, dass Deutschland kurz vor der endgültigen Kapitulation stand.

Rund 30 wehrlose Menschen wurden grausam ermordet. Wie viele Opfer es tatsächlich waren, lässt sich nicht genau sagen. Das ist eine von vielen offenen Fragen, die sich im Kontext des Massakers im Gremberger Wäldchen stellen. Es waren keine SS-Männer oder hochrangige NS-Schergen, die zu Mördern wurden, sondern einfache Leute aus der Nachbarschaft in Poll, Deutz oder Humboldt-Gremberg. Unter den Tätern waren Jugendliche. Der jüngste war 16 Jahre alt.

Mit der neuen Folge zum „Massaker im Gremberger Wäldchen“ begibt sich die „True Crime Köln“, die Podcast-Reihe des Kölner Stadt-Anzeiger über wahre Verbrechen aus Köln und der Region, auf Spurensuche in einem der ältesten Kölner Waldgebiete, das heute von Autobahnen zerschnitten und eingezwängt wird.

Die neue Folge von „True Crime Köln“ hören:

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Gleich an der A4 hatte sich ein Krankenlager für Zwangsarbeiter befunden, von dem man heute außer ein paar Erhebungen im Waldboden nichts mehr sieht. Präsenter ist wenige Meter davon entfernt ein Gedenkort, an dem zwei Grabsteine an ein mutmaßliches Massengrab darunter erinnern. 74 Zwangsarbeiter aus der ehemaligen Sowjetunion seien hier begraben, kann man auf den Steinen lesen. Woher die Zahl stammt, ist genauso unklar, wie die Herkunft des Grabsteins mit kyrillischer Inschrift.

Eine Luftaufnahme der Alliierten im Zweiten Weltkrieg zeigt das Zwangsarbeiterlager im Gremberger Wäldchen direkt an der neuen Autobahn 4.

Es ist ein seltsamer Ort mitten im Wald, angelegt wie ein Garten, der mit einem Jägerzaun begrenzt wurde. Manchmal werden Blumen niedergelegt, eine unbekannte Person hat weiße Friedenstauben gebastelt. Der Ort ist aber nicht nur eine Stelle für ruhiges Gedenken. In den vergangenen Jahren hat er auch Unruhestifter angelockt: Das Schild, das die Stadt zur Erklärung angebracht hat, ist beschmiert worden. Ein anderes, das eine engagierte Gruppe zum Erhalt des Bodendenkmals hoch in einen Baum gehängt hat, wurde zerstört.

In den vergangenen Jahren haben mehrere Gruppen versucht, den Ort zu vereinnahmen. Wenn an das Massaker oder das Kriegsende erinnert wird, schwenken Putin-Anhänger im Wald russische Fahnen – manchmal mit deutschen Rechtsextremen im Schlepptau, wie Benjamin Peterle-Pick von der AG „Bodendenkmal“ berichtet. Auch ukrainische Fahnen wurden zum Gedenkort getragen. Inmitten dieser explosiven Gemengelage wirbt die „AG Bodendenkmal“ für ein angemessenes Gedenken und für die Einrichtung einer Gedenkstätte am Platz des früheren Lagers.

16-Jähriger wird zum Massenmörder

Was sich hier am 8. April 1945 abspielte, ist kaum vorstellbar. Der Kreisleiter der NSDAP, Alfons Schaller, hatte die Räumung des Zwangsarbeiterlagers angeordnet – mutmaßlich auf Geheiß der Wehrmacht.  Hier lebten kranke Menschen aus der Sowjetunion oder Polen, die als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht worden waren.

Schaller beauftragte den „Volkssturm“ mit der Aufgabe, das Lager an der Autobahn aufzulösen. Männer zwischen 16 und 60, die nicht in der Wehrmacht waren, sollten sich um die „Heimatfront“ kümmern, Schanzen gegen die anrückenden Alliierten bauen und Ortschaften verteidigen.

Die Insassen des Krankenlagers, aus dem längst ein Sterbelager geworden war, sollten verlegt und das Lager abgebrannt werden. Daraus wurde ein regelrechter Gewaltexzess. Einige Männer schossen durch die Fenster der Baracken auf die Kranken. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde in seinem Bett verbrannt. Die Volkssturm-Männer, die beim Morden nicht mitmachten, standen am Rand und schauten zu.

Das Erschrecken über diesen Massenmord wird noch größer, wenn man bedenkt, dass keiner der Täter nach dem Krieg bestraft wurde. Zwei Haupttäter wurden zwar in einem Prozess in der Nachkriegszeit zum Tode verurteilt. Aber die Strafe wurde nicht vollstreckt. Andere Täter mussten erst gar nicht vor Gericht erscheinen.

Die britischen Militärbehörden hatten ihre Ermittlungsergebnisse und Befragungsprotokolle an die deutsche Staatsanwaltschaft weitergegeben, doch die legte alles zu den Akten, so der Historiker Matthias Lammers im Gespräch bei „True Crime Köln“. Über die Frage, warum nicht weiter ermittelt wurde, kann spekuliert werden.

Es bestand offenbar wenig Interesse im Nachkriegsköln, diesen Fall juristisch aufzuarbeiten. Auch Deutsche, die im Lager gearbeitet hatten, wurden nie zur Verantwortung gezogen. Der Lagerarzt, der die kranken Menschen im Lager weitgehend sich selbst überlassen hatte, wurde nach dem Krieg in Poll zum Bürgervereinsvorsitzenden gewählt.

True Crime Köln: Alle zwei Wochen erscheint eine neue Episode der Podcastreihe des Kölner Stadt-Anzeiger

Die neue Folge von „True Crime Köln“ über ein weitgehend vergessenes Verbrechen an einem bis heute besonderen Ort kann man über die Homepage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ und überall dort hören, wo es Podcasts gibt. „True Crime Köln“ erscheint alle zwei Wochen mit einer neuen Folge.

www.ksta.de/true-crime-koeln