Die Helden, die ich rief

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Lang Lang

Lang Lang

Franz Liszt ist Lang Langs „Klavier-Held“! Alser zwei war, sah er einen Cartoon von „Tom undJerry“, der unterlegt war mit der zweiten „UngarischenRhapsodie“ – so kam er zum erstenMal mit klassischer, westlicher Musik in Berührung.Im Liszt-Jahr 2011, dem 200. Geburtstagund 125. Todestag des Komponisten,geht Lang Lang weltweit mit dessen erstemKlavierkonzert auf Tournee, das er vor kurzem– neben anderen Liszt-Bestsellern – mit ValeryGergiev und den Wiener Philharmonikern aufgenommenhat („Liszt – My Piano Hero“).

DerRevolutionär Liszt erfand das Klavier-Rezital,das heißt ein ganzes Konzert wurde von nur einemPianisten gespielt. Dafür schuf er regelrechteMammutwerke, für die zehn Finger oftnicht genug scheinen. Lang Lang ist geradezudazu berufen, seinem Vorbild nachzueifern.Ihm fliegen – wie Liszt seinerzeit – die Engagementsin den Schoß, selbst zu Großereignissenwie den Olympischen Spielen und zu Staatsempfängenwird er geladen.

Da kann es schon mal vorkommen, dass selbster einmal den falschen Ton trifft: Bei einemStaatsbankett im Weißen Haus im Januar diesesJahres wählte er ein traditionelles chinesischesLied aus, das unglücklicherweise in einemantiamerikanischen Propagandafilmpatriotische Stimmung verbreitet. WährendHu Jintao auf Fragen zur Menschenrechtslagein seinem Land keinerlei substanzielle Antwortengab, intonierte Lang Lang indes gutenMutes „Mein Mutterland“ (der ursprünglicheTitel lautete einst „Der große Fluss“...).

Dassdieses Lied neben der Schönheit Chinas unddessen Gefühl von Stolz jedoch ebenso kämpferischeTöne gegenüber den „Schakalen“,sprich den amerikanischen Imperialisten, anschlägt,hatte Lang Lang temporär verdrängt.

Eine wahre Genugtuung für die Kommunisten,eine „verschlüsselte“ Demütigung jedochfür die Amerikaner. Dabei wollte Lang Langdoch nur die freundlichen Töne anklingen lassen.Politik ist eben oft noch komplexer als Musik.Sein Vorsatz, Kunst und Politik nicht zuvermischen, ist wohl schwieriger als gedacht.

Auch besteht wohl kein Zweifel daran, dassLang Lang mit seinem Spiel polarisiert. Mager mit seinen exzentrischen, brillanten sowievirtuos und mit großer Geste empfundenenInterpretationen die Kritiker füttern – dasbreite Publikum entzückt er ein ums andereMal. Sein Engagement in der Förderung jungerNachwuchspianisten indes findet allgemeineAnerkennung. Lang Lang sieht sich, sosagt er selbst, herausgefordert und in der Verantwortung,die folgende Generation zu animieren,klassische Musik zu hören und zu erlernen.

Seine Stiftung „Lang LangInternational Music Foundation“ unterstütztzahlreiche Stipendiaten, von denen der ältestederzeit gerade einmal 14 Jahre alt ist. So wieihm einst geholfen wurde, so möchte LangLang den jungen Menschen helfen. Die Kooperationmit Schulen, die sich keinen Musikunterrichtleisten können, gehört ebenfalls zuden Aufgaben der Stiftung. Schließlich möchteer eine Klavierschule in China aufbauen, dieeinen internationalen Austausch ermöglicht.

Bei aller Musik-Erziehung steht für ihn dieMotivation der Schüler, mit ganzem Herzendabei zu sein, im Vordergrund – egal ob sienun die große Karriere anstreben oder nicht.Ungeachtet dessen hätte Lang Lang in seinereigenen Kindheit und Jugend gern mehr Zeitzum Spielen gehabt, vor allem für den geliebtenFußball. Basketball oder Volleyball kamenohnehin nicht in Frage – das wäre zu riskantfür seine Hände gewesen. Auch sonst verliefseine Jugend sehr diszipliniert. Auch wenn ermit Freunden gefeiert hat – das Bedürfnis,sich mit Alkohol und anderen Drogen, wie esunter Jugendlichen so lapidar heißt, „abzuschießen“,überkam ihn nie. Als Musiker kommeer permanent runter: sobald er in seineMusik eintauche.

Als er fünf war, spielte er ineinem Konzert u.a. eins von Liszts Kinderstücken:„Der kleine Ungar“. 24 Jahre spätertourt der immer noch ein wenig jungenhaftwirkende, nunmehr „brillante Mann“ (dasheißt „Lang Lang“ übersetzt) mit Liszt querüber die Kontinente, in Hongkong lächelt derweilgar sein Konterfei von den Taxis. Und„seinem Helden“ zu Ehren führt Lang Langein Video-Tagebuch, das Stationen seinerTournee in Momenten festhält. Dem jungenLiszt hätte es gefallen.

Von Christoph Guddorf

05.10.2011, Mittwoch 20:00 Lang Lang Klavier Königliches ConcertgebouworchesterAmsterdam Daniel Harding Dirigent Franz Liszt Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur S 124 (1835-56) Frédéric Chopin Grande Polonaise brillante précédée d‘unandante spianato Es-Dur op. 22 (1830/35) Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 (1803)„Eroica“

Zu diesem Konzert finden begleitendeVeranstaltungen statt: 29.10.2011, 15:00 Max Ophüls: Lola Montez,Filmforum

€ 130,– 110,– 85,– 60,– 35,– 10,– | Z: € 85,–

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