Seit Jahren warnen Atomkraftgegner vor den Risiken eines Castor-Transports quer durch NRW. Wie läuft der Einsatz ab? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Umstrittener Einsatz2400 Polizisten schützen den Castor – Atommüll-Transport gestartet

Gelbe Fahnen mit der Aufschrift „Stopp Castor“ wehen in Ahaus als Protest gegen die Castor-Transporte.
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Die Castor-Transporte haben begonnen. Mit wie vielen Kräften ist die Polizei im Einsatz?
Zunächst werden zur Begleitung und zur Sicherung des Atommülls 2400 Polizisten eingesetzt. „Das ist kein Kindergeburtstag und kein Routineeinsatz, sondern eine hochkomplexe Lage, bei der wir die ganze polizeiliche Klaviatur spielen“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). Ein Hubschrauber begleitet den Transport, dazu kommen spezialisierte Kräfte für Verkehr, Strahlenschutz und Absicherung. Speziell ausgebildete Beamte haben trainiert, wie man Blockaden von Demonstranten auflöst.
Wie läuft der Transport konkret ab?
Der Speziallastwagen, auf dem der Castor befestigt ist, kann im Idealfall Tempo 80 fahren. Es gibt aber auch Engstellen, an denen das Tempo auf fünf Stundenkilometer reduziert werden muss. Die Polizei hat ausgerechnet, dass die 170-Kilometer-Distanz von Jülich nach Ahaus innerhalb von 4,5 Stunden zurückgelegt werden kann – wenn es nicht zu Zwischenfällen kommt.

Einsatzkräfte der Polizei sichern die Ausfahrt des Betriebsgeländes in Jülich, auf dem die Castor-Behälter für den Transport bereitstehen.
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Wie wird der Atommüll beim Transport gesichert?
Zunächst soll nur ein Castor pro Transport auf die Reise gehen – theoretisch wäre es aber auch möglich, bis zu drei Schwerlaster mit jeweils einem Castor im Konvoi fahren zu lassen. In jedem Castorbehälter befinden sich zwei Kannen, die mit maximal 960 hochradioaktiven, tennisballgroßen Brennelementekugeln gefüllt sind.
Insgesamt wird der Castor von rund 100 Fahrzeugen begleitet – die Eskorte hat eine Gesamtlänge von vier Kilometern.
Besteht die Gefahr, dass Polizisten bei dem Einsatz verstrahlt werden?
Das Polizeipräsidium in Münster hat ein Konzept erstellt, das die Strahlenbelastung minimieren soll. Die Strahlenbelastung wird permanent von Spezialisten im Tross mit Dosimetern überwacht. Den Berechnungen zufolge müsste sich ein Beamter 6000 Stunden in unmittelbarer Nähe zum Behälter aufhalten, um einer relevanten Belastung ausgesetzt zu sein. „Jede und jeder weiß genau, wo man stehen darf und wie lange. Nach allen Erkenntnissen, die wir haben, ist ein gesundheitliches Risiko für die Menschen, die diesen Einsatz fahren, praktisch ausgeschlossen“, sagt Innenminister Reul.
Wann rollt jetzt der nächste Transport?
Das ist noch unklar. Zunächst sollen die Erfahrungen des nächtlichen Einsatzes ausgewertet werden. Klar ist, dass auch die künftigen Transporte in der Nacht stattfinden werden, um den Berufsverkehr möglichst wenig zu stören. Wenn der Konvoi unterwegs ist, müssen zum Teil aus Sicherheitsgründen auch die Gegenfahrbahnen gesperrt werden. Die Möglichkeiten, bei Blockaden auf Alternativrouten auszuweichen, halten sich in engen Grenzen.

Auf einem Schild steht „Einhörner existieren und der Castor ist sicher.“
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Woher stammt der Atommüll?
In Jülich wird Atommüll aus dem AVR-Hochtemperaturreaktor des Forschungszentrums gelagert, der 1988 nach etlichen Störfällen außer Betrieb genommen wurde.
Die Genehmigung des Zwischenlagers in Ahaus läuft 2036 ab. Hätte der Atommüll nicht in Jülich bleiben können?
Jedenfalls nicht im bestehenden Lager. Die Genehmigung für die Anlage in Jülich ist bereits 2013 abgelaufen. Damals wurde festgestellt, dass die Halle nicht erdbebensicher ist. 2014 hatte die Atomaufsicht in NRW, die beim nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium liegt, die sofortige Räumung des Lagers angeordnet. Daher wurde als Alternative ein Neubau in Erwägung gezogen.
Wäre ein Ersatzneubau möglich gewesen?
Theoretisch ja. 2022 hatte das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung bescheinigt, dass ein Neubau in Jülich erdbebensicher sein könnte. Die Errichtung eines modernen Atomlagers hätte allerdings mindestens zehn Jahre gedauert. Dabei wären rund 2,2 Hektar Wald gerodet worden. Auf dem Areal leben seltene Frösche und Kröten – und die vom Aussterben bedrohte Haselmaus.

Im Atommüll-Zwischenlager in Ahaus, betrieben durch die BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH, lagert radioaktiver Abfall. Aufgenommen mit einer Drohne. (Archivbild)
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Was war ausschlaggebend dafür, dass die Neubau-Option verworfen wurde?
Das Land NRW wollte die erheblichen Zusatzkosten für einen Neubau nicht schultern. Daher entschied der Haushaltsausschuss im Bundestag im November 2022, dass die „Transportoption“ verfolgt werden solle. Der Kostenvergleich sah so aus: Die Verlagerung nach Ahaus kostet 150 Millionen Euro, darin sind 50 Millionen Euro für dortige Aufbewahrung bis zu einem Weitertransport enthalten. Ein Neubau hätte 650 Millionen Euro gekostet. Ein Ersatzneubau in Jülich wurde nie beantragt.
Wer trägt die politische Verantwortung?
In Bund und Land waren Regierungen in den unterschiedlichsten Konstellationen mit dem Transportproblem befasst. Tim Achtermeyer, Chef der Grünen in NRW, verweist auf den Bund: Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) setze mit den Transporten einen „Verschiebebahnhof“ in Gang, dessen Ende nicht absehbar sei: „Ohne übergreifendes Zwischenlagerkonzept könnten bald weitere Atomtransporte anstehen. Davor haben wir immer gewarnt. Castor-Transporte bleiben gefährlich, jeder Transport ist ein Risiko.“
Alexander Vogt, Energieexperte der SPD im Landtag, sieht die Schuld bei CDU und Grünen: „Diese Castor-Transporte wären vermeidbar gewesen. Leider schien das für die Landesregierung zweitrangig zu sein. Insbesondere die Grünen haben Handlungsspielräume nicht genutzt, um eine andere Lösung zu fördern.“ Das müsse Vize-Ministerpräsidentin Mona Neubaur „ihren Mitgliedern erklären“.
Wann fand der letzte große Protest gegen Castor-Transporte in Deutschland statt?
2020 demonstrierten 50 000 Menschen gegen die Einlagerung von Atommüll im Zwischenlager Gorleben (Wendland). Seit 2011 wurden dort keine weiteren Castoren mehr eingelagert. Seit 1977 war es zu zum Teil heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Atomkraftgegnern gekommen. Demonstranten hatten sich an den Schienen der Bahnstrecke von Lüneburg nach Gorleben festgekettet.

