Zehn Monate vor der Landtagswahl in NRW hat die SPD Landtagsfraktionschef Jochen Ott offiziell zu ihrem Spitzenkandidaten gewählt.
„Wird Wüst beißen“SPD wählt Ott zum Spitzenkandidaten in Nordrhein-Westfalen

Jochen Ott (SPD), Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, steht bei der Nordrhein-Westfalen SPD Landesdelegiertenkonferenz zur Aufstellung zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2027 nach seiner Rede vor den Delegierten.
Copyright: Thomas Banneyer/dpa
Jochen Ott schließt kurz die Augen und atmet durch. Soeben ist von der Landesdelegiertenkonferenz der NRW-SPD zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im April 2027 gewählt worden. Der Politiker aus Köln hat 96,2 Prozent der Stimmen erhalten. Ott faltet die Hände vor der Brust, verbeugt sich in die Kameras, die den Moment in den Saal übertragen. „Ich bin bereit“, hatte er zuvor nach seiner einstündigen Rede in den Saal gerufen. „Wir sind wieder da. Lasst uns NRW wieder gerecht machen.“
220 Delegierte sind an diesem Tag zur „Krönungsmesse“ für den Spitzenkandidaten in die Eventhalle in Düsseldorf-Reisholz gekommen. Mit dem Parteitag will die NRW-SPD ihre große Aufholjagd starten. In Umfragen dümpelt die Partei derzeit bei unter 20 Prozent. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sonnt sich derweil in hohen Zustimmungswerten. Die Ausgangslage ist herausfordernd. Aber Parteichefin Sarah Philipp macht den Delegierten Mut: „Viele rechnen zurzeit nicht mit uns. Aber in der Vergangenheit wurde schon oft nicht mit uns gerechnet“, ruft die Duisburgerin unter großem Beifall in den Saal.
Alle Hoffnungen der SPD ruhen nun auf Jochen Ott
Ein Hinweis, der an die Ausgangslage der SPD im Jahr 2009 erinnern soll. Damals wurde Hannelore Kraft zur Spitzenkandidatin gewählt, und es erschien undenkbar, dass die Politikerin aus Mülheim den seinerzeit amtierenden Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers ablösen könnte. Doch Kraft schaffte die Wende. Kann sich die Geschichte wiederholen? Darauf setzen die Genossen. Die Mission wird schwierig. Alle Hoffnungen ruhen nun auf Jochen Ott.
Der Oppositionsführer im Düsseldorfer Landtag hält eine Rede, die die Delegierten begeistert. Der Applaus dauert fast fünf Minuten an. Ott hat die Frage, ob er der richtige Herausforderer von Wüst ist, eindrucksvoll beantwortet. Er schlägt klassenkämpferische Töne an, die man in der SPD so klar schon lange nicht mehr gehört hat. Das kommt gut an. „Der Jochen hat einen Plan. Und er hat die Power, die Menschen wieder für unsere Ideen zu begeistern“, sagt Lisa Steinmann, frühere Landtagsabgeordnete aus Köln. Ott zeige – wie einst Hannelore Kraft – „klare Kante“: „Jochen ist ein Terrier, der Wüst beißen wird“.
Diesmal hält sich der neue Frontmann der SPD allerdings mit direkter Kritik an der Person des Ministerpräsidenten zurück. Stattdessen skizziert er das Wahlprogramm der NRW-SPD. Das zentrale Versprechen: NRW soll das familienfreundlichste Bundesland in Deutschland werden.
Jochen Ott: „Familienpolitik ist keine Spezialpolitik“
Wer die Politik mit den Augen einer Familie betrachte, stelle andere Fragen. Ott umreißt die Themen, die den Alltag bestimmen würden: Gibt es eine Kita? Kann ich die Miete bezahlen? Ist die Schule gut? Bekomme ich einen Arzttermin? Ist der Weg nach Hause sicher? „Familienpolitik ist keine Spezialpolitik. Sie ist die Perspektive auf ein ganzes Land“, sagt Ott.
Dann kündigt der frühere Gymnasiallehrer das „größte Entlastungspaket für Familien in der Geschichte des Landes“ an. „Wir führen ein kostenloses Mittagessen für alle Kita- und Grundschulkinder ein. Wir schaffen die Kita-Gebühren ab und machen Belastungen nicht mehr vom Wohnort abhängig. Und wir führen ein kostenloses Jugendticket ein“, verspricht Ott. So könne eine Durchschnittsfamilie um bis zu 2500 Euro im Jahr entlastet werden.
Nach einem Regierungswechsel im nächsten Jahr soll zudem ein „Kinder-Chancen-Geld“ eingeführt werden. „Das Land legt bei der Geburt eines Kindes 5000 Euro an. Mit dem 18. Geburtstag kann das Kind dann für seinen Start ins Berufsleben dies nutzen: für Ausbildung, Umzug oder Führerschein“, sagt Ott. Für die Familien soll der Wunsch nach einem Eigenheim kein unerfüllbarer Traum bleiben.
Ein Schwerpunkt des Wahlkampfs soll auch die Schulpolitik werden. Bildung in der Zeit von KI sei wieder eine Klassenfrage. „Die Kinder der Reichen und Super-Reichen werden längst auf die Welt von morgen vorbereitet“, erklärt Ott. Diese zögen ihre Kinder aus staatlichen Schulen ab und schickten sie auf internationale Privatschulen. „Das sind Schulen, die zehntausende Euro im Jahr kosten. Aber was ist mit den Kindern von Durchschnittsfamilien?“, fragt Ott. Würde NRW seine bildungspolitischen Minimalziele erreichen, könnte NRW jedes Jahr 60 Milliarden Euro an Wirtschaftskraft hinzugewinnen.
NRW-SPD will Finanzierung durch Umverteilung
Ihr teures Wahlprogramm will die NRW-SPD durch Umverteilung finanzieren. „Wenn das reichste Prozent der Menschen in Deutschland rund 28 Prozent des Vermögens besitzt, wenn die untere Hälfte der Bevölkerung zusammen nur rund 4 Prozent besitzt und gleichzeitig Hunderttausende Kinder in Armut aufwachsen, dann liegt das Problem doch nicht darin, dass zu wenig Geld da ist“, ruft Ott den Delegierten zu. „Dann liegt das Problem darin, wie dieses Geld verteilt ist.“ Der CEO von EON habe gerade eine Gehaltserhöhung von 1,6 Millionen Euro erhalten und verdiene mehr als acht Millionen im Jahr. „Das ist das 200-fache einer durchschnittlichen Pflegekraft.“
Ein Sound, der die Delegierten begeistert. Wieso schafft die SPD es bislang nicht, dass die Zuversicht in der Partei sich auf die Umfragewerte auswirkt? „Das Bittere an der Krise der Sozialdemokratie ist ja, dass die allermeisten Menschen in Nordrhein-Westfalen unsere Werte teilen. Aber sie haben das Vertrauen in uns verloren“, räumt Ott ein.
Die SPD habe zuletzt „den Fokus auf das Wichtige verloren“ und auch nicht die richtige Sprache gefunden. „Wir waren zu oft sprachlos, mutlos und vielleicht auch ein bisschen feige, wenn es galt, die richtigen Kämpfe zu kämpfen“, gibt sich Ott kritisch. Die SPD tue gut daran, sich wieder auf die Werte der Arbeiterbewegung zu besinnen. „Nur gemeinsam sind wir stark“, ruft Ott. Am Ende seiner Rede reckt er die linke Faust in die Höhe – eine Geste, die für Solidarität, Sträke und Kampfbereitschasft steht.
Deutlich weniger Emotionen löst danach der Auftritt von SPD-Bundeschefin Bärbel Bas aus, die mehr Gerechtigkeit bei der Steuerreform fordert. Vor zwei Jahren war sie noch selbst als mögliche Spitzenkandidatin der NRW-SPD gehandelt worden. Jetzt wird ihre Rede durch Gemurmel begleitet. Viele Delegierte sind nicht damit zufrieden, wie sich die SPD in der Bundesregierung präsentiert. „Da kann sich der Jochen hier ein Bein ausreißen und alles richtig machen“, ärgert sich eine Politikerin aus dem Rhein-Sieg-Kreis. „Aber ohne eine bessere Performance in Berlin können wir hier nicht gewinnen.“
Unter den Gästen beim Parteitag waren der frühere Bundesparteichef Norbert Walter-Borjans und der ehemalige Landesvorsitzende der NRW-SPD, Michael Groschek. Die frühere NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hatte abgesagt: Sie war am Vortag 65 Jahre alt geworden und mit der Familie zu einer Urlaubsreise aufgebrochen.
