Frauke Rostalski kritisiert die Doppelmoral von Jens Spahn, findet aber auch deutliche Worte für seine Kritiker.
Frauke RostalskiKölner Expertin beklagt „widerlich homophoben Zungenschlag“ im Fall Spahn

Jens Spahn ist zurückgetreten (Archivbild).
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Die Kölner Rechtsphilosophin Frauke Rostalski hält die Empörung über Jens Spahn für widersprüchlich, wenngleich sie dessen politische Doppelmoral kritisiert – und plädiert für eine regulierte Leihmutterschaft.
Frau Rostalski, Sie treten für eine Liberalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland ein. Die CDU/CSU beharrt auf einem Verbot. Sind Sie folglich auf der Seite von Jens Spahn?
Sein Fall zeigt in seltener Klarheit, dass die Gesetzeslage in Deutschland weder zu den Bedürfnissen vieler Menschen noch zu den Wertvorstellungen eines Großteils der Bevölkerung passt. Ich verstehe also, dass jemand wie Jens Spahn nach Wegen sucht, den eigenen Kinderwunsch zu verwirklichen. Dass er damit das Verbot glatt unterlaufen hat, das er selbst als Gesundheitsminister und später als Fraktionsvorsitzender hochgehalten hat, ist ein eklatant doppelter Standard.
Sie glauben, eine Erlaubnis der Leihmutterschaft würde von einer Mehrheit in Deutschland ethisch gutgeheißen?
Nicht in der kommerzialisierten Form, wie wir sie etwa in den USA erleben. Das große Geschäft mit den Leihmüttern ist geradezu die Kehrseite eines strikten Verbots. Ich bin deshalb für die sogenannte altruistische Leihmutterschaft: Es sollte möglich sein, dass Frauen ohne Gewinnabsicht anderen helfen, ein eigenes Kind zu bekommen. Das ist offensichtlich ein so urtümlicher Wunsch vieler Menschen, dass sich die Gesellschaft dem nicht geradewegs verweigern sollte.
Keine „Gewinnabsicht“, sagen Sie. Aber welche Frau würde „einfach so“ für andere ein Kind austragen?
Sie müsste natürlich eine Kostenerstattung erhalten und auch Sicherheiten im Fall von Komplikationen. Aber das ginge niemals so ins Geld wie die astronomischen Summen, die in den USA fällig werden. Das verschärft im Übrigen das Problem, weil Leihmutterschaft so zu einem Privileg der Reichen wird. Ein Jens Spahn kann sich das leisten. Aber da ist er eben die Ausnahme.
Über solche Überlegungen, wenn er sie denn angestellt hat, hat er sich augenscheinlich hinweggesetzt.
Ich nehme das als Beleg für die Kraft und den existenziellen Druck, den der Kinderwunsch annehmen kann – nicht nur bei Jens Spahn und seinem Mann.
Ist der Rücktritt vom Amt des Fraktionsvorsitzenden die einzig mögliche Konsequenz?
Ich bin, ehrlich gesagt, empört über diese Entwicklung. Nicht, weil ich Jens Spahns Agieren in dieser Sache gutheiße. Aber er hat in seiner Zeit als Minister und später als Fraktionschef einen Skandal an den anderen gereiht, von seiner Verunglimpfung von Impfskeptikern in der Corona-Pandemie über die „Maskenaffäre“ bis zur gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin. An alledem gab es Kritik, natürlich. Aber für einen Rücktritt hat es in den eigenen Reihen nie gelangt.
„Konsequenzen für Spahn werden jetzt ausgerechnet an der Entscheidung für ein Kind durchexerziert“
Sie haben sich doch selbst wiederholt über die Folgenlosigkeit politischen Handelns beklagt.
Schon. Aber das – an und für sich – richtige Prinzip, dass schweres Fehlverhalten Konsequenzen haben muss, wird jetzt ausgerechnet an der Entscheidung für ein Kind durchexerziert. Anders als alles, was sich Spahn oder andere an Doppelmoral geleistet haben, gilt das jetzt plötzlich als unerträglich und soll „das Maß vollmachen“. Da stößt mir wirklich übel auf. Dazu kommt noch etwas anderes…
Nämlich?
Die Debatte, insbesondere in den sozialen Medien, hat einen widerlichen homophoben Zungenschlag. Da geht es nach meinem Eindruck überhaupt nicht mehr um die Leihmutterschaft, sondern um die alten Vorurteile gegen homosexuelle Paare. Und dabei geht völlig verloren, dass hier ein neuer Mensch zur Welt gekommen ist, eine Person mit eigener Würde. Ich hätte gedacht, dass wir als Gesellschaft damit inzwischen reifer umgehen würden.
Was wäre ein reifer Umgang gewesen?
Der punktuelle Ruf nach Konsequenzen just an dieser Stelle ist bigott, wenn man bei anderen Skandalen und Skandälchen über Jahre beide Augen zugedrückt hat. Wenn wir wollen, dass Politiker bei einer massiven Einbuße von Vertrauens- und Glaubwürdigkeit zurücktreten, dann muss das auch in anderen Fällen gelten – und nicht nur bei der Inanspruchnahme einer Leihmutter in den USA.
Wie im Fall der Juristin Brosius-Gersdorf und ihrer Positionierung zum Schwangerschaftsabbruch schwappt die Welle der öffentlichen Empörung dort hoch, wo es – vereinfacht gesagt – um das Kinderkriegen geht. Wie erklären Sie sich das?
Weil es an die urtümlichsten Impulse und Instinkte des Menschen rührt. Jeder hat sich in Fragen „auf Leben und Tod“ irgendwann in seinem Leben seine Meinung gebildet – und das ist meistens eine sehr starke Meinung, eben weil es an die Existenz geht. Insofern wundert mich die Heftigkeit der Reaktionen hier nicht. Umso wichtiger wäre es für eine liberale Gesellschaft, sich um Ruhe, Sachlichkeit und Fairness in der Debatte zu bemühen. Nichts davon erleben wir gerade. Und es ärgert mich besonders, wenn ausgerechnet Kirchenvertreter die Stimmung anheizen.
Wen meinen Sie?
Der Bischof von Passau, Stefan Oster, hat sich vor die Kamera gesetzt und mit scheinbar brechender Stimme über die „Last“ geklagt, die das Kind von Jens Spahn und seinem Mann zu tragen habe. Da sage ich: Dieses Kind gäbe es ohne die Entscheidung seiner Eltern, ihm das Leben zu schenken, gar nicht. Es hat ein Recht auf dieses Leben. Es hat ein Recht auf freie Entfaltung. Das völlig außer Acht zu lassen und ein Leid dieses Kindes zu postulieren allein als Folge seiner Entstehungsbedingungen – das finde ich geradezu mittelalterlich.
