Eine Aussage von Björn Höcke, die aus Russland stammen könnte, sorgt bei der AfD für Wirbel. Für Alice Weidel gibt es derweil Lob aus Moskau.
„Absolut falsch und töricht“Höcke-These sorgt für AfD-Streit – Moskau feiert Weidel-Beitrag

AfD-Chefin Alice Weidel zusammen mit AfD-Politiker Björn Höcke. (Archivbild)
Copyright: IMAGO / Karina Hessland
Äußerungen von Thüringens rechtsextremem AfD-Chef Björn Höcke über West- und Ostdeutsche haben in der Partei eine hitzige Diskussion ausgelöst. Hintergrund ist ein Interview Höckes mit der Schweizer „Weltwoche“ und Herausgeber Roger Köppel.Dort hatte der AfD-Politiker als wichtige Ursache für gesellschaftliche Polarisierung und Ost-West-Unterschiede gesagt: „Im Osten sind die Menschen noch Deutsche, im Westen haben sie über Jahrzehnte eine Ersatzidentität gefunden und haben sich von der amerikanischen Kultur völlig usurpieren lassen.“ Usurpieren bedeutet, etwas zu verdrängen und seinen Platz einzunehmen.
Björn Höcke kassiert parteiinterne Kritik
Höcke, selbst Westdeutscher, zitierte außerdem einen Satz, den er „irgendwo gelesen“ habe, der gut hereinpasse: „In der westlichen Republik gibt es deutsch sprechende Amerikaner oder wohnen deutsch sprechende Amerikaner und im Osten der Republik wohnen deutsch sprechende Deutsche.“ Der Amerikanismus sei eine Antithese zum Deutschtum, sagte er auch.
AfD-Chefin Alice Weidel sagte auf eine Reaktion angesprochen lediglich: „Müssen Sie Herrn Höcke fragen, wie er das als Westdeutscher meint.“ Co-Parteichef Tino Chrupalla sagte, Höcke meine wahrscheinlich ja sich selbst damit. „Wenn er usurpiert meint, also muss er sich ja selbst damit gemeint haben“, so Chrupalla. Die AfD sei die erste gesamtdeutsche Partei. „Ich denke, wir sollten uns auf dieser Ebene nicht spalten lassen.“
Gegenwind für Björn Höcke: „Absolut falsch und töricht“
„Wir sind eine einige, unteilbare deutsche Nation. Die Vollendung der inneren Einheit Deutschlands ist unser oberstes Ziel. Wir spalten sie nicht, weder politisch, geistig noch kulturell“, sagte derweil AfD-Fraktionsvize Beatrix von Storch dem Portal „The Pioneer“.
Auch der AfD-Verteidigungspolitiker Rüdiger Lucassen, der sich in der Vergangenheit schon Auseinandersetzungen mit Höcke geliefert hatte, kritisierte ihn für seine Aussagen. Er könne sich „nicht mehr erklären, was in ihn gefahren ist“, sagte der frühere hochrangige Bundeswehroffizier und nannte Höckes Aussage herabwürdigend. Seine Einschätzung, Westdeutsche seien „in Wahrheit verkappte Amerikaner“, nannte Lucassen „absolut falsch und töricht“ – das sei SED-Sprech.
„Es gibt keine Deutschen erster und zweiter Klasse“
Scharfe Kritik gab es auch vom neuen FDP-Chef Wolfgang Kubicki. „Björn Höcke bewegt sich deutschlandpolitisch auf dem Niveau der SED. Es gibt keine Deutschen erster und zweiter Klasse. Jetzt braucht es keine Politiker, die irgendwo im 19. oder 20. Jahrhundert hängen geblieben sind“, schrieb Kubicki bei X.
Gleichzeitig zur Debatte um Höckes Äußerungen wird auch die Russland-Nähe der Partei erneut wieder Thema, da der Satz über West- bzw. Ostdeutsche, den Höcke „irgendwo gelesen“ haben will, offenbar direkt aus der russischen Propagandamaschinerie stammt.
Die Chefin des russischen Staatssenders Russia Today, Margarita Simonjan, verwendete eine ähnliche Formulierung bereits 2023. „In Ostdeutschland leben Deutsche, in Westdeutschland aber mehrheitlich deutschsprachige Amerikaner“, schrieb Simonjan damals bei Telegram. Verbreitet wurde die Aussage im Anschluss unter anderem von prorussischen Blogs – so könnte sie auch Höcke erreicht haben.
Alice Weidel gratuliert Zverev nicht – aber Andrejewa
AfD-Chefin Alice Weidel erntet unterdessen ebenfalls Gegenwind – auch hier richtet sich die Kritik auf die zur Schau gestellte Russland-Nähe der Spitzenpolitikerin. Während Weidel dem deutschen French-Open-Gewinner Alexander Zverev in den sozialen Netzwerken nicht mit einem Beitrag zum Titelgewinn gratulierte, widmete die AfD-Chefin auf der Plattform X einen Post dem Erfolg der Russin Mirra Andrejewa. Dort beklagte Weidel, dass der Russin nicht die übliche Ehrung zuteil geworden sei, und forderte, dass „Sport unpolitisch“ sein sollte.
Weidels Botschaft sei „nicht zu übersehen“, kritisierte etwa die Europäische Demokratische Partei bei X. „Das ist kein Sport ‚außerhalb der Politik‘. Es ist Politik, die in den Sport geschmuggelt wird“, hieß es weiter. „Die AfD nennt sich patriotisch. Und zieht aber Moskaus verletzten Stolz der eigenen deutschen Siegesfreude vor.“
Freude in Russland: Putins Gesandter lobt Alice Weidel
In Russland sorgten Weidels Worte unterdessen für offene Freude. „Sehr geehrte Alice Weidel, Anführerin der beliebtesten Partei in Deutschland und die Stimme des deutschen Volkes, vielen Dank für Ihren freundlichen Kommentar zu Mirra und Ihre Unterstützung dafür, dass Sport unpolitisch bleibt“, schrieb Kirill Dmitrijew, Sondergesandter für Wirtschaftsfragen von Kremlchef Wladimir, an Weidel gerichtet bei X.
Auch in weiteren Beiträgen machte Dmitrijew kein Geheimnis aus Moskaus offener Unterstützung für die AfD – und attackierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Die Deutschen sind die hartnäckigen Versäumnisse beim Korrigieren falscher Politik leid, hieß es etwa in einem Beitrag, der sich auf einen Artikel über Proteste gegen die Bundesregierung in Berlin bezog.
Kremlchef Putin hatte sich ebenfalls kürzlich positiv über die AfD geäußert. Die Abgeordneten der Partei verstünden es, ihre Position klar zu formulieren und ohne Angst dafür zu kämpfen, sagte Putin beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg in der vergangenen Woche und verwies auf Umfragen, welche die Partei vor der Union sehen. Wie auch die AfD, lockte Putin deutsche Wähler schließlich mit einer Wiederaufnahme von Öl- und Gaslieferungen. (mit dpa)
