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HandwerkHellenthaler Traditionsbetrieb bildet zwei ausgezeichnete Orgelbauerinnen aus

6 min
Zwei Handwerkerinnen halten Orgelpfeifen in den Händen.

Orgelbau in Perfektion wird in Hellenthal praktiziert, nun auch von Melina Winkelmann und Mio Choki.

Melina Winkelmann und Mio Choki zeigen bei der Firma Orgelbau Weimbs in Hellenthal, wie lebendig ein jahrhundertealtes Handwerk heute sein kann.

Im altehrwürdigen Handwerk der Orgelbauer zeigen auch bei Orgelbau Weimbs im Gewerbegebiet Kröpsch die weiblichen Auszubildenden ihre besondere Klasse. Mit Melina Winkelmann aus Zülpich, die im vergangenen Jahr ihre Gesellenprüfung als Landessiegerin abschloss und beim anschließenden Bundeswettbewerb den zweiten Platz belegte, und Mio Choki aus Japan, die mit dem „Bildungsoscar“ der Oscar-Walcker-Schule in Ludwigsburg ausgezeichnet wurde, sind in Hellenthal nun gleich zwei Orgelbauerinnen tätig, die für ihr Können ausgezeichnet wurden.

Was nicht selbstverständlich ist, denn beide haben ihre handwerklichen Fähigkeiten im Grunde erst im Zuge ihrer Ausbildung erlernt. Vorkenntnisse? Bei Winkelmann nur wenige, die sie sich bei den Sanierungsarbeiten nach der Flutkatastrophe aneignete. Bei Choki habe es sogar vollständig an handwerklichen Erfahrungen gemangelt, gestand die 34-Jährige lächelnd.

Japanerin wechselte vom Fernsehen zur Handwerksausbildung nach Hellenthal

Die Japanerin fand den Einstieg in den Orgelbau erst spät. Vorher war sie in einer völlig anderen Branche tätig: In Japan arbeitete sie nach einem Masterstudium in Architektur als Programmdirektorin beim Fernsehen, wo sie vor allem im Kunst- und Kultursektor unterwegs war. Eigentlich sei das der Karrieretraum für viele, doch Choki, erzählt sie, habe bei ihrer Arbeit für den Fernsehsender die Faszination für das Handwerk entdeckt. „Ich habe eine Reportageserie über traditionelle japanische Handwerkstechniken gedreht.“ Danach habe sie so etwas lernen wollen.

gut eingepackt sind die Pfeifen einer Kirche in Bernkastel, die in Hellenthal saniert wurde.

Gut eingepackt sind die Pfeifen einer Orgel aus Bernkastel, die in Hellenthal saniert wurde.

Ein moderner Orgelspieltisch steht in der Werkstatt der Firma Weimbs.

Mit viel Elektronik arbeiten die Orgelspieltische, die komplett in Hellenthal gefertigt werden.

Dass es der Orgelbau geworden ist, sei dem Zufall geschuldet gewesen. Von Kindheit an habe sie sich für Musik interessiert. Ihre Mutter habe Orgel gespielt. In der Coronazeit habe Choki dann auch angefangen, das Instrument zu erlernen und auch Unterricht genommen. Doch die Faszination ging tiefer.

„Ich habe gehört, dass es in Japan wohl viele Orgeln gibt, aber nur wenig Orgelbauer“, sagt sie. In Kirchen, Hotels, Schulen, aber auch in Konzerthallen seien die Instrumente zu finden. Die Orgelbauer hätten ihr Handwerk in Deutschland gelernt, und so habe sie sich ebenfalls um eine Lehrstelle in Deutschland beworben. Seit 2022 ist sie in Deutschland, in ihrem Lehrbetrieb in der Eifel, und konnte vor Kurzem ihre Ausbildung in der praktischen Prüfung mit der Note 1,3 abschließen.

Melina Winkelmann aus Zülpich hatte zunächst „keinen Bezug zur Orgel“

Bei Melina Winkelmann sei es auch Zufall gewesen, dass sie im Orgelbau Fuß gefasst habe, berichtet sie. Zweimal habe sie die Anzeige gesehen, in der der Hellenthaler Orgelbaubetrieb Weimbs eine Auszubildende suchte. „Beim zweiten Mal habe ich gedacht, das kann kein Zufall sein“, sagt sie schmunzelnd. Daraufhin habe sie sich vor fünf Jahren um ein Praktikum bei Weimbs beworben und, nachdem das erfolgreich ablief, im August ihre Ausbildung dort angefangen.

„Eigentlich hatte ich keinen Bezug zur Orgel.“ Und auch handwerklich habe sie wenig Erfahrung gehabt. Doch kurz vor Beginn ihrer Ausbildung ereignete sich die Flutkatastrophe, von der auch ihr Elternhaus betroffen war. Bei den Aufräumarbeiten konnte sie sich die ersten Kenntnisse im Umgang mit Werkzeug und Maschinen aneignen.

Es ist vor allem die Vielseitigkeit, denn an einem Tag arbeitest du mit Holz, dann mit Metall oder mit Leder.
Melina Winkelmann, Orgelbauerin, erklärt den Reiz des Berufs

Bei Choki war es dagegen noch extremer. Als sie in der Orgelbauschule in Ludwigsburg begann, die als Berufsschule für den Großteil der Orgelbaubetriebe in Deutschland fungiert, musste sie genauso wie ihre Ausbilder feststellen, dass sie noch nie eine Säge in der Hand gehabt hatte. „In Japan hatte ich nie die Gelegenheit, so etwas zu machen“, sagt Choki. So sei ihr dieser Teil nicht leicht gefallen. „Manchmal muss man ein bisschen verrückt sein.“ Nicht nur verrückt, denn sie schloss ihre Berufsschulzeit als beste Absolventin ab und wurde mit dem Ausbildungspreis der Oscar-Walcker-Schule ausgezeichnet.

Beim Bundeswettbewerb auf dem zweiten Platz gelandet

Winkelmann schloss ihre Ausbildung mit dem besten Ergebnis im Kammerbezirk und auch auf Landesebene ab. Das verschaffte ihr die Einladung zum Bundeswettbewerb, der wieder in der Orgelbauschule in Ludwigsburg ausgetragen wurde. „Wir mussten innerhalb von fünf Stunden eine Orgelpfeife und einen Pfeifenhalter bauen“, sagt sie. Dabei habe sie den zweiten Platz belegen können.

Das mache aber auch deutlich, ergänzt Winkelmann, welch gute Ausbildung sie in Ludwigsburg und Hellenthal gehabt hätten, dass sie die Gesellenprüfung am Ende so gut bestanden hätten. Denn das Orgelhandwerk verlange besonders umfassende Kenntnisse. Im Schreinerhandwerk müssen die Absolventen genauso bewandert sein wie in der Metallverarbeitung und der Elektroinstallation. Was aber letzten Endes die Arbeit so schön mache, schwärmt sie.

„Es ist vor allem die Vielseitigkeit, denn an einem Tag arbeitest du mit Holz, dann mit Metall oder mit Leder“, sagt sie. Natürlich sei die Ausbildung anstrengend und schwierig gewesen. Eine Herausforderung sei auch die Tatsache, dass es immer wieder notwendig sei, zu reisen und an anderen Orten zu arbeiten. „Aber es war nie so, dass ich dachte, das ist es nicht.“

Und auch Choki hat die Begeisterung für die Orgeln gepackt. Wie Winkelmann ist sie nach ihrer Gesellenprüfung von der Firma Weimbs übernommen worden. Doch ihr Weg führt sie noch weiter. „Ich liebe alte und historische Orgeln.“ Deshalb wolle sie sich demnächst in einem Betrieb weiterbilden, der sich darauf spezialisiert habe. Zurück nach Japan? Da ist sie noch unentschieden. Dort gebe es nur neue Orgeln, gab sie zu bedenken, doch wenn es sich ergebe, werde sie auch gerne nach Japan gehen, um dort ihre Erfahrungen anzuwenden.


Steckbrief: Die Firma Weimbs aus Hellenthal

Das Orgelhandwerk ist bekanntermaßen vielseitig und erfordert Kenntnisse in Holz- genauso wie in Metallverarbeitung. Immer mehr Bedeutung hat aber auch die Elektronik gewonnen, die nun auch in Hellenthal entwickelt und verarbeitet wird. Notwendigerweise, denn die Zeiten, als der Betrieb die elektronischen und digitalen Steuerungen für die Orgeln extern bestellen und liefern lassen konnte, sind Vergangenheit. „Der größte Zulieferbetrieb hat aufgehört“, sagt Frank Weimbs.

Porträtaufnahme von Frank Weimbs. Er trägt eine Brille und ein dunkelblaues Hemd.

Frank Weimbs, Orgelbaumeister und Inhaber von Orgelbau Weimbs in Hellenthal.

Also ist Selbermachen angesagt. Eine Herausforderung, denn die Spieltische, die natürlich nichts mit Blackjack oder Poker zu tun haben, sind immer komplexer geworden. Gab es früher die Manuale und diverse Holzzüge, mit denen die Register geschaltet wurden, sehen die Arbeitsplätze der Organisten mittlerweile fast wie ein Flugzeugcockpit aus. Kippschalter, Druckknöpfe und Regler aller Art bieten vor allem den ambitionierten Organisten, die auch zeitgenössische Musik umsetzen wollen, jede Menge Möglichkeiten. Doch die Herausforderung ist noch komplexer, denn auch die Einfachheit ist gefordert. „Der Spieltisch muss so sein, dass auch ein Organist, der von der ganzen Technik nichts versteht, sich an die Orgel spielen und einen Gottesdienst begleiten kann“, so Weimbs.

Norwegen und Italien, Schweden und Deutschland – die Firma Weimbs ist international aktiv. Was die Firma vor ganz eigene Herausforderungen stellt. Denn auch wenn die Orgel in Hellenthal konstruiert worden ist, muss sie von den Spezialisten aus der Eifel vor Ort zusammengebaut und intoniert werden. Wenn das aber in einem Nicht-EU-Land wie Norwegen oder der Schweiz stattfindet, ist wieder die Bürokratie gefragt: „Dann muss das komplette Werkzeug, jeder Schraubenzieher und jeder Bohrer, mit einem Carnet beim Zoll angemeldet werden, damit es anschließend wieder unkompliziert nach Deutschland zurückgenommen werden kann“, verrät Weimbs. (sev)