Wüst verleiht NRW-OrdenPiloten-Witwe geehrt – Seine Kollegen nannten ihn „Sonde“

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Inmitten von Blumen steht eine steinerne Gedenkstele mit der Aufschrift "In Erinnerung an die Opfer des Flugzeugunglücks vom 24. März 2015" in den vier Sprachen Englisch, Deutsch, Spanisch und Französisch in La Vernet, Frankreich, nahe der Unglücksstelle des abgestürzten Germanwings-Fluges 4U9525 vor dem Bergpanorama.

Am 24. März 2015 versuchte Annika Sondenheimers Mann Patrick, den Absturz der Germanwings-Maschine noch zu verhindern - ohne Erfolg. Die schmerzhaften Erfahrungen nach dem Unglück veranlassten sie dazu, Trauerbegleiterin zu werden und eine Stiftung zu gründen. An der Unglücksstelle in La Vernet steht eine steinerne Gedenkstele.

Unter den Geehrten ist Anne Katharina Sondenheimer aus Düsseldorf, die Witwe des ausgesperrten Flugkapitäns, dessen Co-Pilot 2015 eine Germanwings-Maschine mit 150 Menschen in den französischen Alpen absichtlich abstürzen ließ. 

Wie findet man Worte, wenn das Gegenüber keine mehr hat? Wie kann man bei unendlicher Trauer helfen? Wie das Unvorstellbare erträglich machen? Annika Sondenheimer hatte Hilfe, als sie vor fast genau neun Jahren in dieser Situation war. Damals starb ihr Mann, Flugkapitän Patrick Sondenheimer – als er versuchte, den durch seinen Co-Piloten erzwungenen Absturz von Germanwings-Flug 9525 zu verhindern.

Für Annika Sondenheimer wurde ihr Schicksal zur Berufung. Sie ließ sich zur Trauerbegleiterin ausbilden und gründete eine Stiftung, die unter anderem trauernden Kindern und Jugendlichen professionelle Unterstützung ermöglichen soll. Dafür wird die Witwe von Germanwings-Pilot Patrick Sondenheimer nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ am 21. Februar von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) mit dem Verdienstorden des Landes NRW ausgezeichnet.

„Ich fühle mich geehrt und werde den Orden voller Demut annehmen“, sagt Annika Sondenheimer – auch wenn andere Ehrenamtliche ihn vielleicht viel mehr verdient hätten, so die Düsseldorferin: Weil die ja noch mehr Zeit für ihr jeweiliges Engagement aufbringen könnten. Annika Sondenheimer ist bescheiden, aber sieht auch eine Chance in dem Orden und der damit verbundenen Aufmerksamkeit: Denn die Stiftung braucht Spenden. „Durch die Corona-Zeit ist das alles ein bisschen eingeschlafen“, sagt sie. Kennt man Annika Sondenheimers Geschichte, erahnt man, wie wichtig ihr Engagement ist.

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Ungewisse Stunden und eine Ahnung

Der 24. März 2015: Annika Sondenheimer arbeitet als Referentin in der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag, gerade läuft – wie jeden Dienstag – die Fraktionssitzung. Hannelore Kraft, damals Ministerpräsidentin, unterbricht das Treffen. Sie sei gerade informiert worden, dass eine Germanwings-Maschine auf dem Weg nach Düsseldorf vermisst werde, so Kraft. Annika Sondenheimer sagt, sie habe gleich gedacht, dass könnte das Flugzeug ihres Mannes sein. Er war zuvor in Barcelona gestartet. Ein Kollege beruhigt sie. Ungewisse Stunden vergehen.

Später am Tag ist klar: Es war tatsächlich die Maschine von Patrick Sondenheimer, die in den französischen Alpen zerschellt ist. Alle 150 Menschen an Bord sind tot. Aber warum? In die unendliche Trauer und den Schock mischen sich schmerzhafte Fragen. Erst Tage später wird durch einen Bericht der „New York Times“ öffentlich, dass die Ermittler sicher sind: Der Co-Pilot hatte Sondenheimer aus dem Cockpit ausgesperrt und dann die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht. Als man die Ereignisse an Bord minutiös rekonstruiert, wird klar, wie Patrick Sondenheimer Passagiere und Besatzung noch retten wollte: Er hatte versucht, die Cockpit-Tür mit Gewalt zu öffnen. Tonbandaufnahmen legen nahe, dass er es sogar eine Axt zur Hilfe nahm. Vergebens.

Trauerbegleitung sei lebensnotwendig gewesen

Patrick Sondenheimer hinterlässt neben seiner Frau die beiden gemeinsamen Kinder: Die Tochter ist zum Zeitpunkt der Tragödie fünf, der Sohn drei Jahre alt. Die ganze Familie wird von Trauerbegleitern betreut. Das sei „lebensnotwendig“ gewesen, sagt Annika Sondenheimer heute. Aus eben dieser Erfahrung heraus lässt sie sich selbst zur Trauerbegleiterin ausbilden und gründet 2017 mit Spendengeldern den „Patrick Sondenheimer Stiftungsfond“.

„Es waren die wunderbaren Erfahrungen aus der Familientrauerbegleitung, die in mir den Wunsch weckten, etwas Positives zurückzugeben und andere Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer- und Lebenskrise zu unterstützen“, sagt Annika Sondenheimer. Sie weiß: „Schon eine Veränderung der gewohnten Lebensumstände durch Trennung der Eltern oder Krankheit von Familienangehörigen kann Verlust bedeuten – weil dann nichts mehr so ist, wie es war.“

Als Trauerbegleiterin sei ihr bewusst: Es hilft so sehr zu reden. „Man muss nicht gleich zur Therapie“, so Sondenheimer. Vielmehr helfe es, Dinge auszusprechen – was gegenüber einer Person außerhalb des Kreises der Trauernden oft einfacher sei. Die Stiftung vermittelt geschultes Personal, Annika Sondenheimer arbeitet aber auch selbst in der Trauerbegleitung mit. „Das ist ein immer wichtiger werdendes Feld für mich“ – wobei sie ihr Ehrenamt mit ihrem Job im Justizministerium und den beiden Kindern unter einen Hut bringen muss.

Kraft, nicht aufzugeben und anderen zu helfen

Mit dem Stiftungsfonds im Namen ihres Mannes habe sie etwas geschaffen, „das die Erinnerung bewahrt und uns zusammenhält. Ich kann meine Erfahrungen weitergeben und dadurch gezielt helfen“, sagt Annika Sondenheimer. Diese Kraft, nicht aufzugeben und stattdessen sogar aus dem eigenen Schicksal heraus anderen zu helfen – sie wird wohl auch Thema in der Würdigung durch Hendrik Wüst sein.

Der Landesverdienstorden war 1986 aus Anlass des 40. Geburtstags des Landes Nordrhein-Westfalen vom damaligen Ministerpräsidenten – und späteren Bundespräsidenten – Johannes Rau (SPD) ins Leben gerufen worden. Seitdem wurde er engagierten Persönlichkeiten verliehen, darunter finden sich auch prominente Namen – wie Modedesigner Guido Maria Kretschmer oder Astronaut Alexander Gerst. Die Namen der neuen Ordensträger, die gemeinsam mit Annika Sondenheimer geehrt werden, sollen bald bekannt gemacht werden.

Für Annika Sondenheimer wird die Ordensverleihung ein sehr emotionaler Moment werden: „Denn natürlich empfange ich die Auszeichnung auch im Gedenken an meinem Mann.“ Seine Freunde und Kollegen nannten ihn „Sonde“. „Er liebte die Fliegerei über alles“, sagt seine Frau. Die Stiftung führt das in einem berührenden Satz zu ihren Zielen fort: „Wo Zuversicht ist, da wachsen Flügel.“

Der Stiftungsfond Patrick Sondenheimer wurde unter dem Dach der Düsseldorfer Bürgerstiftung Gerricus gegründet. Das Spendenkonto: Stadtsparkasse Düsseldorf, IBAN DE 96 3005 0110 1005 2257 82. Kontoninhaber: Bürgerstiftung Gerricus. Verwendungszweck: Patrick Sondenheimer Stiftungsfonds.

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