Eine glückliche Liaison

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Andris Nelsons und das City of Birmingham Symphony Orchestra.

Andris Nelsons und das City of Birmingham Symphony Orchestra.

Kein Geringerer als Sir EdwardElgar war es, der im Oktober1920 das erste Konzert desCity of Birmingham SymphonyOrchestra dirigierte. In denfolgenden 90 Jahren entwickelte sich diesesOrchester zu einem 90köpfigenEnsemble, dessen Ruf als Orchester vonWeltrang es vor allem der 18 Jahre währendenLeitung von Sir Simon Rattle, dendas CBSO als unbekannten 25jährigenselbst »entdeckt« hatte, zu verdankenhat. Trotz aller Reisen rund um den Globusist es nach wie vor fest in seiner Heimatstadtverwurzelt. Dies liegt gewissauch daran, dass die Symphony Hall vonBirmingham wegen seiner vollkommenenAkustik zu einem hoch geschätztenKonzertsaal zählt.

Intensive Jugendarbeit Bemerkenswert ist auch das Bildungsprogrammdes CBSO, das in seiner Gesamtheitzu den umfangreichsten und ehrgeizigstenin ganz Europa gehört und jedesJahr über 36.000 junge Menschenanspricht. Es koordiniert die umfangreicheZusammenarbeit mit Schulen undGemeinden in den West Midlands. Eineprominente Rolle spielt dabei das CBSOYouth Orchestra, dessen regionale Nachwuchstalentezwischen 14 und 21 Jahrenzweimal jährlich in der Symphony Hallunter Leitung des Chefdirigenten spielt.Und auch die vier unbezahlten Profichöre,ein Erwachsenenchor, zwei Kinderchöreund ein Jugendchor, bilden einwichtiges Podium für Amateurmusiker;auch sie treten regelmäßig mit dem CBSOund anderen führenden Ensembles auf.

Bedingungslosen Ehrgeiz Herbert von Karajan sprach einmal vonden beiden Schauplätzen, an denenDemokratie unangebracht sei: beim Militärund in der Musik. Da mag auch derjunge lettische Dirigent Andris Nelsons,seit 2008 Music Director des CBSO, nichtganz widersprechen. Für ihn bedeutetdies aber keineswegs eine Diktatur desDirigenten. Vielmehr seien Dirigent undMusiker gleichermaßen gefordert, sichmit Disziplin und bedingungslosem Ehrgeizdem Diktat des Komponisten undder Musik unterzuordnen, um das bestemusikalische Ergebnis zu erzielen. Da reichedie musiktechnische Sprache oftnicht aus, da sie alleine keinen Zugangzur Seele des Werks finden könne. »DerCharakter eines Musikstücks lässt sichletztendlich nur über eine emotionaleund assoziative Sprache vermitteln. Niemandsollte sich dabei anmaßen, dieinnere Botschaft eines Musikstücks vermittelnzu können, indem er sagt: Das seirichtig oder falsch. Letztlich entscheidendist, ob wir von der Musik berührtwerden oder nicht.«

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Berührt schienen Publikum und Kritik vonBeginn an von der fruchtbaren Liaisonzwischen Nelsons und dem CBSO. Soschrieb der Independent: »Die Nelsons-Äramit dem CBSO scheint berauschendzu werden, seine Konzerte muss mansehen«; und die Times meinte: »KeineChance mehr, ein Nickerchen währendder CBSO-Konzerte zu halten, jetzt, daAndris Nelsons sein brillantes Debüt alsMusic Director gegeben hat«. NelsonsGlaubwürdigkeit und Akzeptanz als Dirigentberuht nicht zuletzt darauf, dass er selbst sechs Jahre als Orchestermusiker tätig war. Dieser psychologische Aspektspielte auch eine Rolle bei der Entscheidung,die Leitung des City of BirminghamSymphony Orchestra zu übernehmen.»Wüsste ich von vornherein, dassmich das halbe Orchester ablehnt, würdeich eine solchen Position gar nicht erstannehmen. Schließlich geht es um eineBeziehung, die einer Ehe nicht unähnlichist.« Und es scheint eine glückliche Ehezu sein, denn Nelsons hat seinen »Ehe-Vertrag« jüngst bis in die Saison 2013/14 verlängert.

Ähnlich wie beim City of BirminghamSymphony Orchestra erweist sich auchbeim Trompeter Håkan Hardenbergerdie musikalische Affinität zur zeitgenössischenMusik als fruchtbar, habe erdoch, so das BBC Music Magazine, durchsein Engagement, »nahezu alleine einganz neues Repertoire für sein Instrumentkreiert«. Zu der Liste der Werke, diefür Hardenberger geschrieben und vonihm uraufgeführt wurden, gehört auchdas Konzert »From the Wreckage« vonMark-Anthony Turnage. Dieses autobiographischgeprägte Werk zeichnet denWeg von der Sorge über offene Wut undRaserei bis hin zum wieder aufgeräumterscheinenden inneren Ruhepunkt nach.Doch findet diese düstere Seelen-Reiseein ebenso märchenhaft glücklichesEnde wie Strawinskys musikalisches Märchenvom »Feuervogel«?

Christoph Guddorf

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