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„Für viele ist das Maß jetzt voll“Wohlleben mahnt zu Konsequenzen aus Waldbränden

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Peter Wohlleben, Förster und Bestsellerautor

Peter Wohlleben, Förster und Bestsellerautor

Was Deutschlands bekanntester Förster Peter Wohlleben zu den brennenden Wäldern in der Eifel  sagt - und was er pol.

Nach so einem „katastrophalen Sommer“ wird ein Umdenken einsetzen. Davon ist Peter Wohlleben überzeugt. Deutschlands Promi-Förster, der sich seit vielen Jahren mit seiner Waldakademie in Wershofen in der Eifel für einen anderen Umgang mit den heimischen Wäldern einsetzt, sind die Brände im Hürtgenwald und im Hohen Venn so etwas wie ein Weckruf. „Das ist auch für mich eine neue Erfahrung. Die Waldbrände waren bisher immer in den östlichen Bundesländern, in Brandenburg oder in Kanada noch viel weiter weg. Das fand man alles schrecklich und hat das aus der Ferne gesehen. Jetzt hatten wir den Rauch und den Brandgeruch. Wir sind dadurch nach Holland in die Ferien gefahren. Das will man nicht mehr erleben. Für viele Menschen ist das Maß jetzt voll.“

Wohllebens Waldstrategie sieht anders aus. „Unser Problem sind nicht die Wälder, sondern austrocknende Landschaften“, sagt er. „Aber leider setzt die Forstwirtschaft immer noch auf nicht heimische Nadelbäume. Und die brennen halt sehr gut. Wie die Douglasie. Der Forst kommt von der Nadelholzdroge nicht weg.“

Dass das ein Irrweg ist, hätte man schon viel früher erkennen können. „Ich habe die Fichten in meinem Wald vor 25 Jahren auch mit Buchen und mit staatlicher Unterstützung unterpflanzt. Der Waldumbau hat noch nie funktioniert.“ Die Forstwirtschaft habe das leider erst 2017 erkannt. „Das war viel zu spät. Wir werden sehen, dass der Großteil der Fichtenwälder in den nächsten 15 Jahren verschwindet, durch Dürre und Waldbrände. Auf uns kommt eine riesige Holzlücke zu.“ Das sei auch deshalb so problematisch, weil nicht nur das Holz knapp werde, sondern sich die kahlen Flächen im Sommer bis zu 60 Grad aufheizen können und die Landschaften weiter austrocknen.“ Jetzt müsse eine Kehrtwende her.

„Auf Kalamitätsflächen wie sie jetzt im Hürtgenwald durch den Brand entstanden, sollte man einfach mal drei bis fünf Jahre abwarten. Wir haben doch in Deutschland mit Waldbränden schon Erfahrungen. Schon nach einem Jahr wird man sehen, wie schnell sie sich erholen und ein neues Waldklima schaffen“, sagt Wohlleben. „Die Zitterpappel kommt schnell und schafft ein neues Waldklima. In der Regel folgen dann andere Laubbäume, die sich selbst ansamen. Wo das nicht funktioniert, kann man dann immer noch eingreifen.“

Ein belgischer Hubschrauber fliegt über dem Hohen Venn bei Kalterherberg.

Ein belgischer Hubschrauber fliegt über dem Hohen Venn bei Kalterherberg.

Vor zehn Jahren stand Wohlleben mit dieser Art der Walderneuerung ziemlich allein da. Inzwischen findet sie immer mehr Anerkennung. In Eberswalde in Brandenburg gibt es mittlerweile sogar einen Studiengang für sozialökonomisches Waldmanagement, dessen erste Absolventen in Kürze fertig werden. „Wenn wir die Wälder sich selbst überlassen, brauchen wir auch keine Subventionen mehr. Waldbauern, die so risikoreich wirtschaften und zu lange auf Nadelhölzer gesetzt haben, sollten das in Zukunft auf eigenes Risiko tun.“ Ein sich selbst entwickelnder Wald koste nichts.

Wir müssen von den reinen Nadelholzbeständen weg hin zu Mischwäldern
Peter Wohlleben

„Ich bin nicht gegen Holznutzung, sondern nur dagegen, natürliche Prozesse zu unterbrechen“, sagt Wohlleben. Das sieht Christian Haase, Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates völlig anders. Aus seiner Sicht ist der Waldumbau weg von Monokulturen hin zu Mischwäldern unumgänglich. Es brauche verstärkte Vorsorge, sagte Haase im Deutschlandfunk. „Und das heißt für uns als Waldbesitzende: Waldumbau, Waldumbau, Waldumbau. Wir müssen von den reinen Nadelholzbeständen weg hin zu Mischwäldern.“ Dass es jetzt auch in eher „nassen Gebieten“ solche Ausbrüche gebe, zeige deutlich, wie der Klimawandel voranschreite. Der Waldumbau laufe seit Jahren. „Das wird sicherlich noch ein Jahrzehnt dauern“, sagte Haase, der auch CDU-Bundestagsabgeordneter ist. Aus vitalen Wäldern könnten nicht einfach riesige Kahlflächen gemacht werden.

„Man ist überall dabei, Jungpflanzen zu setzen.“ Geschehe das zur falschen Zeit, stürben diese wieder ab. „Das sind Prozesse, die eine ganze Zeit lang brauchen, und wir müssen sie schneller angehen.“ „Was wir derzeit erleben, ist ein deutliches Warnsignal. Daher müssen wir jetzt aus dieser Katastrophe lernen und die Waldbrandvorsorge entschlossen vorantreiben“, sagte Johannes Zahnen, Waldexperte beim WWF Deutschland. „Beim Waldumbau muss Deutschland den Turbo anschmeißen.“ Zwar habe der Umbau hin zu naturnahen Mischwäldern vielerorts begonnen, doch Waldbewirtschaftung und Interessen der Forst- und Holzindustrie erschwerten die Transformation. „Deutschland braucht deshalb endlich ein modernes Bundeswaldgesetz, das den Herausforderungen der Klimakrise und des Artensterbens gerecht wird“, so Zahnen.

Mehr Tempo bei der Wiederherstellung entwässerter Moore, Wälder und Auen fordert der Landesverband NRW des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) als Konsequenz der Brände im Hürtgenwald und im Hohen Venn. „In intakten Mooren kann der Torf nicht brennen, in naturnahen Waldökosystemen ist die Brandgefahr geringer als in Aufforstungen“, sagt Holger Sticht, NRW-Vorsitzender des BUND. „Die aktuellen Ereignisse machen auf traurige Weise einmal mehr deutlich, dass wir nicht nur aus Gründen des Klima- und Naturschutzes Ökosysteme im großen Stil wiederherstellen müssen, sondern auch um Gefahren für die Bevölkerung durch Feuer oder Hochwasser abzuwenden.“

Bis ins 20. Jahrhundert hinein seien in NRW und angrenzenden Ländern Moore zugunsten der Land- und Forstwirtschaft trockengelegt worden. Auch im Hohen Venn sei bis heute erst ein kleinerer Teil der Hochmoorlandschaft renaturiert worden. Das werde angesichts zunehmender Trockenperioden zum Problem, weil entwässerte und ausgetrocknete Moorbereiche besonders anfällig für Brände sind.

Die Wiedervernässung von Mooren und die Renaturierung von Auen sind nach Angaben des BUND nicht nur für den Brandschutz von Vorteil. Sie stärken auch den natürlichen Wasserrückhalt der Landschaft. Bei der Hochwasserkatastrophe in der Eifel und an der Ahr vor fünf Jahren sei das deutlich geworden. Trockengelegte und zum Teil versiegelte Böden konnten die enormen Wassermengen nicht mehr aufnehmen und damit das Hochwasser in den Bächen und Flüssen auch nicht abmildern. Der Bund und das Land müssten die Förderprogramme zur Renaturierung von Mooren, Sumpfwäldern und Auen dauerhaft sichern und mit mehr Geld ausstatten, so Sticht. Wie man das erfolgreich umsetzt, habe der Umweltverband mit der Wiedervernässung von Mooren auf einer Fläche von rund 160 Hektar an der Bergischen Heidetrasse zwischen Düsseldorf und Siegburg bereits bewiesen. (mit dpa)