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Interview

Kölner Experte
„Dass Multiple Sklerose heilbar ist, werde ich wohl noch erleben“

4 min
Kranke Nervenzellen. Weiterer Text über ots und www.presseportal.de/nr/21085 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/BPI Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie/Quelle: Shutterstock/Ralwel" Foto: Quelle: Shutterstock/Ralwel/BPI Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie/obs

Bei MS-Erkrankten greift das Immunsystem fälschlicherweise das zentrale Nervensystem an. Dabei wird die schützende Myelinschicht der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark beschädigt. Dies führt zu Vernarbungen, die die Weiterleitung von Nervenimpulsen blockieren.

Die Diagnose Multiple Sklerose bedeutete lange einen Bruch im Leben. Warum Volker Limmroth seinen Patienten heute sagen kann: Leben Sie Ihr Leben weiter!

Die Multiple Sklerose galt lange als Schreckensszenario – unheilbar, fortschreitend, oft bis zu einem Leben im Rollstuhl. Professor Dr. Volker Limmroth von den Kliniken der Stadt Köln behandelt seit 35 Jahren MS-Patienten. Im Gespräch erklärt er, warum die Diagnose heute ihren Schrecken verloren hat – und warum das Internet vielen Patienten mehr Angst macht als die Krankheit selbst.

Herr Professor Limmroth, was hat sich in der MS-Forschung in den letzten Jahren grundlegend verändert?

Volker Limmroth: Das Wichtigste ist: Wir haben den Entstehungsmechanismus viel besser verstanden, insbesondere welche Rolle das Epstein-Barr-Virus spielt. Eine Infektion vergrößert das Risiko an MS zu erkranken, um das 32-fache. Das verändert unsere gesamte Therapiestrategie. Früher haben wir Multiple Sklerose wie Rheumatologen behandelt: vorsichtig anfangen, mit schwächeren Mitteln, und wenn die nicht helfen, immer stärker werden. Das haben wir jahrzehntelang so gemacht. Aber das funktioniert bei der MS nicht gut.

Und heute?

Heute wissen wir: Je früher wir maximal behandeln, desto besser. Das ist ein völliger Paradigmenwechsel. Wir fahren jetzt oft von Anfang an die schwersten Geschütze auf, die wir haben. Das ist in etwa so wie in der Onkologie. Ziel ist, die Entzündung so komplett runterzufahren, dass nichts davon in die Zukunft getragen wird. Das funktioniert mit modernen Medikamenten sehr gut. Viele unserer Patienten führen heute ein völlig normales Leben.

Volker Limmroth im Porträt

Volker Limmroth ist Chefarzt für Neurologie und Palliativmedizin am Klinikum Köln-Merheim. Er sagt: „Fast alle unsere Patienten führen heute ein völlig normales Leben.“

Um schnell behandeln zu können, muss man auch früh diagnostizieren. Da tappte man früher ja Zeitweise lange im Dunkeln.

Auch hier gibt es tatsächlich gute Nachrichten. Die neuen McDonald-Kriterien, benannt nach einem neuseeländischen Neurologen, erlauben es uns, die Diagnose viel früher zu stellen. Und noch wichtiger: Wir können jetzt auch zunehmend Biomarker aus dem Blut nutzen, um MS zu erkennen. Das war vor kurzem noch völlig undenkbar. Man hat immer die Nervenwasseruntersuchung gebraucht, das ist natürlich weit aufwändiger.

Ist unter diesen Umständen gar ein Screening absehbar – quasi als Vorsorgeuntersuchung?

Wenn die Blutmarker validiert sind, könnten wir theoretisch Reihenuntersuchungen machen, ja. Ich würde da nicht die ganze Bevölkerung screenen, dafür ist MS dann doch zu selten. Aber zumindest könnte man alle Angehörigen einer Familie untersuchen, in der MS-Fälle und andere Autoimmunerkrankungen auftreten.

Welchen Vorteil hätte das?

Wenn wir die früh genug behandeln, können wir wahrscheinlich verhindern, dass überhaupt Symptome auftreten. Das sehen wir heute schon bei Patienten mit radiologisch isoliertem Syndrom. Das bedeutet: Wir sehen da kleine Flecken im MRT, aber die Person hat noch keinerlei Symptome. Auch hier gelingt es uns, dass die klinische Phase erst gar nicht beginnt.

Es heißt, auch Umweltfaktoren wie unzureichend viel Sonnenlicht könnten eine Rolle spielen.

Inzwischen gibt es dazu sehr gute Studien: Patienten mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln sprechen auf viele MS-Medikamente viel schlechter an. Den Effekt sehen wir übrigens auch bei anderen Medikamenten. Natürlich ist zu viel Sonne problematisch. Aber die Erzählung, dass jeder Sonnenstrahl schädlich ist, stimmt so nicht. Menschen brauchen auch Licht. Ein bisschen Sonne ist gesund.

„Gerade jungen Patienten können wir nach der Diagnose sagen: Leb dein Leben einfach weiter!“

Sie sagen, dass viele ihrer heutigen Patienten ein völlig normales Leben führen können. Ist die Diagnose Multiple Sklerose also gar kein Schock mehr? Wie erleben Sie das als Arzt?

Das Internet arbeitet leider an einigen Stellen gegen uns. Denn sobald ein Patient googelt, findet er überall diese Rollstuhl-Geschichten aus den 1990er Jahren. Das ist psychologisch für Neupatienten sehr belastend. Aber gerade jungen Patienten können wir nach der Diagnose guten Gewissens etwas ganz anderes sagen: Leb dein Leben einfach weiter!

Sind dann Selbsthilfegruppen für neue Patienten überhaupt ein guter Ort?

Das ist ein sensibles Thema. In diesen Gruppen treffen sich meistens ältere Patienten, für die die Medizin vor 30 Jahren noch nicht viel zu bieten hatte. Sie sind nicht repräsentativ für die heutige Situation. Da kann es dann passieren, dass ein 25-Jähriger in einer Kaffeerunde sitzt und sich die Geschichten von Rollstuhlfahrern anhört. Das kann natürlich bereichernd und nett sein – lenkt den Neupatient aber in eine völlig falsche Bahn. Denn: Diese Lebenswege sind tatsächlich Ausnahmen geworden.

Wird MS bald heilbar sein?

Ja, ich halte das für ein erreichbares Ziel. Was die Ergebnisse aus Patientensicht betrifft, sieht schon heute alles fast wie eine Heilung aus. Bis wir die infizierten, autoimmunologisch aktiven Zellen komplett aus dem Körper entfernen kann, dauert es vielleicht noch fünf bis zehn Jahre. Ich werde das ziemlich sicher noch erleben.

Was sagen Sie einem 35-Jährigen, der heute mit frischer Diagnose in Ihre Praxis kommt?

Ich versuche, ihm vor allem Zuversicht zu vermitteln: Ja, du hast eine verrückte Autoimmunerkrankung. Aber wir können sie gut behandeln. Du musst deine beruflichen Pläne nicht anpassen. Und deine familiären erst recht nicht. Vor 30 Jahren haben wir Paaren noch geraten, keine Kinder zu bekommen. Das ist vorbei. Heute können MS-Patienten so viele Kinder bekommen, wie sie wollen. Sie können Karriere machen. Diese Diagnose muss niemandes Leben definieren.


Professor Volker Limmroth ist Chefarzt für Neurologie und Palliativmedizin am Klinikum Köln-Merheim. Was genau bei MS im Nervensystem geschieht, wie moderne Medizin frühzeitig eingreift und welche Forschungsergebnisse echte Hoffnung tragen – darüber spricht er am 27. August um 19.30 Uhr im Kölner Domforum. Tickets für 12 Euro (zzgl. VVK) gibt es bei Rausgegangen.