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Fünf Jahre nach der Flut
Die Nacht, als der Dauerregen in Blankenheim die Ahr entfesselte

9 min
Blick auf eine Straße in Ahrdorf kurz nach Flut. Auf der Straße steht noch schlammiges Wasser. Die Anwohner haben ihr zerstörtes Mobiliar nach draußen geräumt.

Chaos herrschte nach dem Hochwasser in Ahrdorf: Wohnhäuser wurden durch die Flut teilweise unbewohnbar.

Die Gemeinde Blankenheim wurde von der Flutkatastrophe 2021 zwar nicht so hart getroffen wie die Orte flussabwärts im Ahrtal, doch auch hier gab es Leid und Zerstörung.

Auch in der Gemeinde, in der die Ahr unter einem Wohnhaus als schmales Rinnsal entspringt, hat der Eifelfluss Schäden verursacht. Und auch in der Gemeinde Blankenheim gab es einen Todesfall durch das Hochwasser. Wenige hundert Meter jenseits der Gemeinde- und Landesgrenze aber spitzte sich die Hochwasserlage in der Nacht zum 15. Juli 2021 dann dramatisch zu.

Wer heute nach Spuren der Flutkatastrophe vor fünf Jahren in der Gemeinde Blankenheim sucht, der findet am jeweiligen Ende des Gemeindegebietes zwei Gedenkstelen. Zum einen bei Blankenheimerdorf den Gedenkort für die 49 Todesopfer, die die Katastrophe in Nordrhein-Westfalen gefordert hat: die angepflanzte Baumallee des Erinnerns. Zum anderen ein grob behauener Felsklotz oberhalb einer von der Ahr in der Flutnacht weggerissenen Brücke unweit des Campingplatzes Stahlhütte, knapp eineinhalb Kilometer von Ahrdorf und der Landesgrenze zu NRW entfernt.

Auf dem Campingplatz bei Stahlhütte kommen sieben Menschen ums Leben

Hier offenbarte das Hochwasser der Ahr in der Nacht zum 15. Juli erstmalig seine vernichtende Gewalt, die flussabwärts bis zur Mündung in den Rhein 135 Todesopfer und Hunderte von Verletzten forderte und entsetzliche Zerstörungen anrichtete.

Mario Frings gehört der Campingplatz „Fringsmühle“ in Ahrdorf und das Gelände bei Stahlhütte. Er wird die Flutnacht wie so viele andere nie vergessen. Wenige Meter von seinem Campingplatz Stahlhütte entfernt starben in jener Nacht sechs Menschen. Sie wurden zum Teil in ihren Campingwagen eingeschlossen von den Wassermassen. Die Ahr riss Campingwagen, Treibgut und Müll mit sich bis zu einer Brücke. Dort verkeilte sich alles, bis der Druck das Bauwerk wegriss. Eine junge Feuerwehrfrau im Rettungseinsatz war das siebte Todesopfer.

Auf dem Grundstück liegen Trümmer verteilt. Im Hintergrund fließt die Ahr.

Blick auf das Gelände am Campingplaz Stahlhütte, in etwa in Höhe der von der Ahr weggerissen Brücke, an der sich in der Flutnacht Campingwagen verkeilt hatten. An dieser Stelle verloren sieben Menschen ihr Leben.

Häuser, die in Ahrhütte von der Flut getroffen wurden. Eines davon ist stark beschädigt.

In Ahrhütte war die Umgebung des Bürgerhauses besonders betroffen

Am Morgen danach stand Mario Frings fassungslos am Rand dessen, was einmal sein „Campingplatz Stahlhütte“ gewesen war. Wie eine Walze hatten die Wassermassen alles mit sich gerissen. Frings hat den Platz nicht mehr geöffnet. Das Areal am Ahrufer ist in den vergangenen fünf Jahren zugewuchert. Bogenlampen, die einmal die Stellplätze ausleuchteten, stehen noch, auch ein Sanitär- und Umkleidegebäude. Das Verwaltungsgebäude mit Restaurant an der Platzzufahrt von der B258 ist verrammelt und verwaist.

Den Campingplatz „Fringsmühle“ in Ahrdorf allerdings hat Frings schon vor Jahren neu eröffnet. Das Gelände an der jetzt friedlich dahinfließenden Ahr ist in diesem Sommer gut gebucht. Frings musste allerdings Evakuierungspläne für den Hochwasserfall vorlegen und genehmigen lassen. Er habe für sich das Ganze abgeschlossen, meint er nur knapp auf Anfrage. Und blickt nach vorne.

In Rohr kommt eine Frau ums Leben, die im Keller vom Wasser überrascht wird

Doch nicht nur jenseits der Gemeindegrenzen kostete die Katastrophe Menschen das Leben: Im Ortsteil Rohr starb eine Frau, die von Wassermassen, die möglicherweise von Tondorf aus bergab durch den Armuthsbach in tiefer gelegene Teile von Rohr schossen, in ihrem Hauskeller eingeschlossen war. Das Wasser hatte ihr den Fluchtweg durch die Kellertür versperrt.

Auch daran erinnern Blankenheims Bürgermeisterin Jennifer Meuren und Fachbereichsleiterin Maria Nelles beim Rückblick auf das, was damals rund um und in Blankenheim geschah. Sachschäden in Höhe von rund 17,8 Millionen Euro liefen auf, deren Beseitigung über den Wiederaufbaufonds des Landes bezahlt werden.

Auf einer Fläche türmt sich der Flutmüll, der mit Lastwagen angeliefert wird. Ein Kleinbagger räumt Schutt zusammen.

Am Rand des Campingplatzes „Fringsmühle“ in Ahrdorf wurde nach der Flut ein riesiger Müllsammelplatz eingerichtet worden.

Ein Mann und eine Frau stehen im Schlamm und räumen zerstörte Untensilien aus dem Haus.

Ausräumen, was die Flut zerstört hat: Blick ins Haus einer Familie in Ahrdorf.

Am schlimmsten betroffen war Ahrdorf, wo mehr als ein Dutzend Wohnhäuser beschädigt wurde. Teilweise waren sie nicht mehr bewohnbar. Hier hatten neben dem Wasser, das von den Höhen der nördlichen Ahrtalseite über die dann unpassierbar gewordene Bundesstraße und die Brücke nach Ahrdorf hineinfloss, das Hochwasser der Ahr selbst, vor allem aber auch der stark angeschwollene Abach, ein Ahrzulauf von Ahütte kommend, verheerende Auswirkungen.

Am schlimmsten wurde eine Häusergruppe unmittelbar an der Ahr getroffen. Die Eigentümer hatten zum Teil gerade neu gebaut oder die Heizung ausgetauscht.

Von der Feuerwehr aus dem Wasser gerettet

Die Eheleute Roswitha und Theo Wirtz sitzen am Küchentisch ihres Hauses, das sie im Herbst 2023 beziehen konnten. Ein Neubau, denn das alte Fachwerkhaus wurde vom Hochwasser zerstört. „Hier war alles weg. Das Wasser stand 1,60 Meter hoch“, so Theo Wirtz. Das Ehepaar musste am späten Nachmittag des 14. Juli von der Feuerwehr gerettet werden, ihr Grundstück war vom Wasser eingeschlossen. „Das war um 17.20 Uhr. Was danach geschah, da fehlen mir ein paar Stunden Erinnerung. Bis heute“, so Roswitha Wirtz zu der traumatischen Erfahrung des Verlusts von Hab und Gut.

Eineinhalb Jahre lang lebten Roswitha und Theo Wirtz dann in einem kleinen Pensionszimmer in Ahrdorf. In der Zwischenzeit entstand an alter Stelle der Neubau. Die Versicherung habe immerhin 90 Prozent der Kosten bezahlt, so Theo Wirtz. Sie hätten in ein Häuschen im Ahrdorfer Feriendorf umziehen können, doch der Sohn wohne ja nach wie vor gleich nebenan. Da blieben sie ebenfalls hier.

Der Campingplatzbesitzer blickt auf das verwüstete Grundstück.

Campingplatzbesitzer Mario Frings blickte fassungslos auf das, was die Ahr von dem Gelände übriggelassen hat.

Die Eheleute Wirtz stehen mit ihrem Hund an einem großen Basaltblock. Im Hintergrund ist das neu errichtete Haus zu sehen.

Roswitha und Theo Wirtz vor ihrem neuen Haus in Ahrdorf. „Den Basaltblock haben wir uns nachher gekauft, der erinnert uns an die Flut“, sagt Roswitha Wirtz.

„Dass wir so was mal erleben würden! Dass die Ahr mal Hochwasser hat, das gab es immer. Aber so was…“ Roswitha Wirtz wirkt im Rückblick immer noch erschrocken. Dann drängt es sie, der Redaktion noch etwas mit auf den Weg zu geben: „Ich möchte einfach danke schön sagen an alle, die uns geholfen haben und die für uns da waren!“

In Ahrdorf wurde zudem das Bürgerhaus überschwemmt. Ein schmales, langes Betonfundament ist gerade davor sowie an der Brücke frisch gegossen worden, mit einer Führungsschiene aus Stahl in der Mitte. Darin wird künftig eine nagelneue mobile Hochwasserschutzwand stehen. Seit 2022 veranstalten die Ahrdorfer zum Jahrestag der Flut, die ihr Dorf so in Mitleidenschaft gezogen hat, am Bürgerhaus eine Gedenkfeier.

Die Lommersdorfer Mühle war schutzlos dem Wasser ausgesetzt

Auch weiter aufwärts hinterließ die Ahr ihre Spuren in der Katastrophennacht. In Höhe von Neuhof wurde der an einem Hang verlaufende Wald- und Wirtschaftsweg nach Lommersdorf unterspült und brach auf eine Länge von gut zehn Metren ab. Ein massives Hochwasserschutzgitter und Wasserbausteine mussten am Bach, der an der B258 in Neuhof in die Ahr mündet, verbaut werden.

Wenige Kilometer weiter war die Lommersdorfer Mühle den Wassermassen schutzlos ausgesetzt. „Alle Tore wurden rausgerissen, eine Brücke weggerissen, und ein Gebäude musste abgerissen werden“, so Annegret Dreimüller, der die Mühle gehört. Danach habe sie („Aus welchen Gründen auch immer“) gleich zwei Gutachten für die Auszahlung von Mitteln aus dem Wiederaufbaufonds erstellen müssen. Doch das Geld kam. Den Cafébetrieb ihrer Mühle hat sie nicht mehr aufgenommen, aber die Vermietung von Ferienwohnungen. „Das läuft gut. Wir habe auch Gäste, die zu uns aus Solidarität mit den Flutopfern an der Ahr kommen“, so Dreimüller.

Der Baggerfahrer zeigt auf einen Wasserbaustein an einem Bachlauf.

Thomas Hansen an einem großen Wasserbaustein nahe Neuhof. An die 3000 Stunden hat er mit seinem Bagger bisher an den Gewässern im Gemeindegebiet Hochwasserschäden beseitigt.

Der Ortsvorsteher weist auf das Bett des Abachs.

Ralf Ruland, Ortsvorsteher von Ahrdorf, am Durchlass für den Abach. Der Ahr-Zulauf hatte in der Flutnacht neben der Ahr selbst die unteren Ortsteile unter Wasser gesetzt.

Wie bei ihr hatte es nach der Flutnacht auch andernorts im Gemeindegebiet nicht an Hilfe gemangelt. Die Helfer kamen am Wochenende nach der Flutnacht, oft spontan, viele waren Unbekannte. Ein Anbieter von Spezialkränen, die ein Unternehmen im Blankenheimer Gewerbegebiet nach Angaben von Maria Nelles nicht in seinem Fuhrpark hat, bot seine Hilfe an. Ebenfalls ein Privatmann mit seinem Bagger.

Doch der, der seit dem 14. Juli mit seinem Bagger vor allem vor Ort war, ist Thomas Hansen aus Schloßthal bei Dollendorf. „Die Feuerwehr rief am 14. Juli um 16 Uhr an. Da ging es um Menschenrettung in Ahrhütte und Ahrdorf“, so Hansen. Auch in Ahrhütte hatte sich die Lage ja zugespitzt: Eine Frau kämpfte in der tosenden Ahr ums Überleben. Sie wurde von der Feuerwehr gerettet, so Maria Nelles.

Mehr als 3000 Stunden an den Gewässern im Gemeindegebiet gebaggert

„Mehr als 3000 Stunden war ich seitdem für die Gemeinde im Einsatz“, schätzt Thomas Hansen. Er habe so gut wie an allen Gewässern im Gemeindegebiet aufgeräumt, Wassersteine verlegt, Bachläufe ausgeweitet und anderes mehr. Was zu tun war, hatte eine Gewässerschau eines beauftragten Dienstleisters ergeben. Und die Arbeit sei ja noch nicht getan.

Was so alles anfiel, hat die Verwaltung zusammengestellt. In Ahrhütte wurde die Ahrbrücke am Bürgerhaus ausgebessert, unterhalb von Ripsdorf musste die Schaafbachbrücke erneuert werden, was allein schon 450.000 Euro kostete. Eine private Baumaßnahme war die Erneuerung der Brücke an der B258 hoch zum Vellerhof.

Die Eifalia-Besitzerin und ihre Helfer während der Aufräumarbeiten nach der Flut.

Eifalia-Besitzerin Ulla Große Meininghaus fand in Ahrhütte unverhofft Helfer: Freizeitradler des „Fair Play“-Tour Teams von Herbert Ehlen (zweiter von rechts) packten mit an und räumten auf.

In Höhe des „Forellenhofs“ hatte das Wasser eines bis dahin unbekannten Zulauf zur Ahr von einer Hangwiese den Asphalt unterspült. In das klaffende Loch stürzte ein Pkw, der Fahrer kam offenbar mit dem Schrecken davon. Es gab einen Murenabgang am Mülheimer Bach unterhalb von Mülheim.

Der Mühlenbach, von Lommersdorf herabfließend, überflutete bei Ahrhütte den Kreisverkehr, weshalb der in diesem Jahr hier neu gebaute Verbrauchermarkt ein komplexes Hochwasserschutzsystem hat. In Lommersdorf selbst wurde das Bürgerhaus überflutet. Hier entstand ein Schaden in Höhe von 1,3 Millionen Euro. Die Wiedereröffnung fand vor wenigen Wochen statt.

In der Flutnacht und den Wochen danach hatte die Verwaltung eine 24/7-Telefon-Hotline besetzt, die allerdings weniger von Bürgern der Gemeinde Blankenheim denn von denen aus stärker betroffenen Nachbargemeinden genutzt wurde, so Maria Nelles: „Denn dort waren die Verwaltungen teilweise nicht mehr erreichbar.“ Mitarbeitende aus dem Rathaus waren in den Wochen nach der Katastrophe vor allem vor Ort, klopften an Haustüren, erkundigten sich, ob Hilfe benötigt werde. Probleme bei der Auszahlung von Wiederaufbaugeldern habe es ihres Wissens jedenfalls nicht gegeben, so Nelles.

Ein Hilferuf war aber doch anders als andere. „Wir haben in wenigen Stunden eine Notwasserleitung von Lindweiler nach Hümmel verlegt“, so Nelles. Der damalige Leiter der Wasserwerke Blankenheim, Alfred Huth, scherte sich in der Notlage wenig um bürokratische Fragen und kommunale Grenzen. Es ging um Hilfe, so schnell wie möglich.


Die Hochwasserpartnerschaft Ahr

Am 7. September 2023 wurde die interkommunale „Hochwasserpartnerschaft Ahr“ gegründet. Ziel ist der Bau von 17 neuen Hochwasserrückhaltebecken. Drei davon sind im Gemeindegebiet von Blankenheim geplant: am Abach oberhalb von Ahrdorf, vor Ahrhütte und zwischen Ahrhütte und Ahrdorf. Dem Zusammenschluss gehören die rheinland-pfälzischen Landkreise Ahrweiler und Vulkaneifel sowie die Verbandsgemeinden Adenau, Altenahr und Gerolstein an. Auf NRW-Seite sind es der Kreis Euskirchen, die Stadt Bad Münstereifel und die Gemeinde Blankenheim.

Für fünf Ortsteile im Gemeindegebiet sind Hochwasserschutzkonzepte geplant. Für Alendorf etwa sollen mobile Schutzmodule angeschafft werden. Die Machbarkeitsstudie ist fertig. Für Lommersdorf, Rohr, Ahrdorf und Ahrhütte sind sie in Planung.


Der Wiederaufbau in Blankenheim

Aus dem Wiederaufbaufonds erhält die Gemeinde Blankenheim derzeit 17,8 Millionen Euro. Dazu kommen rund 700.000 Euro, die für Müllentsorgung bezahlt wurden. Neben öffentlichen Geldern gab es auch Spenden für die Flutopfer. So sammelten Schüler und Bürger der Partnergemeinde Lichtenau 25.500 Euro.

Die an öffentlichen Gebäuden entstandenen Schäden belaufen sich auf rund zehn Millionen Euro. Unter anderem mussten die Kläranlagen in Ahrhütte, Ahrdorf, Freilingen, Reetz und Blankenheim saniert werden. „Das waren jeweils zwischen 380.000 und 450.000 Euro“, so Maria Nelles.

Für die Sanierung und Erneuerung von Brücken wurden 2,3 Millionen Euro beantragt, von denen bisher 1,2 Millionen investiert worden sind. 5 Millionen Euro (2,6 Millionen sind bereits investiert) fallen für die Sanierung von Wirtschaftswegen an, 7 Millionen Euro (4,6 Millionen bereits investiert) für die Schäden an den Gewässern.