Der Journalist Franz Albert Heinen zeigt anhand von Denkmälern in Schleiden, wie sich die Erinnerung an die Toten von Kriegen verändert hat.
Erinnerungskultur verändert sichBuchautor zeigt an Denkmälern in Schleiden den Wandel

Der preußische Adler, der mit einer Schlange kämpft, ist an der Spitze des Tempelchens oberhalb von Schleiden zu sehen.
Copyright: Wolfgang Kirfel
An vielen Orten im Kreis Euskirchen wird an die Toten aus Kriegen vergangener Zeiten erinnert. Die Art und Weise, wie an die Opfer von Schlachten und Gewalt gedacht wird, hat sich dabei in den vergangenen 100 Jahren stark verändert, sagt der Schleidener Journalist und Buchautor Franz Albert Heinen: „Statt der Verehrung des Heldentods steht heute die Trauer um die Opfer im Mittelpunkt.“ Heinen hatte auf Wunsch des Geschichtsvereins des Kreises Euskirchen eine Führung zu Denkmälern in Schleiden angeboten.
Die Veränderungen machte er an vier Mahnmalen und Gedenkstätten deutlich, die aus verschiedenen Zeiten stammen. Dazu gehören das Tempelchen oberhalb von Schleiden, das umgestaltete Kriegerdenkmal an der Auffahrt zum Schloss sowie das neue Mahnmal für sechs Opfergruppen der NS-Gewaltherrschaft vor dem alten Rathaus.
Nach der Gründung des Kaiserreichs wurden viele Kriegerdenkmäler gebaut
Bis Ende des 19. Jahrhunderts seien die Trauer und das Gedenken an Kriegsopfer Privatsache gewesen. Nach den Reichseinigungskriegen 1864 (Dänischer Krieg), 1866 (Deutscher Krieg) mit dem Aufstieg Preußens zur deutschen Führungsmacht und 1870/71 dem Deutsch-Französischen Krieg und der Gründung des zweiten deutschen Kaiserreichs seien in vielen Orten Kriegerdenkmäler gebaut worden. Damit wurde das Gedenken an die Opfer zur öffentlichen Angelegenheit, so Heinen.

Das Kriegerdenkmal der Stadt bestand zuerst aus einer Löwenfigur auf einem Obelisken.
Copyright: Franz Albert Heinen

Drei ineinander verschränkte Stahlkreuze bilden seit 1960 das Kriegerdenkmal am Aufgang zum Schloss.
Copyright: Wolfgang Kirfel
„Schon 1872 gab es im heutigen Kreis Euskirchen einen Kriegerverein, Anfang des 20. Jahrhunderts fast in jedem Dorf“, erzählt Heinen. Die seien alle „stramm konservativ, kaisertreu und explizit national aufgestellt“ gewesen, was jedoch meistens als „patriotisch“ verbrämt worden sei. Das Gedenken habe deutlich militaristische und nationalistische Züge angenommen: „Den anonymen Massentod an den Fronten deuteten die Kriegervereine um zum angeblich erstrebenswerten ,Heldentod’.“ Diese Ansicht habe sich nach dem Ersten Weltkrieg noch einmal verstärkt.
Wortführer der Veteranen seien oft Meinungsführer in den Orten gewesen. Dadurch sei das Heldengedenken gesellschaftsfähig geworden. Vor diesem Hintergrund habe der Kyffhäuserbund in Schleiden erst relativ spät 1910 eine Initiative zum Bau eines sogenannten Kriegerdenkmals der Einigungskriege für das Kreisgebiet gestartet.
Stein oder Turm auf „einer hervorragenden Höhe unserer Eifelberge“
Am 13. März 1910 habe es einen Spendenaufruf des Ausschusses zur Errichtung eines Kriegerdenkmals des Kreises Schleiden gegeben. Es sollte laut Aufruf ein Stein oder Turm auf „einer hervorragenden Höhe unserer Eifelberge“ sein. „Das Denkmal sollte ,künden von ruhmreicher Zeit und der Entstehung eines großen deutschen Vaterlandes’“, berichtet Heinen. Erinnert werden sollte an einen Toten im Dänischen Krieg, zwölf Tote im Deutschen Krieg und 37 im Deutsch-Französischen Krieg.

An neue Opfergruppen erinnert das Mahnmal, das 2025 am alten Rathaus in Schleiden aufgestellt wurde,
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Mit der Veränderung in der Gedächtniskultur hat sich Franz Albert Heinen beschäftigt.
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In relativ kurzer Zeit seien 13.757 Mark gespendet und der Standort oberhalb von Schleiden festgelegt worden. Der Düsseldorfer Architekt Ernst Stahl – in der Region bekannt durch die Restaurierung der Burgen unter anderem in Blankenheim und Monschau und später durch den Bau der Jugendherbergen in Blankenheim, Gemünd, Hellenthal – habe für 500 Mark einen Entwurf vorgelegt. Er sah einen Rundturm in Beton mit Aussichtsplattform und Umgang vor, dessen Außenflächen mit Bruchstein verkleidet werden sollten. „Der Turm erinnert vage an einen antiken Tempelbau. Deshalb bekam er auch den Namen Tempelchen.“
Mit dem Bau wurde am 15. Mai 1914 begonnen. Das Denkmal sollte 10.235 Euro kosten, am Ende waren es 15.235,50 Mark. Die geplante Enthüllungsfeier am 14. September 1914 fiel wegen des Krieges aus. Der Rohbau verfiel bis Ende der 1920er Jahre, ehe Kreisbaumeister Hermann Burisch im Februar 1929 einen Plan zur Fertigstellung des Bauwerks vorlegte und das Geld beschaffte.
Heute wird das Tempelchen vor allem als Aussichtsplattform genutzt
Gestaltet wurde das Gebäude von Künstler Rudolf Breidenbach an der Talseite mit dem Relief eines preußischen Adlers, der zu seinen Füßen mit einer Schlange kämpft: „Ein geläufiges Motiv, das den Krieg moralisch deutete und den Gefallenen eine heroische Rolle zuschrieb.“
Auf einer Säule des Umgangs steht: „Seinen im Krieg 1870/71 und im Weltkrieg 1914/18 gefallenen Söhnen. Der dankbare Kreis Schleiden.“ 1934 wurde nachträglich eine Tafel mit den Namen der in den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 Gefallenen enthüllt. „So wurde das Tempelchen erst rund 20 Jahre nach dem Baubeginn fertiggestellt. Heute wird es vor allem als Aussichtsplattform und als Eifelblick genutzt und hat seinen Charakter als Denkmal völlig eingebüßt.“ 2011 wurde das Tempelchen von Mitgliedern einer Bürgerinitiative renoviert.
Für das Kriegerdenkmal der Stadt Schleiden am Aufgang zum Schloss wurden seit 1922 Spenden gesammelt. Der städtische Junggesellenbund hatte festgestellt, dass Schleiden „eines der wenigen Städtchen sei, die bisher noch nicht dem Gedenken unserer Gefallenen ein Wahrzeichen gesetzt“ hatten. Schon fünf Jahre später wurde das Denkmal enthüllt.
Tafel mit 23 Namen wurde nachträglich angebracht
„Auf einem weißen Obelisken ruht ein Löwe. Verhaltene Kraft, sieghafte Ruhe, mannbares Streiten hat der Aachener Bildhauer Fritz Neumann in ihm verkörpert“, zitiert Heinen eine zeitgenössische Quelle. Der Löwe verkörpere den „Glaube an unseres Vaterlandes Wiederauferstehung“. Bürgermeister Langen habe die Teilnehmer nicht etwa dazu aufgerufen, zu trauern, sondern ganz im Gegenteil den Toten im Heldentod nachzueifern.
Im Unterhaltungsblatt und Anzeiger für den Kreis Schleiden war zu lesen: „Schleiden ehrt seine großen Toten, seine Helden, seine Schicksalsgetreuen.“ Nachträglich sei eine Tafel mit 23 Namen sowie der Hinweis: „Für Heimat und Vaterland starben im Weltkriege 1914 – 1918“ angebracht worden.
Ab 1933 gab es dort zum Heldengedenktag am 16. März große NS-Veranstaltungen mit Ansprachen. „Braune Kohorten aus der Stadt, Schüler der Hitlerjugend und die Bevölkerung waren gemeinsam vor dem Denkmal angetreten.“
Drei verschränkte Stahlkreuze mit den Jahreszahlen der Weltkriege
Ende der 1950er Jahre wurde der Löwe als nicht mehr zeitgemäß empfunden und das Denkmal abgerissen. Nach einem Künstlerwettbewerb fiel 1960 die Wahl auf einen für Entwurf von Paul-Gerhard Bertrams, der später Lehrer am städtischen Gymnasium war.
Dabei handelt es sich um drei ineinander verschränkte, gerundete Stahlkreuze mit den Jahreszahlen der Weltkriege auf dem kleinen Sockel. „Das war das erste Mahnmal ohne Pathos und stramme Sprüche, das in der Gestaltung und in der Aussage völlig anders war als alle Vorgänger im weiten Umland.“ Dementsprechend hat es nach den Recherchen von Heinen damals große Diskussionen und Leserbriefschlachten gegeben.
Der Künstler Bertrams erklärte 1962 in einem Heimatkalender, dass das Ehrenmal auf der Kriegergedenkstätte in Schleiden als ein Gedenkzeichen verstanden werden, und seine Form das veränderte Verhältnis der heute Lebenden zu den Gefallenen deutlich machen solle. Das Verhältnis einer Generation, die keine vaterländischen Parolen mehr gutheiße, auch keine erhabene Größe notwendiger Opfer mehr kenne, sondern sich stattdessen mit einem nicht mehr so handfesten, kaum noch fassbaren Sinn des Kriegstodes bescheide.
Mahnmal am alten Rathaus für völlig neue Opfergruppen
80 Jahre nach der Befreiung des Stadtgebiets von den Nazis wurde 2025 am alten Rathaus ein Mahnmal enthüllt, das völlig neue Opfergruppen berücksichtigt: die jüdischen Opfer des Holocausts, die Menschen, die zur Zwangsarbeit in die Eifel verschleppt worden waren und die Kriegsgefangenen. Dazu kommen Menschen, die unter dem Begriff der „Rassenhygiene“ ermordet oder verstümmelt wurden, politisch Verfolgte und Opfer der Gestapo.
„Es ist quasi ein Überbau für alle Opfer, von denen viele vermutlich für immer namentlich unbekannt bleiben werden. Manche Opfergruppen wurden bis dahin gar nicht berücksichtigt oder lassen sich teilweise auch mit Stolpersteinen kaum würdigen, weil sich kein sinnvoller Ort für die Verlegung begründen ließe“, erklärt der Schleidener. Das gelte beispielsweise für jenen namentlich unbekannten Zwangsarbeiter, der im Herbst 1944 auf einem Waldweg an der Straße nach Bronsfeld ermordet worden war.
Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Schleiden
Initiiert worden war das Projekt von dem kleinen Arbeitskreis Gedenken, in dem sich auch Heinen engagierte. Das Kuratorium der Bürgerstiftung Schleiden beschloss am 19. Dezember 2023 die Errichtung eines Mahnmals als „Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Stadtgebiet Schleiden“ und stellte dafür 10.000 Euro bereit. Regionale Banken förderten das Vorhaben, das 15.000 Euro kostete.
Mitglieder des Arbeitskreises übernahmen die Forschungen und unterbreiteten Formulierungsvorschläge für die Texttafel am Mahnmal. Auf eine Ausschreibung gingen vier Vorschläge ein. Die Jury plädierte schließlich für den Entwurf, der ihrer Auffassung am nächsten kam und die sechs Opfergruppen aufgriff. Den ersten Preis erhielt der Monschauer Künstler Peter Henn.
Sein Entwurf besteht aus sechs senkrechten, 2,60 Meter hohen Stahlstelen, die im Kreis angeordnet sind und die jeweils für eine Opfergruppe stehen. Im oberen Teil sind sie abgeknickt. Dadurch bilden sie eine Art Schirm über den Opfern. Gleichzeitig erinnern sie aber auch an die im oberen Teil überhängenden Pfähle, an denen der Stacheldraht für die Umzäunungen der Konzentrations- und Gefangenenlager befestigt wurde. An dem Mahnmal ist über einen QR-Code eine Dokumentation abrufbar. Inzwischen hat sich in Schleiden ein Gedenkverein gegründet.
