Hybride Kriegsführung aus Russland oder linksextreme Terrorgruppen: Wer steckt hinter den Anschlägen von Bergheim und Jänschwalde?
Sabotageangriff in BergheimPyrotechnik legt Braunkohlekraftwerke lahm

Polizisten suchen in der Umgebung des Umspannwerkes des Netzbetreibers Amprion in Bergheim ein Rübenfeld ab. Auf die Anlage wurde ein Anschlag verübt.
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Es ist eine eigentümliche Form des Angriffs: Sechs Abschussrampen für Pyrotechnik, versteckt in einem Rübenfeld, mit deren Hilfe zwecks Sabotage ein Draht über die Stromleitungen eines Umspannwerks katapultiert werden soll. So geschehen in Bergheim, weshalb am Dienstagabend fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke vom Netz gehen mussten. Auch beim etwa zeitgleich verübten Kurzschluss-Attentat auf eine Hochspannungsleitung des Kohlekraftwerks im brandenburgischen Jänschwalde wurden laut Ermittlern selbstgebaute pyrotechnische „Flugkörper“ eingesetzt.
Keine Drohne, kein KI-gestützter Cyberangriff, keine ausgetüftelten Techniken, noch nicht einmal ein geknacktes Schloss: Attacken auf die sogenannte kritische Infrastruktur, auf die Energieversorgung beispielsweise oder Transportunternehmen wie die Bahn, wurden in den vergangenen Jahren wiederholt mit verhältnismäßig einfachen Mitteln verübt. Ein Feuer in einem Kabelschacht, ein Brandsatz an einem Mast, ein beschädigter Transformator – oft schon wurde aus einer unscheinbaren technischen Anlage eine Frage der öffentlichen Sicherheit.
Gibt es Verbindungen zu russischen hybriden Angriffen?
Wie stets in solchen Fällen wird in alle Richtungen ermittelt. In Sicherheitskreisen ist von drei möglichen Szenarien die Rede. Ein hybrider, mutmaßlich von Russland gesteuerter Angriff. Ein mutmaßlich von Russland gesteuerter hybrider Angriff, der aussehen soll wie eine Tat von Linksextremisten. Oder eine linksextremistisch motivierte Sabotage.
Für alle drei Szenarien gibt es gute Gründe. Trotzdem sind sie derzeit nur Spekulation. Was Russland betrifft: Sicherheitsbehörden sind überzeugt davon, dass es ein Ziel der hybriden Bedrohung durch Russland ist, der deutschen Bevölkerung den Eindruck zu vermitteln, ihr Staat könne sie nicht schützen. Etwa vor Angriffen auf die Stromversorgung. „Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung“, beschrieb Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) die Lage nach der Verkündung der Maßnahmen gegen Russland als Reaktion auf die Sprengstoff-Drohne vom Flughafen Leipzig/Halle.
Low-Level-Agenten
Unter hybrider Kriegsführung versteht man eine Kombination aus militärischen, wirtschaftlichen, geheimdienstlichen und propagandistischen Mitteln. Dazu zählen auch Cyberattacken und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung - etwa vor Wahlen. Meist wird versucht, die Urheberschaft solcher Aktionen zu verschleiern. Russland jedoch wurde von deutschen Ermittlern schon häufig als mutmaßlicher Drahtzieher identifiziert. Im Juli 2024 beispielsweise wurde ein Paket mit einem Brandsatz im DHL-Frachtzentrum Leipzig/Halle entdeckt. Es geriet noch am Boden in Brand, kurz bevor es in ein Flugzeug verladen werden sollte. Eine Verspätung der Maschine verhinderte vermutlich, dass das Feuer während des Fluges ausbrechen und das Flugzeug womöglich abstürzen konnte. Auch für diesen Sabotageakt haben sich die Indizien auf ein russisch gesteuertes Netzwerk mittlerweile verdichtet.

Michael Esser (l-r), leitender Kriminaldirektor der Polizei Köln, und Ulrich Bremer, Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Köln, geben eine Pressekonferenz im Polizeipräsidium Essen. Nach der Störung an einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln haben die Ermittler sechs Abschussvorrichtungen in einem Feld gefunden.
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Für die Angriffe werben die Russen nach den Erkenntnissen des deutschen Verfassungsschutzes immer häufiger so genannte „Low-Level-Agenten“ an. Menschen, oft im Internet rekrutiert, die für ein paar hundert oder tausend Euro Anlagen ausspähen oder Brandsätze legen – ohne zu wissen, für wen sie das tun. Und die meist auch keinerlei Erfahrungen oder Wissen über Geheimdiensttätigkeiten haben. „Und deshalb auch häufig mit relativ einfachen Mitteln agieren – wie etwa Pyrotechnik“, erklärt ein Sicherheitsexperte.
Linksterror gegen das deutsche Stromnetz
Stromnetze jedenfalls sind in Deutschland weit verzweigt. Ihre neuralgischen Punkte liegen oft im Freien, die Angriffspunkte scheinen unendlich. In den vergangenen Jahren haben militante linksextremistische Akteure solche Ziele wiederholt ins Visier genommen. Der folgenreichste jüngere Fall ereignete sich am 3. Januar 2026 im Südwesten Berlins. An einer Kabelbrücke im Bereich Lichterfelde wurden Starkstromkabel zerstört. Rund 45.000 Haushalte und etwa 2200 Unternehmen waren betroffen. Die vollständige Versorgung war erst nach ungefähr hundert Stunden wiederhergestellt. Weil zugleich eine Kältewelle herrschte, beeinträchtigte der Stromausfall auch die Wärmeversorgung.
Zu der Tat erschien ein Bekennerschreiben einer Organisation, die sich „Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen“ nannte. Ein weiterer Berliner Fall datiert vom 9. September 2025. Nach einem Brandanschlag auf zwei Strommasten im Südosten der Stadt waren rund 50.000 Haushalte und Gewerbetreibende etwa 60 Stunden lang ohne Strom. Auch Notrufnummern, öffentlicher Nahverkehr und Pflegeeinrichtungen waren demnach betroffen.
Auch in anderen Bundesländern gab es mutmaßliche Sabotagefälle. So waren infolge eines Brandes in einem Umspannwerk im württembergischen Reutlingen im Juni dieses Jahres etwa 40.000 Menschen zeitweilig ohne Strom. Dort gehen die Ermittler ebenfalls von einer geplanten Tat aus.
Bereits am 5. März 2024 brannte nahe der Tesla-Fabrik in Grünheide in Brandenburg ein Hochspannungsmast. Die Stromversorgung des Werks wurde unterbrochen, die Produktion stand länger still. Auch dort bekannte sich die „Vulkangruppe“, gegen die die Bundesanwaltschaft wegen Terrorismusverdacht ermittelt. Und im Mai 2021 führte ein Brandanschlag auf Stromleitungen in München zum Ausfall von rund 150 Trafostationen. Ewa 20.000 Haushalte waren zeitweise ohne Strom. In einem Bekennerschreiben wurde ein Rüstungsunternehmen als eigentliches Ziel genannt.
NRW und das „Kommando Angry Birds“
In Nordrhein-Westfalen macht seit 2023 eine andere linke Untergrundorganisation von sich reden: das „Kommando Angry Birds“. Dem jedoch wird bisher erst ein Angriff auf die Stromversorgung zugeschrieben. In einem Umspannwerk in Erkrath bei Düsseldorf wurde ein Brandsatz gefunden, der jedoch nicht gezündet hatte. In einem Bekennerschreiben auf einer Szeneplattform teilten die „Birds“ mit, sie hätten durch die Detonation das angrenzende Industriegebiet lahmlegen wollen. Wesentlich erfolgreicher waren die Aktivisten, deren Identität den Ermittlern bisher ebenso unbekannt ist wie die der Protagonisten der „Vulkangruppe“, jedoch bei Attacken auf die Bahn-Infrastruktur in NRW.
Nach Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat es alleine von Juli bis Dezember des vergangenen Jahres 14 derartige Sabotageakte gegeben – mit teilweise weitreichenden Auswirkungen. Im Augst 2025 beispielsweise legten zwei Brandsätze in kaum gesicherten Kabeltunneln die Bahnverbindung zwischen Duisburg und Düsseldorf, mit täglich 700 bis 800 Verbindungen im Fernverkehr bundesweit eine der wichtigsten Trassen, zwei Tage lang lahm. Die Strecke sei angegriffen worden, um die Verbindung wichtiger wirtschaftlicher Regionen Europas vorübergehend zu kappen, hieß es im Bekennerschreiben. Mit der Aktion wolle man gegen die Umweltzerstörungen des „industriellen Systems“ protestieren. Anders als die „Mainstream-Umweltbewegung“ versuche „Angry Birds“ nicht, „die Mächtigen“ zu umwerben und mit Argumenten zu überzeugen, sondern setze auf Konfrontation. „Die Zeit, an einer Versöhnung der Seiten zu arbeiten, ist vorbei“, verkündeten die Extremisten.
Linksextremisten, die sich eine vorindustrielle Gesellschaft wünschen
Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz ordnet die Gruppe dem sogenannten „Anarcho-Primitivismus“ zu. Einer Strömung, die radikale Technik- und Zivilisationskritik mit der Forderung nach einer postindustriellen Gesellschaft verbindet. Staatsschützer gehen nicht von einer klassischen, hierarchisch aufgebauten Organisation aus. Vielmehr agiere das Umfeld in kleinen, voneinander abgeschotteten Gruppen, was die Ermittlungen erschwere. Eine verlässliche Aussage über die Täter jedenfalls gibt es derzeit nicht. Wäre deshalb für Anschläge wie in Bergheim nicht auch ein viertes Szenario denkbar? Linksextremistische Gruppen, unterstützt von russischen Hintermännern. „Die Lage ist offen und verworren, da würde ich jetzt erstmal gar nichts ausschließen“, heißt es in Sicherheitskreisen.
