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Ein Clown spielt Rampensau

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Tom Simon schlüpft in die Rolle des Festkomitee-Chefs und Präsidenten der ersten Ausländersitzung. Neben ihm Stunkerin Doro Egelhaaf. BILD: ROHRMOSER-VON GLASOW

Tom Simon schlüpft in die Rolle des Festkomitee-Chefs und Präsidenten der ersten Ausländersitzung. Neben ihm Stunkerin Doro Egelhaaf. BILD: ROHRMOSER-VON GLASOW

In Oberpleis wohnt Tom Simon, der Längste aus dem Stunksitzungsteam.

Königswinter - Die Terrassentür des Einfamilien-Reihenhauses in Oberpleis schwingt auf, ein freundlicher Blick empfängt den Besucher. Groß ist der Kerl, der hinein bittet. Drinnen ist viel Wärme, Wohlfühl-Empfinden. Tom Simon lebt hier mit Frau und Kindern, in einem selbst geschaffenen Zuhause. Hier ist er nicht die Rampensau, die jährlich um die 40 000 Zuschauer bei der Stunksitzung im Kölner E-Werk erleben. „Ich bin vielleicht der klassische Clown“, sagt der 41 Jahre alte Komödiant, Schauspieler, Musiker. In den eigenen vier Wänden mag er es eben auch melancholisch. „Und ich stehe auf kitschiger Musik.“ Sagt's und geht zum Flügel, der im Wohnzimmer steht, improvisiert auf eine getragene Melodie.

„Bin ich Musiker oder bin ich Schauspieler?“ Die Frage stellt sich Simon häufiger. Beides beherrscht er, in beiden Fächern legt er eine unheimliche Bühnenpräsenz an den Tag. Wie etwa als Ariel Sharon in einer aktuellen Nummer der Stunker: „Der muss hier weg, eh“, schmettert er im breiten Asi-Deutsch Jassir Arafat, gespielt von Didi Jünemann, in einer wunderbaren Talkshow-Parodie entgegen.

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Gutes Timing, ausgefeilte Sprachmodulation, aber auch ein ausgeprägtes Improvisationstalent - der Oberpleiser bietet eine breite Typenpalette. Legende ist sein „Björn“, den er 1998 bei der größten alternativen Karnevalsveranstaltung spielte. Die Ikea-Generation erkannte sich und das lästige Aufbauen von Regalen. Björn erledigte das mit einer Kettensäge. Dabei kennt Simon die fünfte Jahreszeit von der traditionellen Seite. „Ich habe den Karneval immer gemocht“, erinnert er sich an seine Zeiten in Bonn-Bad Godesberg, wo er aufwuchs. Stets hat er mit Vergnügen andere gespielt. „Schon mit acht Jahren habe ich Büttenreden aus dem Stegreif gehalten“ - beim evangelischen Pfarrkarneval unter der Godesburg. Von der Oma lieh er sich alte Klamotten und rannte damit vier Tage herum. „Mir liegt der kleine Karneval“, noch heute fährt er ins Wachtberger Ländchen zum Gimmersdorfer Zug, dort, wo Bauern noch Äpfel statt Kamelle verschenken. Akkordeon-, Gitarre- und Klavierspielen hat er sich selbst beigebracht. Eigentlich wollte er Instrumentenbauer werden. Doch er machte eine Ausbildung zum Druckvorlagenhersteller in Neunkirchen-Seelscheid. In Sankt Augustin und Neunkirchen hat er gewohnt. Damals fing er mit „Spielzeit“ an. Im Duo mit Jörg Stowasser gab es von 1983 bis 1985 Musik mit schrägen Texten. Den ersten Auftritt hatten sie in einem Eiscafé in Much. Seinen Zivildienst absolvierte er in Troisdorf in der Burg. Bei der Gründung des Jugendkulturcafés war er dabei, sang als Frontmann drei Jahre bei der Gruppe „Flit“.

1986 ging Simon nach Köln, bei der Jugendorganisation „Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken“ leitete er Seminare in Sachen Kultur, Theater und Musik. Später beteiligte er sich an „Ohrwald“, einem Projekt für neue Musik, das etwa eine Vorlesung über Schachspielen vertonte. Das Leuchten in die Augen bekommt der 41-Jährige, wenn er an die Sommerfeste auf dem Bröler Hof in Ruppichteroth denkt. Das Programm entwickelte er mit, moderierte die Festivals, zu denen über 1000 Menschen ins Bröltal kamen. Mit „Dunkelziffer“, der Kölner Kult-Band, stand er auf der Bühne, improvisierte mit Helmut Zerlett.

Die Filmaufnahmen sah Christian Rzepka von „Comic on“, einem erfolgreichen Kölner Theater, der damals bereits bei der Stunksitzung mit machte. Schon 1991 ging er auf Tournee mit „Abgehängt“, einem Stück zur Suchtprävention, später „Heiß am Stiel“, einer Produktion über Jungs, spielte sogar im Danziger Nationaltheater vor 1600 Zuschauern. Sechseinhalb Jahre auf Tour waren dann genug, 1997 stieß er zu den Stunkern und hatte am 7. Januar 1998 Premiere. Seither bereichert er das Ensemble mit Gesang und schrägen Vögeln, als Millowitsch oder Kloppe, dem Lastwagenfahrer. „Die Stunksitzung hat für mich was von Familie“, sagt Simon. Er ist bodenständig geblieben, gleichwohl freut er sich, wenn andere die Ideen aufgreifen: „Was ich toll finde, ist, wenn die Leute den Enthusiasmus aufbringen, aus unseren Nummern was ganz Eigenständiges zu machen.“ Er ist übrigens nicht der einzige aus dem Kreis, die Gebrüder Rau von „Köbes Underground“ kommen ebenso aus Königswinter wie Texter und Ex-Präsident Reiner Rübhausen.

Was wäre die Stunksitzung ohne den Rhein-Sieg-Kreis?

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