Spott gegen Wüsts Konkurrenten in Istanbul: Kölner Comedian vergleicht Markus Söder bei einer Bootsreise auf dem Bosporus mit einem „osteuropäischer Gebrauchtwarenhändler“
Türkei-Reise vom MinisterpräsidentenWüst präsentiert einen Gegenentwurf zu Söder und Merz

Istanbul: Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, und Sabri Aydin machen einen Rundgang am Bosporus. Der 91-Jährige kam 1961 als einer der ersten sogenannten Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland.
Copyright: Rolf Vennenbernd/dpa
Zunächst war Markus Söder, der am Wochenende bei der Entscheidung über die Olympia-Bewerbung triumphierte, kein Thema bei der Reise von NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) in die Türkei. Die NRW-Staatskanzlei hatte zunächst höflich gratuliert und den Fokus am Montag geschickt auf das Treffen von Wüst mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gelenkt.
Das änderte sich am Dienstagabend. Bei einer Bootsfahrt über den nächtlichen Bosporus griff der Kölner Schauspieler und Comedian Fatih Cevikkollu, bekannt aus der Fernsehserie „Alles Atze“, nach dem Mikrofon. Er hatte Wüst als Teil der Delegation auf der Reise begleitet.
Zuerst zog Cevikkollu über den Bundeskanzler her. „Merz, das ist der mit der Leitkultur“, sagte er. „Es gibt keine Leitkultur. Ich finde, deutsches Brot ist das beste Brot der Welt, aber das ist keine Leitkultur, das ist ein Lebensmittel.“ In der Diskussion gebe es immer jemanden, der deutsche Leitkultur als blond und blauäugig definiere. „Aber wenn Deutschland blond und blauäugig wäre: Wie erklärst du Markus Söder? Markus Söder sieht aus wie ein osteuropäischer Gebrauchtwarenhändler.“

Fatih Cevikkollu (Archivbild aus Köln)
Copyright: Michael Bause
Irritation in einer sonst penibel durchgeplanten Reise
Eine skurrile Szene, die das Potenzial hat, Kreise zu ziehen – bis nach Berlin und München. Denn Söder gilt neben Wüst als aussichtsreichster Kandidat für das Kanzleramt, sollte Friedrich Merz stürzen. Wüst schüttelte bei dem Witz zwar vehement den Kopf, schien aber amüsiert. Dabei verfasste Wüst selbst noch 2007 als junger Konservativer ein Papier mit, in dem eine deutsche Leitkultur auf Basis „christlich-abendländischer Werte“ gefordert wurde. Ein weiterer Mitautor des Papiers: Markus Söder.
Auf dem Bosporus legte Cevikkollu in Sachen Leitkultur nach: „Söder ist der Typ, der herumrennt und überall Kreuze aufhängen will.“
Möglich, dass auch Wüst von dem Auftritt überrascht war. Dass die sehr bissigen Kommentare gegen Unionspolitiker vor der versammelten Delegation nicht Teil des Abendplans waren. Es war eine feine Irritation in einer sonst penibel durchgeplanten Reise. In der Türkei zeigt sich: Der NRW-Ministerpräsident präsentiert einen Gegenentwurf zu Söder und Merz. Appelle gegen Alltagsrassismus statt Stadtbild-Debatte, Menschen mit Migrationshintergrund als Chance statt Integrationsproblem. Mehrmals äußerte Wüst seine Überraschung darüber, dass dies die erste Reise eines NRW-Ministerpräsidenten in die Türkei sei. Schließlich haben von den 17 Millionen Einwohnern des bevölkerungsreichsten Bundeslandes eine Million Menschen türkische Wurzeln.
Wüst: „Keine Reise in ein fremdes Land“
Wüsts Kurs wurde auch bei der Verleihung der Mevlüde-Genç-Medaille an den ehemaligen DFB-Kapitän İlkay Gündoğan deutlich. Eigentlich war sie bereits für 2025 geplant, damals war der Fußballstar jedoch wegen seines Wechsels nach Istanbul verhindert. Die Staatskanzlei stiftet den Preis für Völkerverständigung seit 2018, zu Ehren der Solingerin Mevlüde Genç, die bei dem Brandanschlag zwei Töchter, eine Nichte und zwei Enkelinnen verlor. Nach dem Anschlag hatte sie zu Versöhnung und Zusammenhalt aufgerufen.
„Der Familie Genç ist das schlimmste Leid widerfahren, das man sich überhaupt nur vorstellen kann, wenn man selbst Kinder hat“, sagte Wüst. Die Reaktion von Politik und Gesellschaft nach dem Anschlag sei zu oft von fehlender Empathie und Anteilnahme geprägt gewesen. „Das hat viele Menschen mit türkischen Wurzeln in dem Gefühl gestärkt, so richtig gehören wir in Deutschland nicht dazu.“ Es sei kein neues Gefühl gewesen. Durch jede neue Diskriminierung werde es jedoch bestärkt. „Umso größer ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, diese Ressentiments und die Diskriminierung zu bekämpfen.“ Gündoğans Karriere zeige, dass man es mit Talent, Fleiß und Leistung bis ganz nach oben schaffen könne.

Hendrik Wüst (CDU) zeichnet İlkay Gündoğan, ehemaliger Kapitän der Deutschen Fußballnationalmannschaft, in der Sommerresidenz der Deutschen Botschaft in Istanbul mit der Mevlüde-Genç-Medaille aus.
Copyright: Rolf Vennenbernd/dpa
Die Leistung der türkischstämmigen Menschen in NRW zu würdigen, sei „ein guter Anlass dieser Reise“, sagte Wüst am Mittwochnachmittag vor Journalisten. Er hatte sich für ein abschließendes Statement vor das Ufer des Bosporus gestellt. Durch die vielen „grenzüberschreitenden Familiengeschichten“ sei es „keine Reise in ein fremdes Land“ gewesen. „Die Industriegeschichte, insbesondere im Ruhrgebiet, ist gar nicht denkbar ohne Menschen aus Italien, Polen, Griechenland und aus der Türkei, die kräftig mit angepackt haben.“ Das Potenzial für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit sei dadurch groß. „Wenn wir mehr Handel miteinander treiben wollen, dann muss das Hin- und Herkommen auch einfacher sein als in der Vergangenheit.“
Wüst bezog sich damit auf eine Entscheidung, die er gemeinsam mit Serap Güler, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, bei einer Wirtschaftskonferenz am Morgen verkündet hatte. Die Visa-Erleichterungen für türkische Geschäftsleute nach Deutschland werden ausgeweitet. Bereits seit 2025 können Vertreter besonders vertrauenswürdiger türkischer Unternehmen mit Deutschlandbezug per Sonderverfahren einreisen. Dieses Verfahren gilt bisher für etwa 400 Betriebe und soll nun ausgeweitet werden.
