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616 VorgabenWarum ein Pflegeheimplatz in Deutschland so teuer ist

10 min
Ein zukünftiges Senioren-Zimmer der Einrichtung ist noch als Baustelle zu sehen.

In der Park-Oase in Michaelshoven sollen bald 120 Seniorinnen und Senioren ein neues Zuhause finden. Ein Platz wird aber mehr als 6000 Euro kosten.

Warum ist ein Pflegeheimplatz in Deutschland so teuer? Der Besuch der Baustelle der Park-Oase in Michaelshoven liefert Antworten.

Das Licht der herbstlichen Nachmittagssonne sickert durch die große Fensterfront, die letzten Ausläufer reichen bis in die hintersten Zimmerecken. Wo sich Leitern, herabhängende Kabel, Stützpfeiler oder Gerüststreben in den Weg stellen, malen sich dunkle Schatten in das Helle und strecken sich Richtung Nordosten, man hätte gerne einen Kompass, um das genauer zu bestimmen. Der ein oder andere mag sich fragen, was derart geografische Spitzfindigkeiten zur Sache tun. Schließlich soll hier eine Geschichte über die Kosten der Pflege im Heim beginnen, die eng um die Frage kreist, warum ein Heimplatz in Deutschland eigentlich so teuer ist. Warum also ausschweifen zu Nebensächlichkeiten wie Himmelsrichtungen, fragt man sich. Und dann trifft man Uwe Ufer, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Michaelshoven, und wird eines Besseren belehrt. Bau und Betrieb eines Pflegeheims sind in Deutschland nicht mit einfachen Worten und einfachen Regeln zu umreißen. Es wird da schnell ausschweifend. Regulatorisch wie finanziell.

Uwe Ufer steht vor dem Rohbau der „Park-Oase“ auf dem Gelände der Diakonie Michaelshoven im beschaulichen Süden Kölns. Was hier dreistöckig und zum Teil noch unverputzt in den Himmel ragt, wird schon im Februar des kommenden Jahres auf knapp 9000 Quadratmetern zum neuen Zuhause für rund 120 Seniorinnen und Senioren, außerdem zum Lernort für 200 Auszubildende, schließlich soll im Souterrain des Heims auch die neue dreizügige Pflegeschule untergebracht werden.

Ufer kann nicht umhin, ein bisschen Stolz in seine Stimme zu legen, wenn er das künftige Leben hier im Haus imaginiert. Man habe an alles gedacht: Loungemöbel, Sitzecken, offene Gemeinschaftsküchen, moderne Badezimmer, alles in warmen Erdtönen. „So haben die Bewohner sich das bei einer Befragung gewünscht.“ Woran beim Wünschen wirklich niemand dachte, waren die Himmelsrichtungen. Und so kam es, dass bei der Abnahme der Pläne für den Rohbau der Landschaftsverband Rheinland (LVR) anordnete, das gesamte Ensemble umzuplanen und um einen Winkel von sechs Grad um die eigene Achse zu drehen. „Sonst wären einige Bewohnerzimmer nach Norden ausgerichtet gewesen“, sagt Uwe Ufer. Und das hätte gegen Paragraf 7 Abs. 4 Satz 3 WTG DVO verstoßen. In der Vorschrift ist der Lichteinfall in Pflegeheimzimmern festgeschrieben.

615 Planungsvorgaben: Bauordnungen, Pflege-Richtlinien, DIN-Normen

Eine sechsstellige Summe habe es gekostet, die Pläne zu ändern, dazu drei Monate Zeitverzögerung im Bau, sagt Ufer und seufzt. Er trägt einen blauen Anzug über dem weißen Hemd, mit großen Schritten durchmisst er das weitläufige Gebäude, macht kehrt und wählt einen anderen Weg. Hier hat jemand frischen Estrich aufgebracht, „hier können wir nicht durch“. Auf seinem Seufzen lastet nicht etwa bloß die Sache mit dem Lichtfall. Sondern noch 615 weitere Planungsvorgaben. Denn diese alle habe man beim Bau für Haus sechs einhalten müssen. Ufer hat sie mal notiert und dafür 21 Seiten bedruckt. „Und die Liste ist keineswegs vollständig.“ Manches Mal habe er mehrere Vorschriften zusammengefasst. Alles in allem bleibt zumindest für den Laien ein undurchdringlicher Wust an Bauordnungen, Prüfverordnungen, Pflege-Richtlinien, Mindestanforderungen, DIN-Normen.

Auch der LVR zählt auf Anfrage einen beachtlichen Regelkatalog auf: Von den „üblichen bauordnungsrechtlichen Anforderungen, die jedes Gebäude einzuhalten hat“ ist da ebenso die Rede wie von „zahlreichen anderen Vorgaben, zum Beispiel aus dem Bereich der Hygiene“, sowie „für Pflegeheime spezielle Vorgaben im Alten- und Pflegegesetz NRW (APG NRW), dem Wohn- und Teilhabegesetz NRW (WTG NRW) und den dazu gehörenden Durchführungsverordnungen (APG DVO und WTG DVO)“. Hier werde beispielsweise die Anzahl der Einzelzimmer und Nasszellen in den Einrichtungen geregelt, es würden aber auch Vorgaben zu Flächen innerhalb der Einrichtung und zur Lage der Einrichtung gemacht. Diese dienten „dem Schutz der Rechte und Bedürfnisse der Bewohnenden“.

Pflegeinrichtungen erhielten in NRW nur dann einen Versorgungsvertrag, wenn sie die baulichen Vorgaben erfüllten. Die meisten Pläne, so schreibt der LVR auf Anfrage müssten „drei oder viermal nachgebessert werden“.

Uwe Ufer, Kirsten Neveling und Christian Potthoff stehen im Gruppenbild vor dem Rohbau.

Uwe Ufer, Kirsten Neveling und Christian Potthoff (v.l.) sind guter Dinge, dass im Februar die ersten Bewohnerinnen und Bewohner in die Park-Oase einziehen können.

Aus den Zwischenräumen all dieser Regelungen sprießen die Anekdoten, von denen Ufer an diesem Nachmittag erzählt: Extra erdbebensicherer Stahl, Parkplätze für Heimbewohner, die aufgrund ihrer Einschränkungen gar nicht Auto fahren können, fast 30 Zentimeter vorgeschriebene Wärmedämmung sowie Dreifachverglasung für ein Gebäude, das komplett nachhaltig und emissionsfrei geheizt und gekühlt werden könne. Am Ende bilden laut Ufer all diese Geschichten das Hintergrundrauschen zu dieser einen Frage: Warum ist ein Pflegeheimplatz in Deutschland so teuer? So teuer, dass die Rente nicht reicht und Erspartes, das ein Leben lang angehäuft wurde, binnen weniger Monate aufgezehrt sein kann. Ein Gutachten des Gesundheitsökonom Heinz Rothgang im Auftrag der Krankenkasse DAK kommt auf fast 38 Prozent der Pflegeheimbewohner, die ihren Platz nicht ohne Sozialhilfe finanzieren könnten, Tendenz steigend.

„Wenn wir die Regeln entschlacken würden, könnten wir ein Drittel der Kosten einsparen“

Und längst ist all das kein individuelles Problem mehr. Denn was als private Not beginnt, wird zur öffentlichen Rechnung: Die Sozialausgaben steigen, die Kassen geraten unter Druck, das System droht zu kippen. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, wer die Pflege bezahlt, sondern ob sich dieses System überhaupt noch finanzieren lässt.

Zumindest nicht unter diesen Bedingungen. Aber vielleicht ja unter anderen: „Wenn wir die Regeln entschlacken würden, könnten wir ein Drittel der Kosten einsparen“, sagt Ufer mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der alles genau durchgerechnet hat.

Das mit dem Durchrechnen ist freilich gar nicht so einfach. Schließlich sind nicht nur die Regelwerke komplex, sondern auch die Wege der Finanzierung. Ein Heimplatz wird aus vier Töpfen bezahlt: Erstens Pflege und Betreuung, zweitens Unterkunft und Verpflegung, drittens Ausbildungsumlage und viertens Investitionskosten. Von der Pflegeversicherung übernommen wird lediglich der erste Teil, und auch der nur bis zu einem festgelegten Tarif. Die AOK Rheinland/Hamburg beziffert die Ausgaben auf Anfrage: Für Menschen mit Pflegegrad 2 zahlt die Kasse monatlich 805 Euro ans Heim, 1319 Euro sind es für Pflegegrad 3, 1855 Euro für Pflegegrad 4, 2096 Euro für Pflegegrad 5.

Grafik zu Pflegeheimkosten in NRW

Der Eigenanteil für Menschen, die keine staatliche Hilfe beziehen, liegt in NRW bei 4035 Euro im Durchschnitt. Die höchsten laufenden Kosten im Pflegeheim verursacht das Personal. Fast neun von zehn Euro Jahresbudget fließen in Lohnkosten.

Was die Pflegekasse an Betreuungskosten nicht übernimmt, nennt man einrichtungseinheitlicher Eigenanteil (EEE), er wird den Bewohnern direkt in Rechnung gestellt. Dazu kommen die Kosten für Unterkunft und Essen, die Ausbildungsumlage sowie die Investitionskosten. In einer Modellrechnung, die der LVR auf Anfrage dieser Zeitung erstellt, summieren sich so rund 4035 Euro monatlich, die Bewohner aus eigener Tasche aufbringen müssen: knapp 1963 Euro Pflege-Eigenanteil, rund 1246 Euro für Unterkunftskosten wie Energie und Reinigung sowie Essen, etwa 173 Euro Ausbildungsumlage und 654 Euro Investitionskosten. Alles Durchschnittswerte.

Bei einem Neubau fallen die Investitionskosten besonders ins Gewicht. Laut Gesundheitsministerium sind sie vergleichbar mit einer Kaltmiete. Mitbezahlt werden müssen aber auch Flure, Gemeinschaftsräume, Küche, Verwaltung und Personalräume. Hinzu kommen Zinsen und Instandhaltung. In Nordrhein-Westfalen können Menschen, die diese Kosten nicht aus Einkommen und Vermögen tragen können, Pflegewohngeld erhalten, sofern ihr Heim an dem Programm teilnimmt. 2024 zahlte das Land nach eigenen Angaben rund 602 Millionen Euro an etwa 90.000 Bewohner.

6770 Euro verschlingt der Platz pro Monat

Ein Platz in der neuen Park-Oase ist teurer. Schließlich hat die Diakonie nach den vorliegenden Angaben gerade erst 23 Millionen Euro in das ausgestattete Gebäude investiert. Die Zimmer sind außerdem etwas größer als das Gesetz es verlangt. In Ufers Kalkulation kostet ein Platz für einen Modellbewohner mit Pflegegrad 3 monatlich 6770 Euro. Selbst beim höchsten Pflegegrad bleibt für den einzelnen Bewohner da noch eine Rechnung von mehr als 4600 Euro. 

„Warum in Gottes Namen ist das so teuer?“ Ufer stellt diese Frage an diesem Nachmittag mehrmals, während er durch nackte Räume führt und ab und zu Abbildungen in seinem Prospekt zeigt, das er unter dem Arm geklemmt mit sich führt. „Dafür lässt sich in bester Betreuung eine Kreuzfahrt machen.“ Und auch wenn es in Michaelshoven nett sei, mit der Aussicht aufs offene Meer könne man dann doch nicht mithalten.

Die Frage ist hartnäckig und Ufer hat neben dem umfangreichen Regelwerk zum Bau noch ein weiteres Geldloch ausfindig gemacht: Paragraf 113 c Sozialgesetzbuch XI. Hier ist der genaue Personal- und Qualifikationsschlüssel für eine Pflegeeinrichtung vorgegeben. Für 80 Betten sind nach Angaben des LVR 40,5 Vollzeitkräfte einzusetzen, davon dürfen lediglich zwölf ohne staatlich anerkannten Abschluss sein. Neben einer Pflegedienstleitung muss eine solche Einrichtung den Angaben zu Folge mindestens 17,5 Pflegefachkräfte sowie 9,5 Pflegeassistenzen auf dem Lohnzettel stehen haben. „Dies entspricht unter Berücksichtigung der geltenden Tarifverträge bzw. der ortsüblichen Entgelte durchschnittliche Kosten von 3.000.000 Euro/Jahr“, schreibt der LVR. Hinzu komme eine knappe weitere Million für die Leitung der Pflegeeinrichtung, Verwaltungs-, Hauswirtschaftskräfte sowie Hausmeister und Mitarbeiter für die Pforte.

Gewicht, Trinkmengen, Aktivitäten: Alles muss dokumentiert werden

Fast neun von zehn Euro Jahresbudget für ein Pflegeheim entfielen so auf die Lohnkosten. Ufer schüttelt darüber den Kopf: „Fragen wir die Menschen, was sie sich wünschen, dann sagen alle: Zeit. Aber niemand sagt: Dokumentation oder Diplome.“ In Spanien und den Niederlanden „lacht man sich schlapp über unser System“, sagt auch Christian Potthoff, Geschäftsführer Pflege und Wohnen bei der Diakonie. Dort träfen wenige Fachkräfte die Entscheidungen. Alltägliche Pflegeaufgaben wie Zähneputzen, Essen anreichen, Fingernägel schneiden oder einfach mal dasitzen und reden dagegen würden von angelernten Mitarbeitern übernommen. Potthoff hat sich das kürzlich erst alles zeigen lassen. Und auch die personalaufwändige Pflicht, alles zu dokumentieren, hält man in der Diakonie für übertrieben: Trinkmengen, Gewicht, Temperatur von Lebensmitteln bei Wareneingang und Ausgabe, Desinfektion, BMI, Einhaltung von festgelegten Tagesstrukturen, welche Aktivitäten angeboten und warum sie möglicherweise abgelehnt wurden. Ufer sagt: „Die meisten Menschen werden zu Hause von völlig ungelernten Angehörigen gepflegt und die allermeisten davon sehr gut. Da schreibt niemand auf, dass der alte Vater heute anders als alle Tage zuvor keine Lust auf Mensch-ärgere-dich-nicht hatte und stattdessen ein Glas Wein trinken wollte.“

Noch leeres Pflegezimmer.

So sieht ein Pflegeheimzimmer im Neubau derzeit noch aus. Ab Februar sollen dann auch Möbel drinstehen. Ein Doppelbett für ein Paar wird es darin nicht geben. Das verbietet das Gesetz.

Sparpotenzial könnte auch in der Prüfung von Ansprüchen und Bedürftigkeiten stecken. Der Antrag auf Hilfe zur Pflege beispielsweise ist extrem umfangreich: Vollmachten, Betreuerurkunden, Pflegegrad- und Rentenbescheide, Gutachten, Kontoauszüge, Sparbücher, Versicherungsnachweise und ähnliches sind ihm beizufügen, Christian Potthoff spricht von 120-Seiten-Werken. „Das ist für alle Seiten eine unglaubliche Arbeit, auch für die Kommune, die ja alles wiederum prüfen muss. Bis zur Bewilligung vergehen mitunter Monate, manchmal ein Jahr.“ Im schlimmsten Fall sei der Gepflegte in der Zwischenzeit verstorben.

Pflegeheime müssen oft lange auf ihr Geld warten. Nach einer Studie von PwC häuften sich so im Schnitt Außenstände von mehr als 100.000 Euro an. Abhilfe könnte ein digitales Antragsystem schaffen. In einem Pilotprojekt mit einem Start-up konnte die Diakonie die Bearbeitungszeit fast halbieren, erzählt Potthoff. Standard ist das Vorgehen indes nicht.

Klar ist, dass ein staatliches System Schutzmechanismen benötigt. Die Frage ist trotzdem: Wie viel Kontrolle verbessert Pflege? Und wann kontrolliert sich ein System nur noch selbst und verliert aus dem Blick, um wen es eigentlich geht: den Menschen.

Und der ist bekanntlich nicht gern allein. Trotzdem wird in all den geräumigen Zimmern, die Ufer präsentiert, künftig nur ein Senior wohnen. „Doppelzimmer sind aufgrund des Schutzes der Privatsphäre nicht mehr erlaubt“, selbst dann nicht, wenn ein Paar sich eine gemeinsame Unterbringung wünschen würde. „Das ist doch absurd.“

Ein bisschen Hoffnung auf Veränderung kann man am Ende trotzdem haben. Den Paragraf 7 Abs. 4 Satz 3 WTG DVO, der eine Nordlage bei Pflegeheimzimmern verbietet, hat das NRW-Gesundheitsministerium mittlerweile gestrichen. „Dies erfolgte zum einen zur Erleichterung der Planung von Neubauten aber auch unter Bewertung der Vorteile einer Nordlage als Hitzeschutzprävention“, schreibt der LVR auf Anfrage.

Für Michaelshoven kam der Beschluss zu spät, die Mauern waren da schon hochgezogen. Beim Richtfest kurz darauf sei Ufer dann auch gefragt worden, wo denn die Zimmer mit Nordausrichtung zu finden seien. „Man sagte mir, die wären jetzt super gewesen, angesichts der zu erwartenden heißen Sommer.“


Das Pre-Opening für die Park-Oase sowie die Pflegeschule Michaelshoven findet am 1. Dezember von 14 bis 20 Uhr, Pfarrer-Te-Reh-Straße 1, statt. Es gibt Glühwein, Reibekuchen, gebratene Champignons, weihnachtliche Musik und Informationen für potenzielle Kunden und Mitarbeitende. Anmeldung unter: s.olp@diakonie-michaelshoven.de