Nach dem Aus für die Olympia-Bewerbung fordern die NRW-Sportverbände, dass die angekündigten Millionen trotzdem in marode Sportstätten, Schwimmbäder und den Breitensport fließen.
Frust nach Olympia-Aus von NRWDer Traum vom Investitionsschub ist geplatzt

Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident des Landes NRW, spricht in Köln über die Olympia-Bewerbung von NRW.
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Rund 5,6 Millionen Mitgliedschaften verzeichnen die Sportvereine in NRW – rechnerisch entspricht das fast einem Drittel der Bevölkerung. Viele Aktive, Trainer und Sportfunktionäre in den mehr als 17.000 Sportvereinen fieberten mit, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Samstag im Kurhaus von Baden-Baden das Ergebnis über die deutsche Olympia-Bewerbung bekannt gab: München setzte sich mit 91 zu 50 Stimmen gegen Köln-Rhein-Ruhr durch. Manchem Sportfunktionär fiel es nicht leicht, in den vielstimmigen Chor der Gratulanten an die bayerischen Sieger einzustimmen. Denn für die Sportverbände in NRW platzte nicht nur der Traum von Olympia, sondern auch die Hoffnung auf einen großen zusätzlichen Investitionsschub für marode Sportstätten, neue Wettkampfanlagen und Schwimmbäder.
Helmut Schäfer ist der Vorsitzende des Kölner Stadtsportbunds, in dem rund 660 Vereine organisiert sind. „Wir haben in der Bewerbung eine große Chance für den Sport in unserer Stadt gesehen. Diese Chance ist zunächst weg“, sagte Schäfer dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Nun gelte es, den „Fahrtwind“ mitzunehmen, den die Kampagne in den vergangenen Monaten für den Sport erzeugt habe. „Selbstverständlich bedeutet es, dass die zentralen Forderungen zu mehr Investitionen in die Sportinfrastruktur und zur Stärkung des Ehrenamtes aktueller denn je sind.“
„Erheblicher Sanierungsbedarf“
Der Leichtathletik-Verband Nordrhein (LVN) verbindet mit dem Olympia-Aus die Sorge, dass wichtige Investitionen ausbleiben könnten. „Mit einer möglichen Bewerbung waren nicht nur Hoffnungen auf ein großes internationales Sportereignis in NRW verbunden, sondern auch auf nachhaltige Investitionen in die dringend benötigte Sportinfrastruktur“, sagt LVN-Geschäftsführer Markus Phäler. Der Investitionskurs müsse deshalb unabhängig von Olympia fortgesetzt werden. In zahlreichen Sportstätten im Verbandsgebiet bestehe „ein erheblicher Sanierungs- und Modernisierungsbedarf“.
Der Schwimmverband NRW richtet den Blick besonders auf fehlende Wettkampf- und Trainingsstätten. „Das bevölkerungsreichste Bundesland verfügt bislang über kein Schwimmzentrum, das den Anforderungen nationaler Meisterschaften und internationaler Großveranstaltungen im Schwimmen umfassend genügt“, sagte Verbandschef Frank Rabe unserer Zeitung. Die Entscheidung für München dürfe deshalb „kein Schlusspunkt für die Sportstättenentwicklung in Nordrhein-Westfalen“ sein. Neben solchen Anlagen brauche es Investitionen in die Bäderlandschaft. Gerade kommunale Schwimmbäder seien für Schulschwimmen, Schwimmausbildung, Vereinssport und gesellschaftliche Teilhabe unverzichtbar.
Der Präsident des Fußball-Verbandes Mittelrhein (FVM), Christos Katzidis, hält weitere Ausgaben für den Breitensport ebenfalls für unabdingbar. Katzidis ist zugleich CDU-Landtagsabgeordneter. „Aus unserer Sicht wären weitere Investitionen in die Sportinfrastruktur ein wichtiges Signal für die Zukunftsfähigkeit unserer Vereine und ihrer vielfältigen gesellschaftlichen Leistungen, erklärte der FVM-Chef aus Bonn.
Die Landesregierung will den Olympia-Rückenwind nach dem verlorenen Votum nutzen. Sportstaatssekretärin Andrea Milz (CDU) betonte auf Anfrage, die Bewerbung habe das Sportland NRW bereits gestärkt und einen „großen Schub für den Breitensport“ ausgelöst. „Diesen Rückenwind nehmen wir mit und investieren weiter in das Sportland Nummer 1“, sagt Milz. Die Sportmilliarde sei das größte Investitionsprogramm für den Sport in der Geschichte des Landes. Rund eine Milliarde Euro flössen in die Modernisierung, Sanierung und den Neubau kommunaler und vereinseigener Sportstätten sowie von Schwimmbädern. „Darauf können sich unsere Vereine und die Menschen im Land verlassen“, so die Staatssekretärin für Sport aus Königswinter.
SPD sieht weiteren Bedarf
Der sportpolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, Marc Zimmermann, betonte ebenfalls, der eingeschlagene Kurs werde „konsequent“ fortgesetzt. CDU-Sportexperte Jens Nettekoven verwies zudem auf die jährlich 47 Millionen Euro für den Landessportbund sowie Programme für Trainer, Übungsleiter und Sportschulen.
Die SPD sieht dagegen weiteren Finanzbedarf. Lisa Kapteinat, Vize-Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, verwies auf das Förderprogramm „Sportplatz Kommune 2.0“. Das Land stelle dafür bislang 1,5 Millionen Euro bereit. Dem stünden 257 förderfähige Bewerbungen mit einem Gesamtvolumen von mehr als fünf Millionen Euro gegenüber. „Die Überzeichnung des Programms zeigt, wie groß der Bedarf vor Ort ist“, sagte Kapteinat. Das Programm müsse deshalb deutlich aufgestockt werden.
Bei der sogenannten Sportmilliarde fällt die Bilanz je nach Perspektive unterschiedlich aus. Von den angekündigten 975 Millionen Euro für die Sportinfrastruktur stammen 600 Millionen Euro aus dem Bundes-Sondervermögen. Weitere 375 Millionen Euro sind reguläre Mittel der kommunalen Sportpauschale, die über das Gemeindefinanzierungsgesetz ohnehin für den Sport vorgesehen sind. Nach dieser Rechnung bleiben 20 Millionen Euro zusätzliche Landesmittel. FDP-Chef Henning Höne erklärte: „Spätestens nach der Entscheidung für München muss die Richtung lauten: Weniger Fototermine mit Hendrik Wüst, mehr Fußballplätze, Sporthallen und Schwimmbäder für die Menschen in Nordrhein-Westfalen.“
An der Olympia-Bewerbung waren neben Köln 14 weitere NRW-Kommunen beteiligt. Vielerorts ist der Katzenjammer über das Scheitern groß. Ein weiterer Anlauf wäre wohl erst frühestens in zehn Jahren sinnvoll. In Baden-Baden scheiterte bereits der dritte große Olympia-Anlauf der Region. Bereits 2003 war „Düsseldorf Rhein-Ruhr“ im deutschen Auswahlverfahren gegen Leipzig ausgeschieden. 2021 floppte „Rhein Ruhr City“, als das IOC sich auf Brisbane als Favoriten festlegte. Was lief diesmal schief? SPD-Landeschefin Sarah Philipp sieht Fehler bei der Vorbereitung der Bewerbung. Köln sei erst spät als Leading City festgelegt worden. Zudem habe Ministerpräsident Hendrik Wüst erst auf den letzten Metern aus der Bewerbung an Rhein und Ruhr gemeinsam mit Mecklenburg-Vorpommern eine gesamtdeutsche Bewerbung gemacht. „Gerade das hätte ein starkes Argument sein können, wenn man es viel früher in den Mittelpunkt gestellt hätte.“


