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Kommentar

Schulschließung
Mehr Geringschätzung für die Leistung erwerbstätiger Mütter kann man nicht zeigen

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3 min
ARCHIV - 12.03.2020, Nordrhein-Westfalen, Gelsenkirchen: Stühle stehen in einem Klassenzimmer in einer Grundschule auf den Tischen.

Glatteis ist angekündigt, die Schulen bleiben geschlossen. Und was ist der Plan, wenn die Mutter heute eingeteilt ist, um im OP eine Gallenblase zu entfernen?

Einmaleins und Vegetationsschichten mit den Kindern zu üben und gleichzeitig im Job als Ärztin oder Supermarktkassiererin präsent zu sein, funktioniert nicht. Warum die Schulschließung wegen Glatteis Ungerechtigkeit und Altersarmut für Frauen zementiert.

Der Wecker klingelt eine Stunde früher als sonst. Büroarbeit und Artikelschreiben ab sechs Uhr, damit die wichtigsten Baustellen behoben sind, wenn die Kinder aufwachen. Denn dann sind nach einer Frühstücksrunde erstmal halbschriftliches Addieren und Rechtschreibregeln angesagt. Wann wird a zu ä? Wann au zu äu? Gras - Gräser, Baum - Bäume. Welche Hilfsmittel verraten, dass man Pferd schreibt, obwohl man Pfert hört?

Kurzes Draußenintermezzo, um noch ein paar klare Erwerbsarbeitsgedanken fassen zu können, was besondere Irritation im Mutterhirn hinterlässt, weil ja Schulen wegen Glätte geschlossen, die Kinder hätten beim Laufen zur Schule hinfallen können, während der Nachwuchs nun mit Ball und Fußballhütchen in den Park aufbricht, um das Dribbling zu üben.

Frauen werden von der Politik als Mütter wahrgenommen

Schule und Kinderbetreuung sind eine Decke, an der immer wieder in die eine und andere Richtung gezogen wird, was bleibt ist die Feststellung, dass sie einfach zu kurz ist. Irgendwo frieren Eltern immer. Und meist liegen da die Mütter mit nackten Füßen.

Denn so ehrenwert der Gedanke ist, Kinder vor den Gefahren eines Wintertages zu schützen, so kurz gedacht ist er andererseits in einem System, das Frauen mit Kindern eben unausgesprochen immer noch ausschließlich als Mütter wahrnimmt und nicht ebenso als Chefärztinnen, Supermarktkassiererinnen, Handwerkerinnen oder Altenpflegerinnen.

Nicht einmal eine verlässliche Betreuung wurde selbstverständlich angeboten

Welchen Plan genau hat dieses System für eine Mutter, die heute mit dem Sechsjährigen zu Hause das Einmaleins übt, gleichzeitig aber im OP zur Entfernung einer Gallenblase erwartet wird? Welchen für die Filialleiterin eines Einzelhandelsgeschäfts, deren Chefs vielleicht nicht einmal wissen, dass sie Kinder geboren hat, weil das ihre Einstellungsaussichten drastisch gesenkt hätte?

Keinen einzigen. Nicht einmal eine verlässliche Betreuung für berufstätige Eltern wurde vom Schulministerium mitgedacht. Angeboten wird lediglich eine Auffangstation für Kinder, die unwissend in der Schule aufkreuzen. Als wäre Berufstätigkeit von beiden Eltern eine absolute Ausnahmesituation, von der man natürlich nicht ausgehen kann. Mehr Geringschätzung und Ignoranz für die Leistung von erwerbstätigen Müttern und Vätern – besonders für diejenigen, die das alleinerziehend jeden Tag aufs Neue austarieren müssen – kann man nicht zeigen.

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen

Claudia Lehnen, geboren 1978, ist Chefreporterin Story/NRW. Nach der Geburt ihres ersten Kindes begann sie 2005 als Feste Freie beim Kölner Stadt-Anzeiger. Später war sie Online-Redakteurin und leitet...

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Und vergessen wir über der Klage der Einzelnen nicht das große ganze System einer gleichberechtigten und kinderfreundlichen Gesellschaft, die wir uns auf die Fahnen schreiben. Denn welche Folgen hat die fehlende Verlässlichkeit von Eltern und vor allem Mütter in der Arbeitswelt?

Sie verringert die Bereitschaft von Arbeitgebern, wichtige und gut bezahlte Jobs an Frauen zu vergeben, von denen man ja annehmen muss, dass sie zum wichtigen Kundentermin oder im Operationssaal eben auch mal nicht auftauchen, weil sie stattdessen zu Hause die Vegetationsschichten eines Waldes mit der Tochter einüben. Und am Ende zementieren Tage wie dieser schlechtere Verdienstmöglichkeiten für Frauen, Abhängigkeiten in dysfunktionalen Beziehungen und Altersarmut.

Und sie tragen vielleicht sogar dazu bei, dass junge Paare sich gegen Kinder entscheiden und damit die demografischen Herausforderungen noch erhöhen. Zu groß ist das Risiko, am Ende ohne Job und Altersabsicherung dazustehen.