Am 16. April beginnen die Abiturprüfungen in Nordrhein-Westfalen. Durch die Umstellung auf G9 ist die Zahl der Prüflinge vergleichsweise überschaubar. Welche Folgen hat das?
Abiturprüfungen beginnenWas die Umstellung von G8 auf G9 in diesem Jahr bedeutet

Am 16. April beginnen die Abiturprüfungen in Nordrhein-Westfalen.
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Es ist ein ungewöhnliches Frühjahr an den Gymnasien in Nordrhein-Westfalen. In vielen Schulen hängen dieses Jahr keine „Abiturprüfungen – bitte Ruhe“-Aufforderungen an den Durchgangstüren, es betreten keine nervösen Abiturienten mit Lernzetteln und Karteikarten das Schulgelände und Lehrkräfte müssen nicht stapelweise Prüfungsbögen korrigieren. Nur 30.000 Schülerinnen und Schüler bereiten sich gerade in NRW auf die schriftlichen Abiturprüfungen vor. Letztes Jahr waren es noch 78.000 junge Menschen. Grund für den Rückgang ist die Umstellung von der achtjährigen Gymnasialzeit (G8) auf neun Jahre (G9). Der letzte G8-Jahrgang in NRW legte letztes Jahr die Prüfungen ab, der erste G9-Jahrgang macht 2027 Abitur.
Losgegangen ist es für die Prüflinge am Donnerstag, 16. April, mit den Abiklausuren in Spanisch, Portugiesisch, Neugriechisch und Griechisch. Einen Tag später sind unter anderem die Leistungskursprüfungen in Geschichte, Kunst, Musik, Sozialwissenschaften, Sport und Religion dran. Die letzte schriftliche Prüfung (Französisch) schreiben Abiturienten am 8. Mai.
Wie setzt sich der diesjährige Abiturjahrgang zusammen?
Ein Großteil legt die Prüfungen an Gesamtschulen, Weiterbildungskollegs, Berufskollegs und Waldorfschulen ab. An Gesamtschulen galt bereits in den vergangenen Jahren durchgängig G9. Nur 5.200 von 30.000 Prüflingen besuchen ein Gymnasium.
Unter den 5.200 Abiturientinnen und Abiturienten an Gymnasien sind viele Wiederholer und Schülerinnen und Schüler, die nach ihrem Realschulabschluss auf ein Gymnasium wechselten. Um den Aufwand zu minimieren, können die Schüler nur an vereinzelten Gymnasien Abiturprüfungen ablegen: den sogenannten „Bündelungsgymnasien“. Von denen gibt es in NRW 95.
Wie ist die Situation in Köln?
Auch in Köln ist die Zahl der Abiturienten dieses Jahr deutlich kleiner. 2025 legten noch 5.226 Schülerinnen und Schüler hier ihre Abiturprüfung ab, dieses Jahr sind es nur 2.000. Mehr als die Hälfte von ihnen besucht eine Gesamtschule (1.019 Schüler), gefolgt von Berufskollegs (478), den fünf Gymnasien (367), Weiterbildungskollegs (118) und der LVR-Förderschule Anna-Freud-Schule (18).

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In Köln fungieren fünf Schulen als Bündelungsgymnasien: das Georg-Büchner-Gymnasium, das Ursulinengymnasium, die Kaiserin-Augusta-Schule, die Kaiserin-Theophanu-Schule und das Ferdinand-Franz-Wallraf-Gymnasium. Von allen Kommunen haben Köln und Essen laut Schulministerium die meisten Bündelungsgymnasien.
Wieso ging NRW zurück auf G9?
Das Hin und Her zwischen G8 und G9 war viele Jahre Dauerbrennstoff in der nordrhein-westfälischen Schulpolitik. 2005 beschloss das Ministerium, die Gymnasialzeit auf acht Jahre zu verkürzen. Ein Grund war der wachsende Fachkräftemangel: Schülerinnen und Schüler sollten schneller ihre Ausbildung oder ihr Studium beginnen – und somit früher ins Berufsleben eintreten. Das „Turboabitur“ fand jedoch „nicht dauerhaft die notwendige Akzeptanz an Schulen und in der Öffentlichkeit“, heißt es auf der Webseite des Schulministeriums. Im Juni 2019 machte die schwarz-gelbe Landesregierung den Rückzieher: Der Landtag in Düsseldorf beschloss ohne eine einzige Gegenstimme die Rückkehr zu G9.
Vor welche Problemen stehen die Schulen jetzt?
Die Schüler bleiben ein Jahr länger in der Schule, allerdings war das Personal schon während G8 knapp. Mit der Umstellung auf G9 benötigt NRW 4.200 Lehrkräfte mehr als zuvor. Stefan Behlau, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) NRW, betont zwar die Vorteile von G9 – der Schritt sei gesellschaftlich gewollt und pädagogisch sinnvoll. Trotzdem: „Die Umstellung verschärft jedoch nun den Lehrkräftemangel im gesamten Schulsystem“, sagt Behlau. Stellen würden vor allem umverteilt, nicht aufgebaut. „NRW benötigt eine nachhaltige Personalpolitik für das ganze Schulsystem“, so Behlau. „Mehr Zeit für Bildung wirkt nur mit ausreichend qualifiziertem Personal.“
Welche Folgen hat die niedrige Zahl an Abiturienten für die Universitäten?
Im Herbst könnte es leichter sein, einen zulassungsbeschränkten Studienplatz zu erhalten. Das gilt auch in Köln. Durch die geringe Zahl an „Neu-Abiturienten“ werde sich das Verhältnis zwischen Bewerberzahlen und Studienplätzen aus Bewerbersicht verbessern, so ein Sprecher der Uni Köln. „In einzelnen Studiengängen, die bisher zulassungsbeschränkt waren, werden wir im Wintersemester 2026/27 keine Zulassungsbeschränkung vorsehen.“
Ob der Numerus Clausus (NC) tatsächlich lockerer wird, kommt auf den Studiengang an. Bei begehrten Studiengängen, für die zuletzt sogar 1,0-Abiturienten abgelehnt wurden (etwa Psychologie), wird die Änderung „nur marginal sein“, so der Sprecher. Dasselbe gilt für Medizin – einen Studiengang, auf den sich auch viele junge Menschen aus anderen Bundesländern bewerben. Beim Studiengang Lehramt ist der Anteil an NRW-Abiturienten dagegen deutlich höher, ein Großteil der Lehramtsstudenten schreibt sich zudem direkt nach dem Abitur ein. Heißt: Hier wird der kleine Abiturjahrgang besonders deutlich im Hörsaal spürbar. Die Uni Köln wird die Zahl der Studienplätze nicht verringern.
Welche Folgen hat die Umstellung für den Ausbildungsmarkt?
Ein Viertel der Auszubildenden in Köln hat Abitur oder Fachabitur. Das bedeutet: Die Umstellung auf G9 wirkt sich auf den gesamten Ausbildungsmarkt aus. „Das verändert Planung, Betreuung und Ausbildungswege in den Betrieben zentral“, sagt Ulrike Pütz von der Handwerkskammer Köln. „Die Bewerbungsphase verschiebt sich.“ Die Handwerkskammer rät, die Zeit für nachhaltige Rekrutierungskonzepte zu nutzen: Praktika, Berufsorientierungstage und Kooperationen mit Schulen helfen, frühzeitig Nachwuchs zu gewinnen.
Was ist mit den Freiwilligendiensten?
Hier stehen die Träger vor einer Lücke. Die meisten jungen Menschen, die einen einjährigen Freiwilligendienst leisten, beginnen diesen direkt nach dem Abitur. Die Kölner Freiwilligen-Agentur bestätigt einen Rückgang der Anfragen. Als Reaktion pausiert die Agentur dieses Jahr internationale Einsätze und setzt auf den Kölner Freiwilligendienst. Der sei „für Menschen in jeder Altersgruppe offen und bietet mehr Flexibilität in der Stundengestaltung, was einen Freiwilligendienst in Teilzeit unkompliziert ermöglicht“, heißt es von der Kölner Freiwilligen-Agentur. Dadurch spreche man eine größere Zielgruppe an.
Wie viele FSJ-Stellen tatsächlich unbesetzt bleiben, lässt sich laut NRW-Familienministerium nicht genau abschätzen. „Die Landesregierung wirbt seit Jahren bei den Trägern des FSJ dafür, verstärkt auch Schüler:innen der Sekundarstufe I in den Fokus zu nehmen und dort intensiver für die Freiwilligendienste zu werben“, so eine Sprecherin. Unabhängig vom Jahrgang gelte: Freiwillige dürfen keine Belastungsspitzen abfedern und ersetzen keinen regulären Arbeitsplatz. Im Fokus sollten ihre eigene Bildung und Persönlichkeitsentwicklung stehen.
