Kölner Stadt-Anzeiger · Community

Kommentare · 0

Abo

NiedrigwasserReul warnt vor tödlichen Kriegsrelikten im Rhein

4 min

Im Rhein bei Deutz wurde Anfang August eine amerikanische Fünf-Zentner-Bombe gefunden. 

Auch mehr als 80 Jahre nach Kriegsende können Bomben und andere Kampfmittel „zu einer tödlichen Gefahr werden“, sagt der Innenminister.

Der Rhein hat in Köln einen historischen Tiefstand erreicht. Der Pegel sank zuletzt auf rund 40 Zentimeter – so niedrig wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Mit dem Wasser verschwinden die gewohnten Grenzen des Flusses: Sandbänke, Geröll und trockengefallene Flächen werden sichtbar. Und mit ihnen kommen Relikte des Zweiten Weltkriegs ans Licht. Bomben, Granaten und andere Kampfmittel tauchen auf, Spaziergänger und Angler stoßen auf die gefährlichen Hinterlassenschaften.

NRW-Innenminister Herbert Reul rät Spaziergängern am Rhein zur Vorsicht. „Der Zweite Weltkrieg hat im Rheinland tiefe Spuren hinterlassen. Noch heute liegen in unseren Böden und Gewässern unzählige Kampfmittel verborgen. Auch mehr als 80 Jahre nach Kriegsende können sie zu einer tödlichen Gefahr werden“, sagte der CDU-Politiker unserer Redaktion.  Wo der Pegel sinke, kämen Bomben und andere Kampfmittel zum Vorschein, die jahrzehntelang verborgen gewesen seien. Wenn deshalb Straßen gesperrt, Verkehrswege umgeleitet oder Gebäude evakuiert werden müssten, dann möge das für die Betroffenen lästig sein. „Es ist aber notwendig und richtig, denn Sicherheit geht vor“, erklärte der Politiker aus Leichlingen.

In Köln-Rodenkirchen wurde am Montag ein besonders großer Fund gemacht. Ein Passant entdeckte im freigelegten Rheinbett eine amerikanische Zehn-Zentner-Bombe. Sie hatte einen Front- und einen Heckaufschlagzünder. Rund 3000 Menschen mussten am Dienstag ihre Wohnungen und Arbeitsplätze verlassen, der Gefahrenbereich wurde in einem Radius von 500 Metern geräumt. Die Bombe wurde schließlich kontrolliert im Weißer Bogen gesprengt.

Immer wieder Bombenfunde im Rhein

Der Fund ist kein Einzelfall. In diesem Sommer mussten die Kampfmittelbeseitiger entlang des Rheins immer wieder ausrücken. In Bonn registrierte die Stadt innerhalb von sechs Wochen 74 Einsätze im Zusammenhang mit Kampfmittelfunden. Entdeckt wurden unter anderem Bomben, Brandkampfmittel, eine Panzerfaust und weitere Munition.

Werner Pfeil, Sprecher für Feuerwehr und Katastrophenschutz der FDP-Landtagsfraktion, sieht im extremen Niedrigwasser deshalb trotz der gravierenden Folgen für die Schifffahrt eine Möglichkeit, gezielt nach solchen Altlasten zu suchen. „Das Niedrigwasser ist eine Katastrophe für die Schifffahrt und die gesamte Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen – aber immerhin bietet es die Chance, gefährliche Kriegsaltlasten nach mehr als 80 Jahren endlich zu beseitigen.“ Dieses Zeitfenster müsse für eine gezielte Suche und sichere Räumung genutzt werden. „Die Entdeckung von Bomben und Granaten darf nicht dem Zufall und Spaziergängern überlassen bleiben.“

Gordan Dudas, Landtagsabgeordneter der SPD, mahnt ebenfalls zur Vorsicht. Gerade bei freigelegten Bomben und anderen verdächtigen Gegenständen gelte: „Sie dürfen keinesfalls berührt oder bewegt werden.“ Passanten müssten Abstand halten und Funde den zuständigen Behörden melden.

Gefährliche Hinterlassenschaften

Die Bezirksregierung Düsseldorf verweist darauf, dass über Zugangssperren die örtlichen Ordnungsbehörden entscheiden. Grundsätzlich könne von Kampfmitteln jeder Art bei unsachgemäßer Handhabung Lebensgefahr ausgehen, erklärt eine Sprecherin. Die Entschärfung am Rhein unterscheide sich grundsätzlich nicht von einem Einsatz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes bei einem Fund auf einer Baustelle. Allerdings müssten Kampfmittel im Rhein in manchen Fällen zunächst aus dem Wasser geborgen werden.

Wie gefährlich die Hinterlassenschaften noch immer sein können, zeigen die Einsätze der vergangenen Wochen. Am 6. August wurde im Rhein bei Köln-Deutz eine amerikanische Fünf-Zentner-Bombe entdeckt und noch am selben Tag entschärft. In Leverkusen fanden Experten Mitte August innerhalb weniger Tage drei Kampfmittel, darunter Granaten und Minen. Bei Bornheim-Hersel entdeckte ein Angler Ende September eine 250 Kilogramm schwere Bombe. Sie wurde geborgen und kontrolliert gesprengt.

Dabei handelt es sich keineswegs ausschließlich um Bomben. Im freigelegten Rheinbett können Brandmunition, Granaten, Minen und andere militärische Hinterlassenschaften auftauchen. Alter und Rost machen die Gegenstände nicht automatisch ungefährlich. Für Laien ist nicht zu erkennen, ob ein Fund harmlos oder noch funktionsfähig ist.

Wie viele Bomben, Granaten und andere Kampfmittel noch im Rhein liegen, lässt sich nicht seriös beziffern. Die Relikte stammen aus unterschiedlichen Zusammenhängen. Manche Waffen gelangten während des Krieges ins Wasser, andere wurden beim Rückzug 1945 zurückgelassen oder später in Gewässern entsorgt.

Spaziergänger sollen nichts anfassen

Für Spaziergänger und Angler gilt deshalb eine einfache Regel: Was im freigelegten Rheinbett wie ein altes Stück Metall aussieht, sollte nicht angefasst oder bewegt werden. Die Bonner Behörden raten ausdrücklich davon ab, trockengefallene und unbefestigte Bereiche des Flussbetts zu betreten. Verdächtige Gegenstände sollten aus sicherer Entfernung gemeldet werden.

Dass extremes Niedrigwasser solche Funde begünstigt, ist nicht neu. Besonders eindrücklich zeigte sich das 2011 in Koblenz: Dort wurde eine rund 1,8 Tonnen schwere Luftmine entdeckt. Für ihre Entschärfung musste ein großer Teil der Stadt evakuiert werden.