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BestsellerWarum das Buch eines Polizisten aus dem Ahrtal so viele Menschen berührt

Lesezeit 7 Minuten
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BKA-Beamter, Flutopfer und Buchautor Andy Neumann.

  • Die Sturzflut im Ahrtal hat in der Nacht auf den 15. Juli 134 Menschen das Leben gekostet.
  • Der BKA-Beamte Andy Neumann wurde mit seiner Familie Zeuge der Katastrophe, als das Wasser in seinem Haus fast das Obergeschoss erreichte.
  • Mit seinem Buch „Es war doch nur Regen!? Protokoll einer Katastrophe“ ist er diese Woche auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste (Taschenbuch) gelandet. Im Interview erzählt er uns, warum das Buch so viele Menschen erreicht.

Bad Neuenahr Ahrweiler – „Papa, wir haben das Meer am Haus“, sagten ihre Kinder, als sie am Morgen nach der Flut aus dem Fenster schauten. Für mich einer der Kernsätze Ihres Buches, das, neben plastischen Schilderungen der Katastrophe und gehöriger Kritik an staatlichem Versagen, auch einen enormen Optimismus ausdrückt. Verraten Sie uns Ihre drei Hauptbotschaften?

Andy Neumann: Eine wäre die von Ihnen genannte. Denn der Satz zeigte mir: Meine Kinder sind stabil. Bis heute. Das ist nicht selbstverständlich und nicht irgendeiner Hilfe von außen zu verdanken, sondern meiner Frau, die unsere Kinder, wie durch ein Wunder, in dieser Nacht am Schlafen hielt. Und ihnen am nächsten Morgen, beim Anblick des Irrsinns, mit den Worten „Wir erleben jetzt ein Abenteuer!“ Mut machte. Hunderte Kinder aus unserem Tal sind leider schwer traumatisiert. Sie brauchen dringend professionelle Hilfe. Der Satz „Lassen wir es nicht darauf ankommen!“ wäre meine zweite Wahl. Ich sendete diese Botschaft noch in der Nacht per Facebook aus, um auch dem Letzen klarzumachen: Die biologischen Aspekte der Flut sind offenkundig, es ist neben anderen Aspekten auch der Klimawandel. Ohne Renaturalisierungs- und andere staatlich verordnete Maßnahmen werden wir es nicht schaffen.

„Katastrophenschutz gehört in Bundeshand!“ ist eine Forderung, die Sie an mehr als nur einer Stelle in Ihrem Buch betonen. Ein dritter Kernsatz?

Exakt. Mich macht es, gerade weil ich es fachlich einschätzen kann, fassungslos, dass eine solche Katastrophe nicht von einer Bundesbehörde, sondern von einer dazu offensichtlich nicht gut aufgestellten Behörde, die keiner kennt, geleitet wurde. Während zugleich, zumindest auf dem Papier, der Krisenstab der Landesregierung koordinierend tätig wurde. Noch heute frage ich mich, ab wann und wie lange dieser existent war und welche effektive Entscheidung die verantwortlichen Stellen herbeigeführt haben. Dieses unfassbare Versagen staatlicher Strukturen vom Tag Eins der Katastrophe an bis heute, hat meinen Glauben an Politiker hierzulande endgültig zerstört. Und ich bin eigentlich die fleischgewordene Verfassungsstreue, weshalb ich mich frage, was das mit Menschen macht, denen weniger an unserem Land und seiner Verfassung liegt.

Sie schreiben: „Hätte dieser Einsatz in meiner Verantwortung gelegen, ich könnte nie wieder in den Spiegel sehen“. Was hätten Sie, wären Sie Landrat, anders gemacht?

Zur Person und Lesetipp

Andy Neumann, 1975 in Neuwied geboren, begann 1995 seine Ausbildung zum Kommissar beim Bundeskriminalamt (BKA) und war anschließend neun Jahre lang als Ermittler im Anti-Terror-Bereich. Er arbeitet in leitender Funktion beim BKA und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Bad Neuenahr-Ahrweiler. In seinem Haus, rund 300 Meter von der Ahr entfernt, wurde Neumann mit seiner Familie Zeuge der Flutkatastrophe, die in der Nacht auf den 15. Juli 134 Menschen im Ahrtal tötete. 

In seinem Buch beschreibt er auf 150 Seiten diese Nacht und den folgenden Ausnahmezustand bis zum 15. August. Er nimmt die Leserinnen und Leser mit in diese Situation und macht auf sehr persönliche Weise deutlich, welche Kämpfe die Bewohner des Ahrtals durchstehen mussten. Feinsinnig und mit Humor, insbesondere aber von einem klaren Willen geprägt: weitermachen. Der komplette Erlös des Buches geht an die Opfer der Flut.

Andy Neumann: Es war doch nur Regen!? Protokoll einer Katastrophe, Gmeiner Verlag, Oktober 2021 

Ich hätte an diesem Abend vermutlich als Erstes und Wichtigstes eine breitflächige Evakuierung von 300 Metern rund um die Ahr angeordnet, da die Gefahrenlage angesichts der Daten aus Mainz, die offenbar schon vorlagen, als Landrat und Innenminister Pressefotos im Krisenstab fertigten, offenkundig war. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, zumindest gegen den Landrat, aber man hat das Gefühl, das Verfahren schwelt so vor sich hin. Am Ende kriegen die Menschen hier den Eindruck: Das ist doch mal wieder ein rheinland-pfälzisches Bubenstück. Was unser Tal aber dringend braucht, sind klare Perspektiven und Entscheidungen.

 die zeitnah, klug und unbequem sein sollten, wie Sie fordern. Welche politischen Entscheidungen meinen Sie konkret?

Zunächst brauchen wir eine Koordination von Handwerkern und Hilfsangeboten, Baustoffe und vor allem klare Vorgaben. Es ist immer noch nicht entschieden, wo öffentlich gebaut werden darf! Bürger brauchen die Baugenehmigung, wenn sie nur eine Schaukel einbetonieren wollen. Gleichzeitig wird in öffentlicher Hand vielerorts alles wieder genauso aufgebaut wie vorher. Auch in Bereichen, die erneut überflutet werden könnten und zudem nicht als Ausgleichsflächen oder für Dämme genutzt werden können. 

Wird hier tatsächlich alles wieder zu planiert? Flussbette weiter verkleinert? Aber wo sind die Pläne, die enorme Chancen bieten können, das Tal sicherer und nachhaltiger zu gestalten? Bleiben die aus, bleibt die Unsicherheit, ob uns ein vergleichbares Szenario noch einmal droht. Wäre ich verantwortlich für diesen Kreis, hätte ich unbequeme Beschlüsse gefällt – unter anderem die Enteignung kompletter Straßenzüge an der Ahr. So unschön es für den Einzelnen wäre, für die Gesamtheit der Menschen hier wären Entscheidungen wie diese eigentlich fällig.

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Sie arbeiten seit 25 Jahren im Anti-Terror-Bereich. Man könnte meinen, Sie seien Krisen- und Katastrophen-erprobt. Dennoch schreiben Sie offen und eindrücklich von Ihrer „Scheißangst“, die Sie in der Nacht des 14. Julis überfiel.

Ich kokettiere nicht, wenn ich sage: Seit meinen späten Jugendjahren, ich war Vollkontakt-Kämpfer, habe ich nie mehr so etwas wie Angst gespürt. Aufgrund meiner beruflichen Vita als Polizist wusste ich immer ganz genau, was zu tun ist, kenne die dazu notwendigen Mittel und weiß, dass ich sie im Ernstfall zur Verfügung hätte. Doch als das Wasser die Stufen heraufkam und wir nicht wussten, ob es das Obergeschoss, indem wir uns befanden, erreicht, hat mich die Todesangst eiskalt erwischt. Am furchtbarsten war dieses Ohnmachtsgefühl, nichts tun zu können als zu warten. Es ging mir in meiner Angst auch weniger um mich, als um meine Familie. Die Kinder, um Gottes Willen, wie wollen die es schaffen, ohne schwimmen zu können? Ich hätte mich vielleicht auf einen Baum retten können. Aber mit beiden Kindern auf dem Arm? Lieber wäre ich selbst draufgegangen, als dass meiner Familie etwas passiert und mir nicht. Solche Gedanken sind bis heute nicht gut zu ertragen.

Das Wissen um die eigene Versehrtheit, ist das Ihre persönliche Lektion, die Ihnen die Flut erteilt hat?

Ich bin eindeutig demütiger und mein neuer Leitsatz: Glaube nie, du bist unbesiegbar, macht mich auch stärker. Heute weiß ich: Man muss kein Supermann sein, um durchs Leben zu kommen. Ich habe noch etwas gelernt: Wir sind gar nicht so bräsig, übersättigt, wohlstandsversaut wie ich, ein ausgewiesener Kritiker unseres Volkes, immer gedacht habe. Was Privatpersonen und private Initiativen bis heute geleistet haben, diese unfassbare Power, dieser enorme Zusammenhalt führen mir vor Augen, dass immer noch der selbe Geist in unserem Land herrscht, der wohl schon nach dem Krieg dafür gesorgt haben muss, dass wir wieder so schnell aufgestanden sind. Und: Ich bin noch gewillter denn je, mich für den Klimaschutz stark zu machen, für große und kleinere Projekte wie „Lass es Leben“, das meine Frau initiiert hat. Und mit dem sie die Natur im Ahrtal wieder ins Leben holen möchte. 

Was bleibt, ist also eher Optimismus als Angst – was auch zwischen vielen Zeilen Ihres Buches zu lesen ist. War das Ihr Hauptmotiv, als Sie es in der Nacht begonnen haben zu schreiben?

Ich habe ja nicht in der Nacht mit dem Buch begonnen, sondern mit einem Facebook-Post, mit dem ich, wie gesagt, auf den Klimawandel aufmerksam machen wollte – und auf die Ausnahmesituation, die hier herrschte. Ich dachte: Wenn das ein Polizist schreibt, der immer einen klaren Kopf haben muss, hilft das der Welt da draußen vielleicht, die Lage der katastrophalen Zerstörung richtig einzuschätzen. Und hierher zu kommen, mit allem, was geht. In den nächsten Tagen habe ich meine Protokolle fortgesetzt, auch als Art Therapie. Die Reaktionen darauf haben mich dazu motiviert, mich nach knapp einer Woche ans Buch zu wagen. Das jetzt in sechster Auflage erscheint.

Warum, glauben Sie, lesen so viele Menschen Ihr Buch?

Das liegt wohl zum einen daran, dass Menschen, die nicht hier im Tal wohnen, so die Möglichkeit haben, mitzuerleben, wie es vielen von uns ergangen ist und ergeht. Zudem hilft es ihnen vielleicht auch dabei, die furchtbaren Erlebnisse zu verarbeiten. Reaktionen wie „Ihr Buch zu lesen war besser als zehn Therapiesitzungen“ zeigen mir, dass es Hilfe und Stütze sein kann. Und: Es macht Mut. Meine Familie und ich bleiben hier, ziehen wieder in unser altes Zuhause ein, und setzen damit das Signal: Wir geben nicht auf. Doch es braucht mehr als die einzelnen Menschen, Familien und privaten Initiativen, damit das Tal eine genauso glänzende Zukunft hat, wie seine Vergangenheit es rechtfertigt.

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