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Katholische KircheMainzer Bischof Kohlgraf sieht Fortschritte auf „Synodalem Weg“

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Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz

Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz

Dem Abschlusstreffen des Synodalen Wegs bleibt Kardinal Woelki fern. Der Mainzer Bischof Kohlgraf, selbst Kölner, hat einen Rat für seinen Mitbruder.

Bischof Kohlgraf, der Synodale Weg kommt mit der sechsten und letzten Synodalversammlung in Stuttgart an ein Ende. Wo ist die katholische Kirche in Deutschland auf diesem Weg nach sechs Jahren nachweislich weitergekommen?

Ich nenne mal die neue Grundordnung für die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie hat dazu geführt, dass die persönliche Lebensführung arbeitsrechtlich nicht mehr so bestimmend ist.

Wäre diese Reform nicht auch ohne den Synodalen Weg gekommen, weil die staatliche Rechtsprechung sie unumgänglich gemacht hatte?

Über das kirchliche Arbeitsrecht wurde bereits seit längerem differenziert und konstruktiv diskutiert. Ich bin davon überzeugt, dass der Synodale Weg die Reform der Grundordnung nicht nur beschleunigt, sondern vor allem auch das Bewusstsein für eine notwendige Haltungsänderung geschärft und diese zugleich vorangebracht hat. Die Frage der Glaubwürdigkeit richtet sich nun weniger an einzelne Personen als an die Kirche selbst und ihre Einrichtungen. Das, finde ich, ist eine spürbare Verbesserung. Als positives Ergebnis des Synodalen Wegs nenne ich dann auch die Segensfeiern „für Menschen, die sich lieben“.

Es geht uns um die Grundhaltung.
Bischof Peter Kohlgraf

Gemeint ist die Segnung queerer Paare oder Partnern aus geschiedenen Ehen.

Ja, es handelt sich gewissermaßen um einen Kompromiss zwischen der vatikanischen Erklärung „Fiducia supplicans“ und dem Handlungstext des Synodalen Weges „Segensfeiern für Paare, die sich lieben“.

Der Vatikan will keine Feiern, die zu einer Verwechslung mit der kirchlichen Eheschließung führen könnten.

Es geht uns auch nicht um die Etablierung eines festen Rituals, sondern um die Grundhaltung: Menschen, die sich Segen und Begleitung wünschen, nicht einfach abzuweisen, sondern sie in der Kirche willkommen zu heißen. Noch ist diese Praxis nicht flächendeckend verbreitet.

Segnung queerer Paare ist „in vielen anderen Diözesen mittlerweile pastoraler Alltag“

In Köln ausdrücklich nicht.

Auch wenn sich die Zahlen in Grenzen halten, ist sie in vielen anderen Diözesen mittlerweile pastoraler Alltag – so auch bei uns im Bistum Mainz. Predigtdienst, Tauf- und Eheassistenz von Laien sind ebenfalls vielerorts Praxis. Das soll aber – wie alle Beschlüsse des Synodalen Wegs – jetzt auch nochmal evaluiert werden. Fragen von Macht- und Gewaltenteilung, von Rechenschaftspflicht beschäftigen die Räte in den Diözesen. Alles Themen, die auch gesamtkirchlich in der Weltsynode 2023/24 eine Rolle gespielt haben. Und dann gibt es noch Themen wie den Zölibat der Priester oder die Weihe von Frauen, die nicht in Deutschland entschieden werden können und die wir deshalb vom Synodalen Weg nach Rom gegeben haben. Für die Zulassung von Frauen zum Diakonat hat die noch von Papst Franziskus eingesetzte römische Studienkommission erst kürzlich die Perspektiven zumindest offengelassen. In Deutschland werden wir uns an dieser Diskussion also weiterhin beteiligen.

Die Einheit der Bischöfe ist nicht gestärkt worden.
Bischof Peter Kohlgraf

War mit Blick auf Zölibat oder Frauenweihe überhaupt mit Veränderungen zu rechnen – Stichwort „Erwartungsmanagement“?

Sollten da Erwartungen geschürt worden sein, dann nicht von uns Bischöfen. Obwohl ich beim Thema Zölibat schon vor sechs, sieben Jahren gesagt habe, da könnte es Veränderungen geben. Es ist anders gekommen, aber da müssen wir jetzt halt mit Rom im Gespräch bleiben.

Welche Ziele wurden verfehlt, wo ist der Synodale Weg gescheitert?

Die Dezentralisierung kirchlicher Entscheidungen – von Papst Franziskus wieder und wieder formuliert – ist nicht wirklich vorangekommen. Und die Einheit der Bischöfe ist nicht gestärkt worden, wenn ich es freundlich sagen soll.

Was aus dem Kaleidoskop an Ergebnissen ist für sie am wichtigsten?

Dass das Bewusstsein für die Ursachen und Gefahren des Missbrauchs gestärkt wurde. Und dass wir alle – Bischöfe und Laien – zu einem besseren, konstruktiveren Stil des Miteinanders gefunden haben, den wir auf Bundesebene demnächst auch in der neuen Synodalkonferenz weiter pflegen wollen.

Wir müssen die Strukturen der Macht verändern.
Bischof Peter Kohlgraf

Sie wollten die strukturellen Ursachen für sexuellen Missbrauch in der Kirche bekämpfen, und herauskommt – ein neues Gremium? Ein Hoch auf den Sitzungskatholizismus!, könnte man sagen.

Könnte man. Aber jedem ist doch klar: Die Synodalkonferenz ist nicht die Antwort auf alle Probleme. Nur: Wenn wir am Umgang mit Macht und der Bekämpfung von Machtmissbrauch dranbleiben wollen, müssen wir die Strukturen der Macht verändern – zum Beispiel mit wirksamer Kontrolle und der Pflicht zur Rechenschaft. Genau das hat übrigens auch die Weltsynode in Rom ins Auge gefasst.

Sie sprechen von einem neuen Miteinander und erwähnen zugleich die Konflikte unter den Bischöfen. Ihr Kölner Mitbruder, Kardinal Rainer Woelki, hat schon jetzt angekündigt, er lehne gemeinsames Beraten und Entscheiden von Bischöfen und Laien in einer künftigen Synodalkonferenz ab. Also kein neues Miteinander?

Ich will zunächst keinem der drei absprechen, dass auch er in seiner eigenen Diözese versucht, synodale Strukturen mit Leben zu füllen. Die Stimme der drei ist im Konzert der deutschen Kirche eine wichtige. Ich bedauere es, wenn sie in der künftigen Synodalkonferenz fehlt. Es gehört doch zur Synodalität, nicht nur die eigene Meinung zu bestätigen, sondern gemeinsam im Austausch zu bleiben.

Stimmen aus dem konservativen Spektrum waren weniger stark wahrnehmbar.
Bischof Peter Kohlgraf

Haben Sie dazu Ideen?

Die neue Synodalkonferenz sollte in ihrer Besetzung die Weite theologischer Positionen abbilden, um den Katholizismus in seiner ganzen Breite zu repräsentieren.

Mehr Konservatismus wagen?

Man muss anerkennen, dass Stimmen aus diesem Spektrum auf dem Synodalen Weg weniger stark wahrnehmbar gewesen sind, auch weil etliche Synodale die Versammlung von sich aus verlassen und die genannten drei – ursprünglich vier – Bischöfe die weitere Mitarbeit verweigert haben.

Warum sollten sie das jetzt ändern?

Wenn der Vatikan die Statuten der Synodalkonferenz bestätigt, gäbe es meines Erachtens keinen Grund mehr, dort nicht mitzuwirken.

Ein Bischof ist gut beraten, wenn er nicht dauerhaft Bischof gegen die Gläubigen ist.
Bischof Peter Kohlgraf

Erwarten Sie ein Placet aus Rom?

Ich glaube, wir sind auf alle Bedenken eingegangen, insbesondere auf die Sorge, dass gemeinsames Beraten und Entscheiden in synodalen Gremien die Autorität des Bischofs untergraben oder die Verantwortung für sein Bistum aushebeln könnte. Ich meine: Ein Bischof ist gut beraten, wenn er nicht dauerhaft Bischof gegen die Gläubigen ist. Wenn ich als Bischof sage, „ich höre nicht nur auf die Stimmen der Gläubigen, sondern binde mich an diese Stimmen, sofern das nicht völlig gegen mein Gewissen geht“, dann führt das automatisch zur Mit-Bestimmung der Gläubigen, die damit in ihrer Beratungsfunktion auch wirklich ernstgenommen werden.

Erklärte Kritiker des Synodalen Wegs und seiner Reformen wurden kürzlich vom Papst in Privataudienz empfangen. Ein Indiz, dass auch Leo XIV. mit Skepsis auf das schaut, was Sie da in Deutschland tun?

Es waren auch andere beim Papst, die ebenfalls ihre Sichtweise darstellen konnten. Der Papst, und das scheint ja sein Charisma zu sein, hat jedenfalls beide Seiten gehört, um sie möglicherweise auch neu ins Gespräch miteinander zu bringen. In seiner Zeit als Kardinal hat er an allen Beratungen mit uns Bischöfen teilgenommen. Also, er kennt die Situation, er kennt die Argumente. Ich habe vom Papst zuletzt auch keine Verschärfung des Tons uns gegenüber wahrgenommen.

Der Co-Präsident des Synodalen Wegs, Bischof Georg Bätzing, hat soeben erklärt, dass er sich nicht für eine zweite Amtszeit als Vorsitzender der Bischofskonferenz bewirbt. Ein Rückschlag für den weiteren Reformweg?

Ich kenne seine Gründe nicht im Einzelnen. Der Vorsitz der Bischofskonferenz kostet viel Zeit und Energie, die für die Aufgaben im eigenen Bistum fehlen. Ich kann mir vorstellen, die Limburger Katholiken werden sich freuen, dass ihr Bischof jetzt wieder mehr für sie da ist.

Und die Mainzer? Müssen die sich jetzt Sorgen machen, dass ihr Bischof ihnen wegen anderer Aufgaben künftig ein Stück abhanden kommt?

Es gibt für den Vorsitz der Bischofskonferenz keinen Wahlkampf. Den führe ich auch nicht. Ich bin gerne Bischof von Mainz. So würde ich es mal sagen.

Und Sie geben auch keine Wahlempfehlung?

Nein.