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Schwarz-Grün will Tourismus helfenIn NRW sterben die Traditionsgasthöfe aus

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Der Schaumburger Hof am Rheinufer in Bonn hat nach 200 Jahren seine Pforten geschlossen.

Der „Schaumburger Hof“ am Rheinufer in Bonn hat nach 200 Jahren seine Pforten geschlossen. 

Kleine Gasthöfe leiden besonders stark unter dem Fachkräftemangel und der Konsumzurückhaltung. Viele haben die Chancen der Digitalisierung verschlafen. Schwarz-Grün will der Branche jetzt mit einer gezielten Förderung unter die Arme greifen.

Der „Schaumburger Hof“ gehörte zu den renommiertesten Gasthäusern in Bonn-Bad Godesberg. Dort tagte der Parlamentarische Rat, der nach dem Zweiten Weltkrieg über die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland beriet. 200 Jahre lang wurden die Gäste in dem Fachwerkhaus am Rhein bewirtet – jetzt ist Schluss. „Dauerhaft geschlossen“, steht auf der Webseite des Traditionslokals. Der Inhaber hat Insolvenz angemeldet.

Mit 54,5 Millionen Übernachtungen hat die Tourismuswirtschaft im vergangenen Jahr einen neuen Rekordwert erzielt. Doch von den Zuwächsen, die auch von der Ausrichtung des Fußball-EM befeuert wurden, profitierten vor allem die Beherbergungsbetriebe in den Metropolen. Aber die Gasthöfe und kleinen Hotels im ländlichen Raum sind das Sorgenkind der Branche. „Der Fachkräftemangel, bürokratische Lasten, Defizite in der Digitalisierung und Konsumzurückhaltung sind für die Betriebe vieler Tourismusbranchen problematisch“, sagt Ralf Stoffels, Präsident der IHK NRW. Die neuesten Daten aus der landesweiten Konjunkturumfrage der IHKs lassen befürchten, dass sich die Lage in vielen Betrieben weiter verschärft.

Im Tourismusbarometer 2025 für NRW heißt es: „Kleinere Betriebe verschwinden zunehmend vom Markt - Investitionen in Qualität, Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind vielerorts überfällig.“ Nachdem 2023 im Zeichen der Erholung stand, belasteten jetzt erneut zahlreiche Faktoren das Gastgewerbe. Die Anhebung des Mindestlohns und die steigenden Preise für Lebensmittel drücken vielen Inhabern finanziell die Luft ab. Gleichzeitig müssen viele Kunden sparen.

Hinzu kommt: Wer in in der aktuellen Lage Geld für Urlaub in die Hand nimmt, will dafür mehr geboten bekommen als nur ein sauberes Zimmer.  Betriebe, die nicht mit Wellness, kulinarischen Genüssen oder Kultur- und Freizeitangeboten punkten können, haben schlechte Karten. Deutschlandweit sank die Zahl der Gasthöfe zwischen 2012 und 2024 von etwa 14.778 auf nur noch rund 9 000. Ein Trend, der laut Branchenexperten im Eifel und im Sauerland ähnlich stark ausgeprägt ist. Vielerorts finden sich keine Nachfolger, wenn die Inhaber ihre Betriebe aus Altersgründen abgeben wollen. Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsplätze ist in NRW um 9,1 Prozent zurückgegangen.

Der Tourismus ist ein wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung in NRW. Mit einem Konsumvolumen von 45,9 Milliarden Euro trägt der Tourismussektor 4,8 Prozent zur gesamten Wirtschaftsleistung des Landes bei und bietet 650.000 Arbeitsplätze. Die regierungstragenden Fraktionen von CDU und Grünen im Düsseldorfer Landtag wollen die Betriebe jetzt politisch unterstützen. „Tourismus in Nordrhein-Westfalen durch Digitalisierung und Nachhaltigkeit stärken“, ist der Titel eines Antrags, der jetzt im Plenum beraten werden soll.

In NRW zählen der Kölner Dom, die Zeche Zollverein und der Landschaftspark Duisburg-Nord zu den Top-Touristenzielen. Aber auch der Drachenfels, die Atta-Höhle im Sauerland und die Externsteine im Teutoburger Wald locken viele Besucher an. Die Chance, moderne Marketinginstrumente zu nutzen, wird allerdings vielfach nicht hinreichend ausgeschöpft. „Digitalisierung hilft dabei, Reisen und Erlebnisse in NRW besser planen zu können“, sagte Thomas Okos, Beauftragter der CDU-Landtagsfraktion für Tourismus, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Tools wie der Erlebnisplaner „NRWow“ sollten noch besser auf den Anwender zugeschnitten werden.  „Ideal wäre es, wenn dieser per App mit dem Smartphone von überall nutzbar wäre“, erklärte Okos.

Der Antrag von CDU und Grünen sieht nun vor, die Einführung einer solchen App zu unterstützen. Gleichzeitig soll die Tourismusbranche von Dokumentationspflichten entlastet werden. „Wir stärken die Unternehmen zudem in ihren Bestrebungen für mehr Nachhaltigkeit“, sagte Marc Zimmermann, Mitglied im politischen Beirat von Tourismus NRW für die Grüne Landtagsfraktion. Die Menschen kämen auch nach NRW, um die Natur zu erleben. „Wir sorgen wir für einen Tourismus in NRW, der Innovation und Nachhaltigkeit verbindet und der Reisenden wie der Branche neue Chancen eröffnet”, so Zimmermann.

Die FDP im Landtag beurteilt den Vorstoß kritisch. Schwarz-Grün lege mit diesem Antrag „ein Phrasen-Bingo für das mediale Schaufenster“ vor, sagte Dietmar Brockes, wirtschaftspolitischer Sprecher der Liberalen. Gerade beim Bürokratieabbau habe Schwarz-Grün bisher nicht geliefert, sondern im Gegenteil die Probleme der Wirtschaft noch verschärft. Absichtserklärungen blieben meist folgenlos, sagte Brockes: „Statt wohlfeiler Worte unter Finanzierungsvorbehalt könnte die Landesregierung einfach handeln, indem sie etwa Tourismus NRW stärker finanziell unterstützt.“

Eine Sprecherin von „Tourismus NRW“ sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, für die Branche seien vor allem Investitionen in die touristische und in die Verkehrsinfrastruktur wichtig. „Tourismusqualität ist Standortqualität und wirkt für Gäste und Einheimische gleichermaßen“, hieß es. Außerdem seien Investitionen in Barrierefreiheit nötig, um Menschen mit Beeinträchtigungen Zugang zu Urlaub und Erholung zu ermöglichen. „Entsprechende Angebote sind auch erforderlich, wenn man bestimmte Großveranstaltungen durchführen will, etwa die Paralympics.“