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„Liebe Bauchmama“Wie eine Familie den Kontakt zur Herkunft wahrt

8 min
Ein Stoffpanda im Fokus, dahinter die Körper eines Mannes und einer Frau ohne Köpfe.

Der Panda hat Mike Sommer gehört, jetzt nimmt sein Kind ihn überall mit hin. 

Michael und Nadine Sommer werden durch Adoption Eltern. Zur Geschichte ihres Kindes gehört auch die Herkunftsfamilie: Briefe an die  leibliche Mutter, ein Treffen und die Frage, wie viel Nähe möglich ist.

An diesen Dienstag im Jahr 2022 erinnert sich Michael „Mike“ Sommer genau. Er und seine Frau Nadine hatten eine Sonnenblume dabei. Er weiß noch, wo sie am Krankenhaus geparkt haben, wie sie im Aufzug standen. Und er erinnert sich an den Anruf am Abend zuvor: 21.30 Uhr. Zuerst habe er gar nicht verstanden, wer da anruft. Er kann sich noch genau an das Standbild auf dem Fernseher vor ihm erinnern, als sie den Film pausiert haben. Später im Krankenhaus: das Tuch über dem Inkubator, in dem ihr Kind lag. Und dieser eine Satz ist ihm in Erinnerung geblieben: „Wann können die Eltern ihr Kind sehen?“

Den Satz hat eine Frau gesagt, die 48 Stunden zuvor entbunden hatte. Sie hatte entschieden, ihr Kind zur Adoption freizugeben. Sie wählte Mike und Nadine Sommer als künftige Eltern für ihr Kind aus, und erfüllte ihnen damit ihren größten Wunsch: eine eigene Familie.

„Sommer“ war im Krankenhaus ihr Tarnname. Die künftigen Eltern sollten nicht mit der leiblichen Mutter von Jona in Verbindung gebracht werden. In diesem Text tauchen sie deshalb ebenfalls unter diesem Namen auf. 

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2024 in Deutschland 3.662 Kinder adoptiert. Ein Viertel der Adoptivkinder kam bei Paaren wie den Sommers unter. Die Kinder waren zum Zeitpunkt der Adoption im Schnitt 5,3 Jahre alt. Zehn Prozent der Kinder wurden aus einem Krankenhaus adoptiert, so wie Jona. Die Wunschvorstellung vieler Paare, gleich einen Säugling zu adoptieren, ist somit nicht der Regelfall. Bei Familie Sommer hat es geklappt. Ein Glücksfall.

Ein Foto eines neugeborenen Kindes im Krankenhaus.

Zwischen Jonas Geburt und dem ersten Treffen mit den neuen Eltern liegen 48 Stunden. Danach verbringen die Sommers sechs Wochen mit ihrem Kind im Krankenhaus.

Als Jona zu ihnen kommt, sind die beiden Ende 30. Zu dem Zeitpunkt sind sie seit mehr als 15 Jahren ein Paar. Kennengelernt haben sie sich in einer Dorfdisko und dort festgestellt, dass sie im selben Studiengang sind, Mike ein paar Semester weiter als Nadine.

In ihrem Haus liegen überall Dinge von Borussia Dortmund. Ein Ball hier, das Maskottchen Emma als Kuscheltier dort. Mike ist ein großer Fan. Früher ist er mit zu Auswärtsspielen gefahren, jetzt nimmt er manchmal sein Kind mit ins Stadion. Bei den Bambini darf es auch selbst kicken. Mike zeigt ein Foto auf dem Handy: Jona strahlt neben Emma. „Das ist ein Gesicht purer Freude.“

Morgens im Bett hat die Familie ein Ritual: Die Eltern trinken Cappuccino, Jona bekommt aufgeschäumte Milch, einen Babycino. Dann kuscheln sie, sprechen darüber, was an dem Tag ansteht. Dass sie einmal eine Familie mit Kind sein würden, stand lange in den Sternen.

Ihr Haus haben sie vor 13 Jahren  gekauft und es komplett renoviert. 180 Quadratmeter, großer Garten, sogar mit Pool. „Das haben wir gekauft und ausgebaut, weil wir Kinder haben wollten. Und in einer Idealvorstellung auch mal mehrere“, sagt Mike. Nadine ergänzt: „Hätte das mit Jona nicht geklappt, dann würden wir hier nicht mehr wohnen.“

Kinderwunsch, Hormone, Fehlgeburten

Dass sie Kinder wollten, wussten Nadine und Mike früh. Vor gut zehn Jahren fingen sie an, es zu versuchen. „Ganz entspannt“, sagt Nadine. Sie setzte die Verhütung ab. „Wenn es passiert wäre, dann wäre es halt passiert. Niemand redet ja darüber, dass man nicht schwanger werden könnte.“ 

Doch es wollte einfach nicht klappen. Sie ließen sich untersuchen, aber die Ärzte fanden keinen Grund und damit auch keine Lösung. 2017 heirateten sie, auch weil die Ehe Voraussetzung für eine anteilige Kostenübernahme einer Kinderwunschbehandlung durch die Krankenkasse gewesen sei.

17 Mal haben sie eine künstliche Befruchtung ausprobiert, in Deutschland und im Ausland. Als Folge: eine Fehlgeburt nach der anderen. „Die erste Fehlgeburt war natürlich die schlimmste. Aber auch beim zweiten Mal war ich so naiv und dachte: Jetzt habe ich so viel hinter mir, jetzt muss es einfach klappen.“ Es klappt nicht. Die Sommers haben oft darüber gesprochen, das merkt man. Sie erzählen routiniert und schauen sich dabei doch immer wieder an, als suchten sie im Blick des anderen Kraft, es noch einmal auszusprechen.

Um sie herum seien damals viele Freunde Eltern geworden, manche schon zum zweiten Mal. „Natürlich haben wir uns für sie gefreut. Aber wir waren auch neidisch. Warum klappt es da?“, sagt Nadine.

Eine Adoption konnte sie sich schon früher vorstellen, vielleicht beim zweiten oder dritten Kind. Für Mike war das lange kaum denkbar: ein fremdes Kind im eigenen Haus? Nadine setzte sich durch. Wenigstens versuchen wollten sie es.

Sie meldeten sich beim Jugendamt in ihrer Stadt. Schon dort wurden ihre Aussichten gedämpft: In den vergangenen sieben Jahren seien nur zwei Kinder adoptiert worden. Später wechselten sie zum Sozialdienst katholischer Frauen (SKF). Der SKF-Gesamtverein hat für den Caritasverband die Zentrale Fachstelle für Adoptions- und Pflegekinderhilfe übernommen.

„Da musst du richtig blankziehen. Du musst alles offenlegen über dich und deine Familie, deine Gehaltsabrechnungen, deinen Stammbaum bis zu den Urgroßeltern“, sagt Mike. Der Prozess sei emotional aufreibend gewesen, Tränen seien mehrfach geflossen.

Im Januar 2021 haben sie ein Adoptionsseminar des SKF besucht. „Davor habe ich gedacht: Na ja, bringen wir den Quatsch mal hinter uns. Und rausgekommen bin ich mit: Ich kann mir nun wirklich eine Adoption vorstellen“, sagt Mike. Dort lernen sie Paare kennen, die Ähnliches erleben. Mit einem Paar sind sie bis heute befreundet. Auch sie haben inzwischen ein Kind adoptiert.

Blick ins Wohnzimmer: Links stapeln sich Kinderspiele, rechts bunte Bauklötze.

Überall im Haus stehen Spielzeuge – Platz gibt es genug. Das Ehepaar hatte das Haus ursprünglich für mehrere Kinder geplant.

Dann beginnt wieder das Warten. Anderthalb Jahre lang auf den einen Anruf. Sie fahren in dieser Zeit nicht mehr ins außereuropäische Ausland, aus Angst, nicht schnell genug zurück zu sein. Mike sagt: „Ich hatte damit abgeschlossen, dass dieser Anruf je kommen wird. Aber meine Frau hat immer daran geglaubt.“

Dann kommt er, der langersehnte Anruf. Als Mike ans Telefon geht, habe er erst nicht verstanden, was das bedeutet: „Hallo, eine ‚Bauchmama‘ hat sich für Sie entschieden. Ich brauche bis morgen eine Entscheidung.“

„Bauchmama“ und offene Adoption: Kontakt zur Herkunftsfamilie

„Bauchmama“, so nennen die Sommers die leibliche Mutter ihres Kindes. So erklären sie es auch Jona: Das Kind habe eine Zeit im Bauch einer anderen Mutter gewohnt, bevor es zu ihnen gezogen ist.

Claudia Brinken spricht von „Herkunftsmüttern“. Sie ist Referentin für Pflegekinder- und Adoptionsdienste beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln. Mütter, die ihr Kind zur Adoption geben, seien lange als Rabenmütter angesehen worden: „Ich finde, dass es ein Riesenakt der Mutterliebe ist, wenn eine Mutter sagt: Das Wohl meines Kindes ist wichtiger als meine eigenen Bedürfnisse. Ich weiß, dass ich aktuell nicht in der Lage bin, mich richtig und ausreichend um mein Kind zu kümmern.“

Am besten für das Kind sei es, wenn beide Seiten einer Art offener Adoption zustimmen und der Kontakt in irgendeiner Form bestehen bleibt. „Die Herkunft ist Teil der Lebensgeschichte des Kindes. Für seine Entwicklung ist es am besten, wenn der Kontakt dahin besteht, wo es herkommt.“ Die Fachverbände der Caritas klären darüber schon beim ersten Vortreffen auf und begleiten auch Treffen mit Herkunftsfamilien. Diese Besuche müssten sehr gut vor- und nachbereitet werden. Das adoptierte oder Pflegekind treffe auf seine Bauchmutter, obwohl es ja schon eine Mutter habe. „In manchen Fällen bleibt es für lange Zeit bei nur einem Treffen und dann tritt die leibliche Mutter oder die Familie wieder aus dem Leben des Kindes.“

Briefe seien eine andere Möglichkeit, Kontakt zu halten. Zum Tag der Herkunftsmutter, eine Woche vor dem Muttertag, rufen Caritas und SKF dazu auf, Briefe an die Bauchmutter zu schreiben. Mit der Aktion sollen Herkunftsmütter sichtbar werden. Adoptiv- und Pflegefamilien bedanken sich darin und berichten, was seit dem letzten Kontakt passiert ist. Manchmal kommt eine Antwort, manchmal nicht.

„Sie hat es doch aus Liebe zu dem Kind gemacht“

Auch Familie Sommer schreibt Briefe an Jonas leibliche Mutter. Als das Kind zwei ist, treffen sie sich mit der Herkunftsfamilie, der leiblichen Schwester und dem Vater. Die Herkunftsmutter habe ursprünglich auch kommen wollen, es dann aber emotional nicht geschafft.

Für Jona habe die Herkunftsfamilie eine Collage gebastelt, mit Fotos und kleinen Geschenken. Gut verstaut in einer Erinnerungskiste wartet sie darauf, dass Jona älter wird. Vor dem Treffen seien Mike und Nadine sehr aufgeregt gewesen. Wer ist der Mann, der Jona mit in die Welt gesetzt hat? Das Treffen sei schön gewesen, danach sei der Kontakt aber komplett abgerissen.

Ein Buch liegt aufgeschlagen auf einer Matte, daneben ein unterschriebener Fußball.

Fußball und Lesen: Das machen sie am liebsten zusammen. Vor dem Einschlafen lesen die Eltern ihrem Kind jeden Abend vor.

„In unserer Idealvorstellung würden wir uns wünschen, dass es einen Kontakt gibt. Im Sinne von Jonas Entwicklung. Aber es sieht derzeit nicht danach aus, dass es einen losen Kontakt zur Herkunftsfamilie beim Aufwachsen geben könnte“, sagt Mike. Vielleicht könne es noch einmal ein Treffen geben, wenn Jona älter sei.

Vor ihrem Kind sprechen Nadine und Mike nur in den höchsten Tönen von seiner Herkunftsmutter. „Es gibt auch keinen Grund, es anders zu tun. Sie hat uns schließlich unseren allergrößten Wunsch erfüllt“, sagt Nadine. Die Herkunftsmutter habe einen hohen Stellenwert in der Familie. Nadine wisse aber auch, welchen Preis Jonas Herkunftsmutter dafür gezahlt habe. Sie könne nur erahnen, was diese besonders in der Anfangszeit durchgemacht haben müsse. Deshalb werde sie auch so wütend, wenn Außenstehende abgebende Mütter verurteilen: „Sie hat es doch aus Liebe zu dem Kind gemacht.“

Auch wenn sie vor Jona offen mit der Adoption umgehen, vergehen manchmal Wochen, ohne dass es Thema wird. Wenn Außenstehende fragen, wie die Geburt bei Nadine verlaufen sei, wolle sie direkt erzählen: „Und dann ertappe ich mich selbst und denke: Ach ja, ich habe mein Kind ja gar nicht selbst geboren.“

Nadines Blick auf Adoption hat sich verändert. „Ich dachte, man tut etwas Gutes für ein Kind. Man kommt zum Jugendamt, und dort warten zahlreiche Kinder auf einen.“ Sie habe unterschätzt, wie lange der Prozess dauern kann. Viele Paare zerbrechen daran, auch in ihrem Freundeskreis. Bei ihnen hat es geklappt. „Ich dachte immer, als Adoptiveltern rettet man ein Kind. Aber im Endeffekt hat Jona uns gerettet.“