Neuer Rock aus dem Bauch des Bahnhofs

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„Den Arsch abrocken“, sagen die fünf von Recbow, darum geht es bei jeder einzelnen Probe in den Katakomben des Hauptbahnhofs - und bei ihren Konzerten sowieso: Sven Meier (v. l.), Frank Linden, Thorsten Wambach, Pedi Karwatka und Michael Eisenberger.

„Den Arsch abrocken“, sagen die fünf von Recbow, darum geht es bei jeder einzelnen Probe in den Katakomben des Hauptbahnhofs - und bei ihren Konzerten sowieso: Sven Meier (v. l.), Frank Linden, Thorsten Wambach, Pedi Karwatka und Michael Eisenberger.

Vom allgemeinen Gejammer hat die Band Recbow die Nase voll. Die Musiker sind höchst optimistisch und zeigen das auch: Sie sind von ihrem Erfolg überzeugt.

Die Gemäuer der Hohenzollernbrücke und deren baulicher Übergang zum Hauptbahnhof haben das Flair einer bizarren Festung. Grob gehauene, dunkle Steine türmen sich auf zu mächtigen Wällen. Darüber, durch das Gewirr aus Stahl und Nieten, rollen in erhabener Langsamkeit die Züge in die Bahnhofshalle ein. Und immer, wenn eine der unzähligen Eisenachsen der Metall-Kolosse über eine Fuge zwischen zwei Gleissträngen poltert, dann hört es sich im Inneren des vermeintlichen Bollwerks an, als marschierte gerade eine Tausend-Mann-Armee in schweren Ritterrüstungen im Gleichschritt über das Dach. Inmitten dieser martialischen Kulisse, wo kein Fernreisender mehr den Duft der weiten Welt verströmt, hat die Kölner Nu-Rock-Formation Recbow ihren Proberaum gefunden. Hier, im Bauch des Bahnhofs, rocken sich die fünf Mitglieder der Combo „den Arsch ab“, wie es Schlagzeuger Frank Linden (26) formuliert.

In diesem Ambiente gedeihen Patschuli-getränkte Grufti-Bands und Black-Metal-Kinderverfrühstücker sicher prächtig. Aber Recbow ist alles andere als das. „Wir machen positive Musik“, sagt Sänger Michael Eisenberger. In der Tat ist in den Texten des 26-Jährigen nichts von Todessehnsüchten oder dergleichen zu finden. „Ich mache nicht gerne auf Herzschmerz“, erklärt er zwar, aber die Apokalypse sieht er nun wirklich nicht auf sich zukommen. Michael entwickelt vielmehr die kleine Alltagsphilosophie, gepaart aus merkwürdigen Erlebnissen und schrägen Gedanken. Ein Song etwa handelt von dem altbekannten Thema, dass man zu oft nicht darum herumkommt, Dinge zu tun, auf die man lieber verzichtet hätte. Und das Stück „Crawling Inside You“ ist ein eigenartiges „Zwiegespräch zwischen einer realen Person und einer geträumten Figur“.

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Michaels Lyrics entstehen erst, nachdem er sich die Musik seiner Mitspieler im Proberaum angehört hat. Und diese Musik nennen die Mannen von Recbow „Rock 2005“: Eine Prise Lostprophets, ein Quäntchen Hoobastank; etwas Nu-Metal, eine Runde Alternative und manchmal ein, zwei Takte Balladeskes. Dazu singt Michael klar bis leicht rau, und manchmal so, wie solche Vokalisten, von denen verwirrte Mütter aus Angst um ihre moshenden Kinder immer behaupteten, dass diese Brüllerei auf Dauer Stimmband-Krebs verursacht. Darüber kann Michael nur milde lächeln, denn als Musical-Sänger und Schauspieler ist davon auszugehen, dass er weiß, was er bei Recbow macht. In Gegensatz zu seinen Kölner Bandkollegen reist er zu jeder Probe aus Essen an. Das Wort Recbow übrigens hat keine tiefere Bedeutung als die Aufforderung an die Hörer, sich sich selbst darüber Gedanken zu machen. „Rec“, das Kürzel für „Record“ (Ton-Aufnahme), „Bow“ heißt auf Englisch „Bogen“. „Der Name soll catchy sein und Interpretationsspielraum lassen“, findet der 26 Jahre alte Gitarrist und Medienwissenschafts-Student Thorsten Wambach.

Bei ihrer Musik ist die Sache klarer: „Unser Sound bedeutet Aufbruch. Wir gucken in die Zukunft und sehen das Positive - und sei es, dass man auf andere scheißt“, meldet sich Pedi Karwatka zu Wort. Wenn der 28-Jährige von Sound spricht, ist er als gelernter Tontechniker der passende Fachmann. Als logische Konsequenz war er beim Aufnehmen und Mischen des 7-Track-Erstlings - die EP „Stuck on a one way street“ - federführend. „Das ist unser Baby“, schwärmen die fünf von ihrer komplett selbst produzierten, noch unveröffentlichten Scheibe. Aber kommenden Samstag, 26. Februar, 20 Uhr, steigt im Underground, Vogelsanger Straße 200, die große Release-Party. „Sieben Euro Eintritt, zwei Bands plus wir - und die CD gibt's for free dazu“, wirbt Gitarrist Thorsten. Eine der Co-Bands sind die Crossover-Metaler von „Sunbomb“, die auch schon in der „Klangprobe“ porträtiert wurden.

Bei der Show im Underground dürfen sich die Konzertgänger auf einiges gefasst machen. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass Sven Meier (25) die Rarität Tierpsychologie studiert und mit seinem tiefen Bass die Milz der Zuschauer bearbeiten wird. „Die Leute sind zum Kopfnicken verdonnert“, warnt Pedi, „unsere Musik setzt Energie und Adrenalin frei“, weiß Thorsten. Auch Drummer Frank hat da so seine instrumentalischen Mittel, damit aus der PA ordentlich Schub kommt. Er bedient auch ein Effektgerät mit einem tieffrequenten Subwoofer. „Damit den Mädels ein bisschen die Hosenbeine gehen“, grinst der Schlagwerker. Sympathischerweise verzichtet der angehende Informatiker auf das in manchen Sektoren der Disziplin „hart und laut“ gerne übliche völlig überdimensionierte Schlagzeug. „Ich spiele lieber ein kleines Set, dafür aber kräftiger.“ Als einzige Besonderheit gönnt er sich zwei Snear-Drums, die unterschiedlich gestimmt sind und klingen. Die von Frank bedienten Effekte und Samples tüftelt Pedi in seinem Studio aus.

Obgleich der erste Tonträger noch nicht einmal erschienen ist, sind Recbow schon jetzt besser organisiert als die meisten anderen Newcomer-Combos. Management und Booking wird von einer Firma betreut. Eine Bekannte, Xandra Herdieckerhoff, ist zufällig eine hervorragende Fotografin und eine weitere, Corinna Komarnicki, eine ambitionierte Zeichnerin, die das Cover-Artwork der EP übernahm. Im Sommer wird Recbows Weg wieder ins Studio gehen. Dann wollen sie eine neue EP oder einen ganzen Longplayer aufnehmen. „Songs sind jedenfalls genug da“, sagt Thorsten. Schon jetzt also ist die Nachfolge-Platte in Sicht und „Rock 2005“ voller Aufbruchsstimmung in der Seele - es kann losgehen. „Wenn wir es nicht schaffen, wer bitte schön dann“, feixt Michael.

Musiker, die vorgestellt werden möchten, wenden sich an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, Ruf: 224-2323 / 2297, E-Mail: KSTA-Stadtteile@mds.de, Anschrift: Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Bewerber sollten aktuelle Musikproben zusenden, auf CD oder als Sound-Datei mit einer E-Mail. Musikbeispiele der Bands, die in der Reihe präsentiert werden, sind im Internet zu hören.

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