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„Putinismus“ erfasst die USA„Trump von Jesus auserwählt“ – US-Militärs rufen intern zum Religionskrieg

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Kremlchef Wladimir Putin zusammen mit Donald Trump im August 2025 in Alaska. Erfasst der „Putinismus“ nun auch die US-Regierung und die amerikanischen Streitkräfte? (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin zusammen mit Donald Trump im August 2025 in Alaska. Erfasst der „Putinismus“ nun auch die US-Regierung und die amerikanischen Streitkräfte? (Archivbild)

Innerhalb der US-Armee werden offenbar radikal-christliche Töne angeschlagen. Auch andere Worte klingen wie aus Russland. 

Die USA setzen ihren gemeinsam mit Israel geführten Krieg gegen den Iran fort – trotz weiter bestehender Unklarheit über den eigentlichen Grund des Angriffs. Mal heißt es aus Washington, es solle verhindert werden, dass der Iran Atomwaffen entwickelt. Dann war von einem „Verteidigungskrieg“ die Rede, so erklärte es zumindest US-Außenminister Marco Rubio zuletzt.

Der US-Senator Lindsey Graham sprach unterdessen bereits Mitte Januar und somit weit vor den jüngsten Angriffswellen von einem „Religionskrieg“, der den „Lauf der Dinge im Nahen Osten für tausend Jahre bestimmen“ werde. Befinden sich die USA nun also in einem „Heiligen Krieg“ gegen den Iran?

Zahlreiche Beschwerden über christliche Rhetorik bei der US-Armee

Zumindest Teile des US-Militärs scheinen das so zu sehen, darauf deuten jetzt die Angaben der Military Religious Freedom Foundation, einer gemeinnützigen Organisation in den USA, hin. Seit Kriegsbeginn seien mehr als 200 Beschwerden von US-Soldaten an rund 50 Militärstützpunkten eingegangen, berichtete der Gründer der Organisation, Mikey Weinstein.

Laut den Beschwerden haben US-Militärkommandeure extremistische christliche Rhetorik bei internen Ansprachen zur Rechtfertigung des Kriegs genutzt. „Heute Morgen eröffnete unser Kommandeur die Lagebesprechung zur Kampfbereitschaft mit der Aufforderung, angesichts der aktuellen Lage unserer Kampfeinsätze im Iran keine Angst zu haben“, heißt es in einer der eingegangenen Beschwerden demnach.

US-Kommandeur: Donald Trump „von Jesus auserwählt“

„Er forderte uns auf, unseren Truppen zu sagen, dies sei alles Teil von Gottes Plan, und bezog sich dabei ausdrücklich auf zahlreiche Stellen aus der Offenbarung des Johannes, die sich auf Armageddon und die bevorstehende Wiederkunft Jesu Christi beziehen“, beschrieb der Beschwerdeführer weiter die interne Lagebesprechung.

Der Kommandeur habe zudem behauptet, US-Präsident Donald Trump „sei von Jesus auserwählt worden, im Iran das Signalfeuer zu entzünden, um Armageddon herbeizuführen und seine Rückkehr auf die Erde zu markieren“.

„Es ist religiöser Extremismus und es ist falsch“

Bei der Military Religious Freedom Foundation, die über die Beschwerden berichtet, herrscht Entsetzen angesichts derartiger Schilderungen. Die Kommandeure könnten damit zudem gegen das Militärstrafrecht verstoßen haben, erklärte Gründer Weinstein dem US-Magazin „Newsweek“ und forderte entsprechende strafrechtliche Konsequenzen innerhalb der US-Streitkräfte. 

„Das ist ein gefundenes Fressen für Al-Qaida, den IS und Boko Haram“, sagte Weinstein. „Und es schürt ganz sicher die Leidenschaften aller Iraner. Es ist religiöser Extremismus und es ist falsch.“ Verantwortlich für derartige Auswüchse innerhalb des US-Militärs sei Verteidigungsminister Pete Hegseth, führte Weinstein weiter aus.

Steckt Hegseth hinter dem „christlich-nationalistischen Triumphalismus“?

„Das ist entsetzlicher, abscheulicher, widerwärtiger, stinkender christlich-nationalistischer Triumphalismus, Brutalität, Tyrannei, Vorurteile, Hass und Fanatismus“, führte Weinstein aus. „Und ich bin noch nicht fertig: Es zerstört das, was das Militär zusammenhält“, fügte der ehemalige Luftwaffenoffizier hinzu.

US-Verteidigungsminister Pete Hegseth. (Archivbild)

US-Verteidigungsminister Pete Hegseth. (Archivbild)

Hegseth, der von der US-Regierung unter Präsident Trump als „Kriegsminister“ bezeichnet wird, hat sich immer wieder radikaler christlicher Rhetorik bedient. Er befürwortete zudem in der Vergangenheit die Doktrin der „Sphärensouveränität“, eine Weltanschauung, die auf den extremistischen Überzeugungen des christlichen Rekonstruktionismus basiert und die Todesstrafe für Homosexualität sowie streng patriarchalische Familien und Kirchen fordert.

US-Kriegsminister teilt christlich-nationalistische Ansichten

Im August 2025 teilte Hegseth zudem einen CNN-Beitrag auf der Plattform X, der sich mit Pastor Doug Wilson befasste, einem christlichen Nationalisten und Mitbegründer der in Idaho ansässigen Communion of Reformed Evangelical Churches (CREC).

In dem Beitrag äußerte Wilson die Ansicht, dass Frauen seiner Meinung nach keine Führungspositionen im Militär bekleiden oder hochrangige Kampfeinsätze übernehmen sollten. „Ich wünsche mir, dass diese Nation eine christliche Nation wird, und ich wünsche mir, dass diese Welt eine christliche Welt wird“, sagte Wilson, in dem Beitrag, den Hegseth schließlich weiterverbreitete. 

Erzbischof von Chicago kritisiert Trump-Regierung

Während die Trump-Regierung und offenbar auch einige Kommandeure innerhalb der US-Armee auf christlichen Fundamentalismus zu setzen scheinen, gibt es für den Krieg gegen den Iran deutlichen Gegenwind aus der katholischen Kirche in den USA.

In einem am Donnerstag veröffentlichten Interview des Portals Vatican News erinnerte der Erzbischof von Chicago, Kardinal Blase Cupich, etwa daran, dass die Angriffe im Iran schon etwa tausend Tote gefordert hätten. Wenn man beginne, den Einsatz von Waffen als Lösungsweg für Probleme zu sehen, gerate man auf eine Bahn, von der eine Umkehr nur noch sehr schwer möglich sei, mahnte Cupich und äußerte scharfe Kritik an der unklaren Kriegsbegründung der US-Regierung.

„So wie ich es verstehe, gab es keine unmittelbare Bedrohung“

„So wie ich es verstehe, gab es keine unmittelbare Bedrohung“, kritisierte der Kardinal. „Wenn das Prinzip der Souveränität eines Staates nicht mehr geachtet wird, können wir jede Entschuldigung erfinden, um einen Krieg zu beginnen“, fügte Cupich hinzu. Damit werde ein internationaler Konsens aufgegeben, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geherrscht habe.

Blase Cupich, Erzbischof von Chicago, kritisiert die US-Regierung. (Archivbild)

Blase Cupich, Erzbischof von Chicago, kritisiert die US-Regierung. (Archivbild)

Die religiösen Begründungen, die offenbar bei der US-Armee und einigen Republikanern kursieren, bringen US-Präsident Trump zudem immer mehr Vergleiche mit dem russischen Machthaber Wladimir Putin ein. Auch der Kremlchef sprach mit Blick auf die Invasion in der Ukraine bereits von einem „heiligen Kampf“ und sieht seine Soldaten auf einer göttlichen Mission.

Ist der „Putinismus“ bei den Republikanern angekommen?

Die unklare Begründung für den Angriff passt dabei ebenfalls ins Bild. Der „Putinismus“ sei bei den Republikanern „angekommen“, kommentierte etwa der Russland-Experte und Historiker Matthäus Wehowski die jüngsten Aussagen des republikanischen Senators Tim Sheehy auf der Plattform X.

„Wir haben diesen Krieg nicht angefangen, aber wir werden ihn beenden“, hatte der US-Politiker zuvor behauptet. Auch derartige Sätze sind aus Moskau regelmäßig zu hören – in beiden Fällen sprechen die Fakten eine andere Sprache. Weder hat die Ukraine Russland angegriffen, noch der Iran die USA.

Trump-Lager spricht nicht von „Krieg“: Nur eine „Spezialoperation“?

Einigkeit scheint im Trump-Lager aber auch in dieser Frage nicht zu herrschen. Während Sheehy leugnet, dass die USA den Krieg begonnen haben, bestreiten andere Republikaner wie Senator Markwayne Mullin, dass es sich überhaupt um einen „Krieg“ handelt. „Das ist kein Krieg. Wir haben keinen Krieg erklärt“, sagte Mullin in dieser Woche gegenüber dem Sender CNN.

„Wir befinden uns nicht im Krieg mit dem Iran. Wir stellen lediglich sicher, dass er nicht mehr in der Lage ist, uns zu schaden“, fügte er hinzu. Ähnlich äußerte sich die glühende Trump-Unterstützerin und Kongressabgeordnete Anna Paulina Luna. Es handele sich nicht um einen „Krieg“, sondern um „gezielte, strategische Militärschläge“. 

„Die Republikaner sagen, es handele sich um eine gezielte, begrenzte Kampfoperation, nicht um einen Krieg mit dem Iran“, fasste das US-Medium „The Hill“ die Debatte schließlich zusammen – und weckte damit die nächste Erinnerung an Russland. Dort darf der Krieg gegen die Ukraine weiterhin nicht als Krieg bezeichnet werden. „Militärische Spezialoperation“ lautet die Sprachregelung des Kremls.