Seit 15 Jahren besteht die Wohnanlage Am Alten Stadttor in Bad Münstereifel. Nicht immer war es leicht - zum Beispiel, als die Erft 2021 über die Ufer trat.
Wohnanlage in Bad MünstereifelDie Flut ist den Senioren und dem Team immer noch im Gedächtnis

Compassio-Regionalleiterin Sandra Molitor (l.) und Einrichtungsleiterin Karola dos Santos Ramos vor der Wohnanlage Am alten Stadttor.
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15 Jahre sind kein Jubiläum. Aber wenn man so viel erlebt hat wie die Wohnanlage Am Alten Stadttor in Bad Münstereifel, dann darf man einen halbrunden Geburtstag auch ordentlich feiern. Nach anfänglichen Problemen, das Haus zu füllen, einem Betrieb unter Pandemie-Bedingungen und einem erzwungenen Umzug nach der Flutkatastrophe hat die Pflegeeinrichtung, die zur Compassio-Gruppe aus Ulm gehört, längst eine Vollbelegung erreicht.
Angefangen hat alles noch unter der Gut Köttenich Gruppe aus Aldenhoven. Deren Geschäftsführer Raoul Pöhler hatte die Idee, Pflegeeinrichtungen an Standorten anzubieten, an denen Menschen auch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können – so berichtet es Sandra Molitor, Regionalleiterin bei Compassio. Bad Münstereifel war da naheliegend. „Es ist ein idyllisches schönes Städtchen, das gut über die Autobahn erreichbar ist und im Umkreis von einer Stunde um Aldenhoven liegt“, so die weiteren Beweggründe.
Das Haus verfügte zunächst über ein öffentliches Restaurant
2011 wurde die Wohnanlage eröffnet, Einrichtungsleiterin war Rosemarie Heiser, die Pflegedienstleitung hatte Marlene Helten inne. Lange war ein Teil des Hauses auch für die Öffentlichkeit zugänglich, nämlich das Restaurant, wo es Mahlzeiten à la carte gab. „Das war eine Win-win-Situation, denn die Gesellschaft hatte ebenso etwas davon wie auch die Leute in den Häusern“, so Molitor. Das Aus für das Angebot kam mit der Corona-Pandemie. Ende 2023 wurden alle Restaurants schließlich geschlossen.

Seit 15 Jahren besteht die Compassio-Wohnanlage Am alten Stadttor in Bad Münstereifel. Die Dekoration von der Feier hängt noch im Eingangsbereich.
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„Jetzt haben wir den Raum für die Bewohner geöffnet und bieten dort das Frühstücksbuffet, das Mittagessen sowie Kaffee und Kuchen an. Außerdem wird er für Beschäftigungen genutzt“, berichtet Einrichtungsleiterin Karola dos Santos Ramos, die seit November 2023 für die Wohnanlage verantwortlich ist.
Das „Alte Stadttor“ kannte sie natürlich schon länger. Schließlich war sie von 2005 bis 2021 als Inhaberin für die Seniorenbetreuungseinrichtung Casa in Silva in Kalenberg verantwortlich – da kennt man sich halt. Und ihr war von Anfang an klar: Vergleichbar waren die beiden Häuser nie. Anders als in Kalenberg sei die Anlage in Bad Münstereifel nicht für Menschen mit besonderen Herausforderungen geeignet. Allerdings ist die Lage in der Nähe des Stadtzentrums für viele attraktiv. Viele Bewohner begeben sich, teils mithilfe von Rollatoren, täglich auf den Weg in die City.
Der Start in Bad Münstereifel verlief eher schleppend
Dabei war der Start in Bad Münstereifel für das Gut Köttenich zunächst schwierig. Die Bürger konnten die Lage zwischen der stark befahrenen Trierer Straße und der noch stärker befahrenen Bundesstraße 51 (heute Landesstraße 194) nicht nachvollziehen. „Es lief schleppend an, es gab schließlich schon Einrichtungen in Bad Münstereifel“, erinnert sich Molitor. Drei bis vier Jahre habe es gebraucht, bis das Haus erstmals voll belegt war. Auch nach der Flutkatastrophe, die sich direkt an die Corona-Pandemie anschloss, habe es zunächst Probleme gegeben. Besonders am Personal mangelte es. „Wir hatten Ende 2023 ein kleines Tief, seit Februar 2024 sind wir aber wieder voll belegt“, so Molitor.
Wir waren beim Abendessen, als gegen 19 Uhr der Strom ausfiel. Es war gespenstisch.
2015 wurde Martin Gieraths neuer Einrichtungsleiter. Marlene Helten, die weiter Pflegedienstleiterin war, folgte auf ihn im Jahr 2019. Sie war auch die Chefin vor Ort, als 2021 das Wasser kam. „Wie viele Kollegen aus dem Pflegebereich war sie auch selbst von der Flut privat betroffen“, so Molitor.
Wie es am Abend des 14. Juli 2021 war, daran erinnern sich Veronika Mauersberger und vor allen Dingen Heike Quenzer, die damals Dienst hatten. „Wir waren beim Abendessen, als gegen 19 Uhr der Strom ausfiel. Es war gespenstisch“, so Quenzer. Eigentlich hätte sie Feierabend gehabt, doch sie entschied sich zu bleiben. Anders als ihr Auto: Das hatte sie auf dem kostenfreien Parkplatz im Goldenen Tal geparkt und wurde von den Wassermassen mitgerissen und fortgespült.
Die Wohnanlage war auch von der Flutkatastrophe 2021 betroffen
Die Situation im Untergeschoss des Hauses – die Zimmer der Bewohner liegen allesamt im ersten Stock und höher, was nur in zwei der rund 100 Compassio-Einrichtungen der Fall ist – war dramatisch. Förmlich ins Haus gespült wurden zwei Familien, die untergebracht wurden. Die Patientenklingeln funktionierten ohne Strom auch nicht mehr. Zwar stand das Wasser im Erdgeschoss nur knöchelhoch, der Keller lief allerdings komplett voll. „In Lebensgefahr befand sich zum Glück niemand“, sagte Mauersberger. Wunderbar sei die schnelle Hilfe gewesen. So war schon am Freitag aus der Einrichtung in Nörvenich eine Gulaschkanone gebracht worden.
Natürlich war an einen regulären Betrieb nicht mehr zu denken. Die Bewohner mussten anders untergebracht werden. Zu dem Zeitpunkt waren die 80 Zimmer der Wohnanlage voll belegt. „Am Sonntag brachten wir den letzten Bewohner an seinen neuen Bestimmungsort. Kleidung haben wir in Müllsäcke gepackt“, so Quenzer. In Gürzenich stand ein neues Haus leer, dort wurden Bewohner untergebracht. Andere wohnten gar kaiserlich: In der Seniorenresidenz Kaiserpalais in Königswinter mit Blick auf den Rhein. „Wir lebten dort wie in einer WG“, erzählt Quenzer lachend. Mit dabei war auch die Muttergottes der Bewohnerin Ria, die bei gemeinsamen Gebeten so etwas wie der Anker zur Heimat war. Nach ihrem Tod hat Ria die Figur Heike Quenzer vermacht.
Was ihr ebenfalls in Erinnerung bleibt, war die Solidarität. „Ganz viele Leute haben an einem Strang gezogen. Menschen sind aus dem Urlaub gekommen und haben tagelang geackert und das teils über ihre Grenzen hinaus“, so Quenzer. Das bestätigt Sandra Molitor. Viele Mitarbeiter hätten in Gummistiefeln im Schlamm gestanden und geholfen. Kollegen der „Schönes Leben“-Gruppe hätten solidarisch Urlaubstage in Geld umwandeln lassen und das an privat betroffene Kollegen in Bad Münstereifel gespendet und so auch Mitarbeiter des Alten Stadttors finanziell aufgefangen.
Besonderes Augenmerk auf die Qualität der Pflege gelegt
Bis Frühjahr 2022 liefen die Renovierungsarbeiten. Im März 2022 ging es für die ersten Bewohner zurück, das Gros folgte im April. „Aber einige Mitarbeiter wollten nicht mehr zurück“, weiß Molitor. Der Start nach der Flutkatastrophe sei deshalb sehr schwierig gewesen.
Rund ein Jahr später habe Marlene Helten das Haus verlassen. Wenige Monate danach kam Karola dos Santos Ramos. Im März 2024 wurde Claudia Vrecar Pflegedienstleiterin. Vertreten wird sie von Lukas Lanzerath, der ein Beispiel dafür ist, dass man im Haus Karriere machen kann. „Er hat erkannt, dass er mehr will, als Pfleger zu sein“, so Molitor.
So begegnet ihr diesen Menschen. Dann könnt ihr nichts falsch machen. Dafür braucht ihr auch keine Ausbildung.
Die neue Einrichtungsleiterin fühlt sich „pudelwohl. Compassio ist ein toller Arbeitgeber. Ich bekomme hier alles an die Hand, was ich benötige für den Superjob“. Diesbezüglich hat beim Unternehmen ein Umdenken stattgefunden. Die Qualität der Pflege wird höher gewichtet als die Belegungszahl.
Eigenes Kulturprogramm und Öffnung für die Stadtgesellschaft
Karola dos Santos Ramos zieht eine für sie natürliche Sache als Beispiel heran: „Eine Bewohnerin lobte mich, dass ich ein toller Mensch sei, weil ich mir Zeit für die Bewohner nehme und dass im Haus immer alle gut gelaunt, freundlich und nett sind. Das scheint in der heutigen Zeit etwas Besonderes zu sein.“ Ihren Mitarbeitern gibt sie deshalb immer mit auf den Weg, dass sie sich vorstellen sollen, sie seien der pflegebedürftige Mensch und sich dann die Frage stellen: Was würdet ihr erwarten?
„So begegnet ihr diesen Menschen. Dann könnt ihr nichts falsch machen. Dafür braucht ihr auch keine Ausbildung“, sagt die Einrichtungsleiterin. Es gehe darum, das Leben der Pflegebedürftigen lebenswert zu machen. „Wir sind keine Verwahrstation, sondern neben unserem pflegerischen Auftrag dafür verantwortlich, dass diese Menschen am Leben teilhaben“, so dos Santos Ramos.
Sandra Molitor sieht als größte Pluspunkte der Einrichtung die Nähe zur Innenstadt, die Atmosphäre und die Stimmung. „Das Haus soll Teil der Gemeinschaft sein“, sagt sie. Dos Santos Ramos erklärt ergänzend, was damit gemeint ist. So habe es zuletzt eine Lesung in den Räumlichkeiten gelesen, auch lokale Kleinkünstler sollen die Gelegenheit erhalten, ihre Werke an der Trierer Straße auszustellen. „Und wir haben dem Behindertenbeirat der Stadt angeboten, dass er bei uns kostenfrei tagen darf“, so die Einrichtungsleiterin.
Eine Umgestaltung hat es auch gegeben. In den Etagen vier und fünf des Hauses stehen mittlerweile 18 Mietwohnungen für Senioren zur Verfügung. Diese beziehen das Essen aus der Küche der Wohnanlage und können auf einen ambulanten Pflegedienst zurückgreifen. „Und wenn sie später pflegebedürftig werden, ziehen sie einfach in die Stockwerke darunter“, so Sandra Molitor.

