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Neue TechnikPilotversuch in NRW – So sollen Bahn-Beschäftigte gegen Angriffe geschützt werden

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Zugbegleiter am Frankfurter Hauptbahnhof

Zugbegleiter am Frankfurter Hauptbahnhof

Sicherheitskräfte und Zugpersonal werden zunehmend Opfer von Übergriffen. Auch in NRW soll daher ein Pilotversuch mit Bodycams in Zügen starten.

Angesichts zunehmender Übergriffe auf das Zugpersonal in Regionalzügen und S-Bahnen in Nordrhein-Westfalen plant die Konzernsicherheit der Deutschen Bahn, Zugbegleiter versuchsweise auf ausgewählten Strecken und auf freiwilliger Basis mit Körperkameras auszustatten.

Denn zuletzt häuften sich Fälle wie dieser am Dienstag, 7. März, 10 Uhr, im ICE 13 zwischen Aachen und Köln: Ein Zugbegleiter wird von einem 40-Jährigen, der ohne Fahrschein und offenbar leicht angetrunken unterwegs ist, lautstark angepöbelt. Der Bahnmitarbeiter verlässt kurz das Abteil, um die Bundespolizei zu informieren.

Als er in das Abteil zurückkehrt, zerschlägt der Mann eine Bierflasche an einem Geländer und deutet mit der abgebrochenen Seite auf den Bahnmitarbeiter. Der reagiert sofort, fordert die anderen Fahrgäste auf, das Abteil zu räumen und versucht, sich mit Gepäckstücken und einem Feuerlöscher vor einem möglichen Angriff zu schützen. Der Angreifer wird bei der Ankunft des Zugs im Kölner Hauptbahnhof festgenommen.

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Übergriffe mit einem derart hohen Aggressionspotenzial sind glücklicherweise selten, insgesamt hat die Deutsche Bahn im vergangenen Jahr bundesweit aber rund 21 Prozent mehr Übergriffe auf ihre Mitarbeitenden registriert. So gab es 3138 Fälle, gut die Hälfte davon betraf das Zugpersonal im Regionalverkehr und den S-Bahnen.

Aber auch Busfahrer, Servicekräfte in Bahnhöfen und Reinigungspersonal waren Opfer zunehmender Gewalt. Schwere Körperverletzungen blieben mit sechs Prozent aller Übergriffe die Ausnahme. 189 Fälle bei 21 Millionen Reisenden seien wegen der zum Teil schwerwiegenden psychischen Folgen für die Opfer dennoch nicht zu vernachlässigen, sagt Hans-Hilmar Rischke, Leiter der Konzernsicherheit der Deutschen Bahn. „Die Hemmschwelle sinkt. Das spüren wir vor allem in den Ballungsgebieten.“

Bahn: 628 Übergriffe in NRW, davon 531 in Regionalzügen

In Nordrhein-Westfalen kam es 2022 insgesamt zu 628 körperlichen Übergriffen, davon 531 in den Zügen der DB Regio, 121 auf Mitarbeitende bei der DB-Sicherheit und 64 im Fernverkehr. Etwa 16 Prozent sind auf die Durchsetzung der Maskenpflicht zurückzuführen. Weitere gut fünf Prozent stehen im Zusammenhang mit dem 9-Euro-Ticket.

Die Zahl der Reisenden ist im Verlauf des Jahres 2022 deutlich angestiegen. Auch das hat offenbar eine Rolle gespielt. Seit dem Sommer lag sie wieder auf Vor-Corona-Niveau und zum Teil deutlich höher, weil etliche Großveranstaltungen nachgeholt wurden und der Reiseverkehr von Fußballfans deutlich zugenommen hat. „Volle Züge bergen leider mehr Konfliktpotenzial“, sagt Rischke. „Es eskaliert oft, wenn es um die Einhaltung simpelster Regeln geht.“

Neue App erleichtert dem Zugpersonal das Erstellen von Strafanzeigen

Anrempeln, schlagen, anspucken, bedrohen. Die Bahn reagiert auf diesen Großteil der Fälle, die sie in der Kategorie „leichte Köperverletzung“ führt, mit einer Null-Toleranz-Strategie. „Wir raten unseren Kolleginnen und Kollegen dringend jeden Fall zur Anzeige zu bringen. Wir lehnen jede Form von Gewalt gegen unsere Mitarbeitenden ab. Sie ist völlig inakzeptabel“, sagt der Sicherheitschef.

Deshalb hat die Bahn eine App entwickelt, die das Zugpersonal im Nahverkehr auf den Smartphones nutzen kann, um jedes Delikt sofort anzuzeigen. Dadurch ist die Zahl der bekanntgewordenen Fälle noch einmal um 20 Prozent gestiegen. „Wir wollen so erreichen, dass uns nichts mehr unter den Tisch fällt“, so Rischke. „Es gab immer eine Dunkelziffer. Manchmal waren die Meldewege zu kompliziert. Das ist durch die App anders geworden.“

93 Prozent der Züge in NRW haben Videoüberwachung

Um das Bahnpersonal besser zu schützen, setzt die DB auch verstärkt auf technische Lösungen. Regionalzüge und S-Bahnen in NRW sind mittlerweile zu 93 Prozent mit Videoüberwachung ausgerüstet. Bundesweit hat die Bahn 50.000 Kameras in den Zügen installiert und damit drei Viertel aller Nahverkehrszüge und S-Bahnen im Blick.

Die Zahl der Kameras auf den Bahnhöfen soll sich bis 2024 um 2000 auf dann 11.000 erhöhen. „Videokameras können oftmals Straftaten nicht verhindern, aber bei der Aufklärung der Fälle sind sie eine große Hilfe“, so Rischke. Er wünsche sich vor allem mehr Zivilcourage, wenn Zugpersonal in Bedrängnis gerate. „Mitreisende sollten hinschauen, sich einmischen oder wenigstens die 110 rufen oder einen Hilferuf nutzen, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen.“

Zum Schutz ihrer Mitarbeitenden hat die Bahn ein sogenanntes Bedrohungsmanagement eingeführt, das 24 Stunden erreichbar ist.

Zugpersonal wird versuchsweise mit Körperkameras ausgerüstet

Auf der Schwarzwaldbahn läuft seit 1. Februar ein Versuch, die Zugbegleiter auf freiwilliger Basis mit Bodycams auszurüsten. Bereits nach sechs Wochen könne man feststellen, dass sich Mitarbeitende und Reisende deutlich sicherer fühlen. „Erste Konfliktsituationen konnten allein mit dem Hinweis des Mitarbeiters, er werde die Kamera jetzt einschalten, deeskaliert werden“, so Rischke. „Leute ziehen dann zurück und suchen die Konfrontation nicht mehr. Ähnliche Erfahrungen haben wir 2021 auf der Maintalbahn gemacht. Da ist es gelungen, den Trend der Zunahme von Übergriffen zu brechen.“

Auch in NRW ist die Bahn mit den Aufgabenträgern und den Verkehrsverbünden im Gespräch, um vergleichbare Versuche mit Bodycams auf freiwilliger Basis zu starten. Wegen der Vielzahl der Verkehrsverbünde und Aufgabenträger sei das aber nicht kurzfristig umzusetzen.

DB Regio-Betriebsrat warnt vor „blindem Aktionismus“

„Wir sind nicht dagegen, unsere Mitarbeitenden mit Bodycams auszustatten“, sagt Ralf Damde, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der DB Regio. „Aber die Voraussetzungen müssen stimmen. Wir dürfen nicht in blinden Aktionismus verfallen.“ In den vergangenen zwei Jahren seien bundesweit bei DB Regio ganze 14 Kameras für zwei Pilotprojekte auf der Schwarzwaldbahn und in Konstanz angeschafft worden.

Nach der Gewalttat in Norddeutschland, bei der Ende Januar ein staatenloser Palästinenser in einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg wahllos auf Reisende eingestochen und zwei junge Menschen (17 und 19) getötet hatte, sei Bewegung in die Sache gekommen. „Plötzlich spielt die Frage des Geldes für die Ausstattung des Zugpersonals keine Rolle mehr“, so Damde.

Der Vergleich mit den positiven Erfahrungen, die man bei der Bundespolizei mit Bodycams mache, hinke, weil sie grundsätzlich nur mit Zweierteams auf Streife ginge. „Im Konfliktfall schaltet einer die Bodycam ein und der andere filmt das Geschehen, um Beweismaterial zu sichern. Nur so kann man verhindern, dass am Ende Aussage gegen Aussage steht.“

Das Zugpersonal sei in der Regel aber allein unterwegs. Der Betriebsrat habe Termine mit der Polizei vereinbart, um in einen Erfahrungsaustausch zu treten. „Wir sind gesprächsbereit. Alles, was unsere Kolleginnen und Kollegen besser schützt, ist willkommen.“ Bodycams dürften aber nur auf freiwilliger Basis zum Einsatz kommen.

Für die Pilotphase schlägt der Betriebsrat vor, Zweierteams für kritische Strecken zu bilden. „Wir können uns kreative Lösungen vorstellen und in der Versuchsphase auf problemlosen Verbindungen und zu Zeiten, in denen weniger Reisende unterwegs sind, Personal abziehen, um es auf freiwilliger Basis in den Abendstunden in Zweierteams einzusetzen“, so Damde.

Bislang gibt die Bahn mehr als 180 Millionen Euro jährlich für die Sicherheit von Reisenden und Mitarbeitenden aus. Täglich sind rund 4300 Sicherheitskräfte der DB und 5500 Bundespolizisten unterwegs.

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