Trotz Vermittlungsversuchen aus Düsseldorf lehnt der Monheimer Rat das Bauleitplanverfahren ab. Die Entscheidung belastet Bayer 04 – und bringt die Olympiabewerbung KölnRheinRuhr in Erklärungsnot.
Bayer-Campus in MonheimStreit alarmiert NRW-Landespolitik

Eine Visualisierung des Bayer04-Campus im Monheimer Süden bei Nacht.
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Der 1. FC Köln und Bayer 04 Leverkusen stehen sich mit einer von ihren Anhängern gelebten Abneigung gegenüber, die über sportliche Rivalität hinausgeht. Auch die Verantwortlichen gingen sich in den vergangenen Jahren aus dem Weg, wenn es möglich war. In diesen Tagen verbindet die beiden Fußball-Bundesligisten dennoch mehr als die gemeinsame Liga: Beide ringen mit der kommunalen Politik um ihre sportliche Infrastruktur.
Beide Vereine wollen mit neuen Trainingsmöglichkeiten für Profis und Nachwuchsmannschaften zeitgemäße Bedingungen schaffen. Ihre seit Jahren währenden Konflikte mit der Politik führen vor Augen, wie schwer sich das Rheinland mit sportlichen Großprojekten tut. Das ist bemerkenswert in einer Region, die Olympische Spiele ausrichten will. Wer das möchte, sollte zeigen können, dass Interessen zügig, transparent und auf Grundlage belastbarer Fakten abgewogen werden.
Im Monheimer Ratssaal, unter schweren Kronleuchtern und in einer Kulisse aus dem vergangenen Jahrhundert, wurde am Mittwochabend über die Zukunft eines modernen Fußball-Leistungszentrums entschieden. Die Mehrheit aus CDU, SPD und Grünen lehnte die Einleitung eines Bauleitplanverfahrens für den geplanten Bayer-Campus im Monheimer Süden ab. Es war der dritte Versuch des Doublesiegers von 2024, den Bau des inzwischen auf 14,7 Hektar verkleinerten Campus auf den Weg zu bringen. Der Rat stimmte in geheimer Abstimmung mit 25 zu 19 Stimmen bei einer Enthaltung gegen den Aufstellungsbeschluss.
Kopfschütteln in der Landespolitik
Eine Nachricht, die in der Landespolitik für Kopfschütteln sorgte. Nach Informationen dieser Zeitung hatte die Staatskanzlei Sport-Staatssekretärin Andrea Milz (CDU) in dieser Woche als Emissärin von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) nach Monheim geschickt. Sie sollte für das übergeordnete Interesse des Landes an einer Einigung werben. Die Botschaft, dass ein lokaler Streit dem Image des Sportlands NRW schaden könnte, verfing offenbar nicht. In der schwarz-grünen Landesregierung ist der Ministerpräsident zugleich Sportminister und damit selbst für die Entwicklung des Sportstandorts zuständig. Wüst führt zudem die Olympiabewerbung KölnRheinRuhr an, die sich im nationalen Wettbewerb gegen Berlin und München durchsetzen muss. Der Deutsche Olympische Sportbund entscheidet am 26. September. „Die Vorgänge in Monheim dürften zwar wohl kaum zu einem K.o.-Kriterium werden, aber blamabel ist das schon“, sagte ein Oberbürgermeister aus einer Bewerberstadt unserer Zeitung. Und fügte hinzu: „Markus Söder dürfte sich die Hände reiben.“

Gegner der Campus-Pläne bei einer Bürgerinformation von Bayer 04 im Bürgerhaus Monheim Baumberg
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Nicht nur die Staatskanzlei, auch die Landtagsfraktionen von CDU und SPD sollen versucht haben, auf ihre Parteifreunde in Monheim einzuwirken. Doch die Landespolitiker drangen nicht durch. In der Monheimer CDU hieß es, Fernando Carro, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Bayer 04, spreche immer nur über Monheim, aber nie mit den Akteuren vor Ort. Den CDU-Fraktionsvorsitzenden habe der Topmanager in dieser Woche zum ersten Mal angerufen. Die Fronten blieben verhärtet. Daran änderte auch der Hinweis nichts, dass Monheim selbst zum Konzept der Olympiabewerbung gehört und dort Skateboard-Wettbewerbe ausgetragen werden sollen.
Über mögliche Unterstützung des Landes für diesen Standort wurde in Düsseldorf ebenfalls nachgedacht. Doch auch diese Aussicht brachte keine Bewegung in den Konflikt. In Monheim nimmt man Bayer zudem übel, geplante Unternehmensansiedlungen durch die Weigerung blockiert zu haben, Flächen zu verkaufen. „Die Monheimer sind einfach bockig“, hieß es in der CDU-Landtagsfraktion. Man bekomme „den Knoten aus der Ferne nicht gelöst“. Der Staatskanzlei blieb nur der Verweis auf die lokale Zuständigkeit. „Die Entscheidung über den in Rede stehenden Standort in Monheim ist eine Angelegenheit, die im Rahmen der verfassungsrechtlich geregelten kommunalen Selbstverwaltung erfolgt“, sagte eine Sprecherin unserer Zeitung. Die Landesregierung unterstütze Bayer 04 „auch weiterhin, eine geeignete Fläche für einen neuen Campus zu finden“, hieß es.
Christof Rasche, Sportexperte der FDP im Landtag, ist das zu wenig. „In ganz Nordrhein-Westfalen warten Kinder und Jugendliche monatelang auf einen Platz im Sportverein, vielerorts fehlen Sportflächen, und die Ratsmehrheit lehnt eine vollständig privat finanzierte Investition in moderne Sportinfrastruktur ab“, sagte der Liberale. Der Vorgang zeige exemplarisch, was in Nordrhein-Westfalen schieflaufe. „Ich hätte mir mehr Initiative und Einfluss dieser Landesregierung gewünscht“, sagte der Liberale.
Dabei ging es formal noch nicht um eine Baugenehmigung. Der Aufstellungsbeschluss hätte zunächst ein Verfahren eröffnet, in dem Behörden, Gutachter und Öffentlichkeit die Folgen des Projekts prüfen. Der Rat entschied damit zunächst nur darüber, ob die Machbarkeit weiter untersucht wird.
„Dieses Votum ist für uns eine große Enttäuschung. Nach zehn Jahren Planung, zahlreichen geprüften Standorten und schmerzhaften Anpassungen unseres Konzepts hätten wir uns die Chance gewünscht, unser Projekt ab jetzt in einem geordneten Verfahren fachlich bewerten zu lassen“, sagte Bayer-04-Chef Carro. Die Leverkusener hatten die Planung zunächst gemeinsam mit der Peto-Partei vorangetrieben, die damals mit absoluter Mehrheit regierte. Vor der Wahl 2025 machten sich CDU, SPD und Grüne die Ablehnung des Projekts zu eigen. Nun wollen sie ihr Wahlversprechen durchsetzen. Bayer 04 sieht sich als Opfer politischer Machtspiele. Die Gegner halten dagegen, dass ein Bauleitplanverfahren politische Erwartungen und erheblichen Planungsaufwand auslösen würde. Aus ihrer Sicht ist schon jetzt absehbar, dass der Campus mit dem Schutz des regionalen Grünzugs und den Interessen der Anwohner nicht vereinbar ist. Sie führen Klima- und Naturschutzbedenken an; Anwohner befürchten Licht- und Lärmbelästigungen. Bayer 04 wollte diese Fragen durch unabhängige Gutachten klären lassen.
Der 1. FC Köln sucht seit zwölf Jahren nach zusätzlichen Trainingsflächen, Bayer 04 seit mehr als zehn Jahren. Der FC ringt um die Nutzung und Erweiterung städtischer Flächen, Bayer will auf einem Grundstück des eigenen Konzerns bauen. In beiden Fällen treffen sportliche Wachstumspläne auf Umweltinteressen und politischen Widerstand. Dass Bayer das Grundstück bereits gehört, schafft keinen Anspruch, es in der gewünschten Form zu bebauen. Genau darüber hätte das Bauleitplanverfahren Klarheit schaffen sollen. Für Teile des Grundstücks besteht bereits Baurecht. Die rund 120 Millionen Euro für das Campus-Projekt will Bayer vollständig selbst übernehmen. Fördermittel wurden nicht beantragt. Der Campus soll bis zu 150 Arbeitsplätze schaffen und Kooperationen mit Schulen und Sportvereinen ermöglichen.
Für den Monheimer Unternehmer Alexander Zimmer ist die Entscheidung ein Schlag ins Gesicht. „Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Es wurde ja nicht gefragt, ob gebaut wird. Ein Unternehmen wollte prüfen lassen, ob auf seinem eigenen Grund unter gewissen Voraussetzungen gebaut werden kann. Und dann sitzen da Hobbypolitiker, die ihre Rachegelüste ausleben. Das trifft mich sehr“, sagt Zimmer, der die Marienburg Monheim betreibt. „Nach diesem Abend überlege ich ernsthaft, ob ich auch mein Unternehmen mit 60 Mitarbeitern aufgebe. Unter diesen Rahmenbedingungen macht es einfach keinen Sinn mehr.“
Protest der Gegner ist lautstark
Die Gegner aus der Monheimer Stadtgesellschaft treten meinungs- und lautstark auf. Immer wieder machten sie mit Protestschildern auf sich aufmerksam. „Entschuldigung, die zahlen hier nichts. Die Gewerbesteuer kommt hier sowieso nicht an. Das heißt, ich gebe ein Filetstück ab und bekomme dafür nichts, außer Belastung“, sagte der Monheimer Christian Kautz im Juni dem WDR. Wie die Stimmung in der rund 44.000 Einwohner zählenden Stadt tatsächlich ist, lässt sich schwer einschätzen.
Politisch bleiben zwei Wege. Der Rat könnte selbst einen Bürgerentscheid ansetzen. Monheims parteilose Bürgermeisterin Sonja Wienecke schlug dies am Mittwoch vor, setzte den Antrag aber nicht auf die Tagesordnung. Für einen Ratsbürgerentscheid wäre eine Zweidrittelmehrheit nötig, die derzeit nicht realistisch erscheint. Alternativ könnten die Monheimer ein Bürgerbegehren starten. Dafür müssten zunächst 2328 gültige Unterschriften gesammelt werden. Käme es anschließend zum Bürgerentscheid, müssten sich rund 6600 Einwohner beteiligen. Bayer 04 bräuchte dann eine einfache Mehrheit.
Aus der langen Suche wird für den Klub ein Wettlauf gegen die Zeit. Beim geplanten Ausbau der A1 ab 2032 müssen Trainingsplätze neben der Bay-Arena weichen. Nach eigenen Angaben hat Bayer 04 mehr als 70 Alternativflächen prüfen lassen. Gutachter stuften alle als ungeeignet ein. Köln und Monheim erzählen damit zwei unterschiedliche Geschichten über dasselbe Problem. Sportpolitische Ziele sind schnell formuliert. Sobald dafür Flächen benötigt, Grünzüge verändert oder Anwohner belastet werden könnten, beginnt die Bewährungsprobe. Die Olympiabewerbung zwingt das Rheinland deshalb zu einer grundsätzlichen Antwort: Ist Sport ein Standortfaktor, für den die Region verlässlich planen will – oder bleibt er ein willkommenes Bekenntnis, solange daraus keine Konflikte entstehen?
Ganz aufgegeben hat Düsseldorf die Hoffnung auf eine Einigung nicht. „Ich hoffe, dass es allen Beteiligten gelingt, den Dialog konstruktiv fortzusetzen und tragfähige Lösungen zu finden, die sowohl den Anforderungen des Sports als auch den berechtigten Interessen des Umweltschutzes und der Anwohnerinnen und Anwohner vor Ort gerecht werden“, sagte Tülay Durdu, sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Nach Informationen dieser Zeitung will Staatssekretärin Milz am Freitag erneut mit den Beteiligten sprechen.



