Im überarbeiteten Streckhof im Freilichtmuseum Kommern wurde eine Ausstellung über Geburten im Rheinland im frühen 20. Jahrhundert eröffnet.
Neue AusstellungLVR-Museum Kommern informiert über Geburten im Rheinland in früherer Zeit

Mithilfe der Wöchnerinnenschüssel versorgten Nachbarinnen die junge Mutter mit Essen.
Copyright: Wolfgang Kirfel
Das LVR-Freilichtmuseum Kommern hatte am Sonntag gleich zwei Gründe zum Feiern: Zum einen wurde der im Rahmen des Projekts „(H)aus alt mach neu!“ überarbeitete Streckhof aus Hanf im Rhein-Sieg-Kreis in der Baugruppe Westerwald wieder eröffnet. Zum anderen bietet der Hof jetzt Einblicke in Geburten im ländlichen Raum des Rheinlandes im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Im Fokus der Präsentation steht dabei der Berufsstand der Hebamme, der in diesem Zeitraum immer neuen Wandlungsprozessen unterworfen war.
Der Hof aus dem Jahr 1688 war bis 1953 bewohnt gewesen. 1964 war er im LVR-Freilichtmuseum Kommern als Teil der Baugruppe Westerwald/Mittelrhein wiederaufgebaut und jetzt saniert worden. In den neu eröffneten Räumen des Hofs werden jetzt besondere Objekte aus der Geburtshilfe präsentiert und die Themen Geburt im ländlichen Raum, Brauchtum und Hygiene vermittelt. Die Alltagsausstattung der Räume orientiert sich an der Hausgeschichte und verbindet sich mit dem Kontext der Ausstellung.
Schwangerschaft und Geburt haben sich stark verändert
„Um die Geburt eines Kindes ranken sich viele Bräuche, die sich im Laufe der Zeit stark verändern können“, erklärte Elfi Scho-Antwerpes, stellvertretende Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland. Durch den medizinischen und technischen Fortschritt hätten sich die Bereiche Schwangerschaft und Geburt in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Beispielsweise könne mit Hilfe verschiedener Apps die Größe des heranwachsenden Kindes nachvollzogen werden.
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Die Ausstellung eröffneten (v.l.) Dr. Carsten Vorwig, LVR-Kulturdezernentin Corinna Franz, Elfi Scho-Antwerpes und Jan N. Clevinghaus.
Copyright: Wolfgang Kirfel
„Gerade im 19. Jahrhundert war Fortpflanzung ein schambehaftetes Thema. Man sprach kaum darüber, und schon gar nicht mit den Kindern“, so Scho-Antwerpes. Deshalb habe man sich zur Erklärung des Familienzuwachses der Figur des Klapperstorchs bedient, der vermeintlich die Kinder brachte. Die neue Ausstellung im Hof aus Hanf knüpfe an die historischen Vorstellungen an, gehe aber weit darüber hinaus: „Sie widmet sich den Realitäten des Gebärens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und damit einer Zeit tiefgreifender medizinischer, gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche.“
Hausgeburten waren bis Mitte des 20. Jahrhunderts Standard
Ende des 19. Jahrhunderts seien in Deutschland vier Mütter pro 1000 Lebendgeburten gestorben. Heute liege der Wert 80-mal niedriger. Auch die Säuglingssterblichkeit habe sich durch neue medizinische Möglichkeiten und verbesserte Hygienestandards drastisch reduziert. Sie sei alleine zwischen 1872 und 1920 halbiert worden.
„Während heute ein Großteil der Hebammen in Kliniken angestellt ist und in einem medizinisch geschulten Team arbeitet, spielte historisch gesehen die weibliche Gemeinschaft bei der Geburtshilfe eine zentrale Rolle“, sagte Scho-Antwerpes.
Gerade im 19. Jahrhundert war Fortpflanzung ein schambehaftetes Thema. Man sprach kaum darüber, und schon gar nicht mit den Kindern.
Erfahrene Frauen, die selbst schon Mütter waren, hätten ihr Wissen weitergegeben und seien damit Vorläufer der modernen Hebamme gewesen. Hausgeburten seien bis Mitte des 20. Jahrhunderts Standard gewesen. Abschließend dankte Scho-Antwerpes allen, die mitgearbeitet haben, das Projekt zu realisieren, vor allem dem Kuratorenteam mit Jan N. Clevinghaus und Michelle Turlach.

Eine Hebammentasche samt den darin befindlichen Utensilien ist auch in der Ausstellung zu sehen.
Copyright: Wolfgang Kirfel
Säuglingswaage aus den 1940er-Jahren bei Hausarzt entdeckt
Dr. Carsten Vorwig, Leiter des LVR-Freilichtmuseums, berichtete, er habe jüngst bei seinem Hausarzt eine Säuglingswaage aus den 1940er-Jahren und andere Hebammeninstrumente gesehen. Sein Arzt habe die Sachen von einer ehemaligen Hebamme bekommen. „Die Ausstellung ist eine Zeitreise in das frühe 20. Jahrhundert. Der Hof ist ein sehr passendes Gebäude, um zu vermitteln, wie eine Hausgeburt in dieser Zeit ausgesehen hat.“ Vorwig dankte vor allem dem Förderverein: „Ohne die Unterstützung hätten wir uns das Projekt in Zeiten massiver Kürzungen nicht leisten können.“
Kurator Clevinghaus, selbst zweifacher Vater, betonte, dass die Betreuung seiner Familie durch eine Hebamme von „unschätzbarem Wert“ gewesen sei. Hebammen seien in der Vergangenheit oft einem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Druck ausgesetzt gewesen und hätten sich auch gegen Ärzte behaupten müssen.
Anschließend ging er auf einige Ausstellungsstücke wie eine Hebammentasche mit den wichtigsten Utensilien für eine Hausgeburt ein. Dazu gehören Hörrohr, Nabelschnurschere, Bürste, Desinfektionsmittel und vieles mehr.
Zu sehen ist auch eine Wöchnerinnenschüssel aus Marburger Keramik aus dem Jahr 1843. Die Schüsseln wurden häufig vom zukünftigen Taufpaten geschenkt. Damit konnten Nachbarinnen die Wöchnerin mit Speisen versorgen. Der Deckel der Schüssel diente zugleich als Teller. Eine Kinderwiege, die nach Vorbildern aus dem 19. Jahrhundert gestaltet wurde, darf natürlich auch nicht fehlen.

