Auch in der Gemeinde Hellenthal starben während der NS-Diktatur viele sowjetische Kriegsgefangene. Ihrer soll nun mit einem Mahnmal gedacht werden.
GestaltungswettbewerbIn Hollerath soll ein Mahnmal an Kriegsgefangenenlager erinnern

Wie ein Mahnmal wirken zwei Baumstümpfe, an denen Reste des Stacheldrahtes sind, mit dem das Lager eingefasst war.
Copyright: Stephan Everling
Es ist eines der vielen Verbrechen der NS-Diktatur von 1933 bis 1945. Und eines, über das bis vor kurzem noch der Schatten des Vergessens hing. Dabei wird die Zahl der in deutschen Lagern umgekommenen sowjetischen Kriegsgefangenen auf mehr als drei Millionen geschätzt.
Erst seit wenigen Jahren wird der Mantel des Schweigens, der sich über diese Verbrechen gelegt hatte, von engagierten Menschen gelüftet. Einer von ihnen ist der Journalist F.A. Heinen, der in seinem Buch „Abgang durch Tod“ die wenigen Erkenntnisse über die Lager im Altkreis Schleiden aufarbeitete. Er informierte nun in der Alten Schule in Hollerath Anwohner über die Ereignisse, die sich während der letzten Kriegsjahre in der direkten Nachbarschaft des Dorfes ereignet hatten. Rund 30 Teilnehmer verfolgten die Ausführungen.
Überleben der Kriegsgefangenen in Hollerath war nicht vorgesehen
Hintergrund der Bürgerversammlung war der seit Jahren bestehende Plan, an der Stelle, an dem sich das Lager befunden hat, ein Mahnmal zu errichten. Durch die Corona-Pandemie war die Diskussion über die Gestaltung eingeschlafen. Nun wurde der Arbeitskreis, der sich um das Thema bemüht, wieder aktiviert.
Befürchtungen, dass durch die Aufarbeitung und das Mahnmal Ressentiments geweckt werden könnten, teilt Heinen nicht: „Sie haben nichts damit zu tun. Das ganze Dorf hat nichts mit diesem Lager zu tun.“ Es sei ein fast hermetisch abgeschirmter Fremdkörper gewesen, den die Wehrmacht am Rand zum Daubenscheider Wald gebaut habe.

Die Erkenntnisse über das Lager stellte F.A. Heinen vor.
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„Es war den Einwohnern streng verboten, irgendwie in Kontakt mit den Gefangenen zu treten oder ihnen Hilfe, etwa in Form von Nahrung, zukommen zu lassen“, erläuterte Heinen. Doch es habe Hollerather gegeben, die am Weg der Kolonne zur Arbeit im Staatsforst scheinbar versehentlich Kartoffeln oder andere Nahrungsmittel an den Straßenrand rollen ließen: „Das rettete die Todgeweihten am Ende nicht, aber als Geste war es dennoch wichtig.“
Denn das Überleben der sowjetischen Kriegsgefangenen sei vom Regime nicht vorgesehen gewesen. In Lagern hinter der Front seien sie eingepfercht und sich weitestgehend selbst überlassen worden: „Bis September 1941 war von den insgesamt 3,2 Millionen sowjetischen Gefangenen knapp die Hälfte innerhalb weniger Monate verhungert.“
Massensterben in den Lagern Hellenthal und Hollerath
Ausgemergelt und unterernährt kamen die Kriegsgefangenen bereits an, als sie ab September 1941 zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht wurden.
Ein Massensterben habe es auch in den Lagern Hellenthal und Hollerath gegeben, die zu der Zeit eingerichtet wurden, erklärte Heinen. Zeitzeugen hatten ihm vom Elendszug berichtet, der über die Serpentinen hoch nach Hollerath gegangen sei. Etliche der Gefangenen seien vor Entkräftung zusammengebrochen. Wenn sie trotz der Prügel der Wachen nicht mehr auf die Beine gekommen seien, schleppten ihre Kameraden sie den Berg hoch.

Historische Fotos zeigen die Baracken, die auch das Kriegsgefangenenlager bei Hollerath bildeten. Heute ist davon nichts mehr zu sehen.
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Mittels Bodenradar wurden die Fundamente der Bauten identifiziert.
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Wie viele Gefangene in dem Lager in Hollerath, dass die Kennnummer 457 trug, lebten, sei nicht bekannt. Zeitzeugen schätzten die Zahl auf zwischen 100 und 200. Bekannt sei hingegen die Zahl der Toten. 70 Todesfälle seien registriert. „Die Sterblichkeitsrate im Lager Hollerath übertraf in den ersten Monaten sogar die im Konzentrationslager Buchenwald“, so Heinen. Noch höher sei die Mortalitätsrate in den Lagern im Kreis in Hellenthal gewesen.
231 Opfer wurden auf dem „Kreisrussenfriedhof“ beerdigt
Im Hollerather Lager seien Misshandlungen an der Tagesordnung gewesen. Wenn die Gefangenen von der Arbeit im Forst gekommen seien, brachten sie auf einer Bahre aus Holzstangen tote Kameraden ins Lager. Die Leichen wurden zu einem Massengrab gebracht, etwa 100 Meter weiter im Wald. Nach dem Krieg seien dort 61 Gebeine geborgen worden.
Bis 1949 änderte sich an dem Zustand des Friedhofes nichts, bis eine Kommission des Innenministers, der Bezirksregierung und einer sowjetischen Delegation den Friedhof besichtigte. In der Folge wurde 1950 an dieser Stelle in Hollerath ein „Kreisrussenfriedhof“ angelegt, wo insgesamt 231 Opfer bestattet wurden. Eine Tafel in kyrillischer Schrift wies darauf hin. 1961 wurden alle sowjetischen Opfer aus dem damaligen Regierungsbezirk Aachen auf den Ehrenfriedhof bei Rurberg umgebettet.
Sowjetische Kriegsgefangene waren eine der größten Opfegruppen
Der frühere Kreisfriedhof wurde eingeebnet, die Schrifttafel ist seitdem verschollen. „Sowjetische Kriegsgefangene sind gemeinsam mit den Holocaust-Opfern die größte Opfergruppe des Nationalsozialismus“, so Heinen. Doch nichts erinnere im heutigen Kreisgebiet an dieses NS-Verbrechen.
Das Mahnmal, das nun am Eingang zur Fläche des einstigen Lagers errichtet werde, solle das ändern, sagte Bürgermeister Martin Berners. Die Fläche werde von der Aremberger Forstverwaltung zur Verfügung gestellt und sei praktisch die, auf der bereits heute eine Informationstafel des LVR stehe, die im Zusammenhang mit dem Westwallwanderweg aufgestellt wurde. Die diene der Information, der aktuelle Ansatz sei ein anderer. „Wir wollen nicht Geschichte erklären, sondern ein Mahnmal, wo man sich vor den Opfern verneigt“, so Heinen.
Für den 22. Juli ist die nächste Sitzung des Arbeitskreises vorgesehen, in der es um die Gestaltung des Mahnmals gehen soll. Angedacht ist dazu, einen Künstlerwettbewerb auszurufen. Zur Finanzierung sollen Fördermittel und/oder Spenden akquiriert werden. Darüber hinaus ist eine Tafel angedacht, die auch über die anderen Lager in der Gemeinde informieren soll.
