Leverkusen – Die Stimme ist unverwechselbar, aber die Menschen erkennen ihn auf der Straße lange bevor er den Mund aufmacht. Nicht nur an der Fliege. Professor Karl Lauterbach, seit Jahren der Gesundheitspolitiker der SPD schlechthin und seit 2005 Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Leverkusen/Köln-Mülheim, ist längst in die Spitzenliga der deutschen Politik aufgestiegen. „Als künftiger Gesundheitsminister werde ich...“ geht ihm zügig von den Lippen, die ihm angemessen vorkommende Position hat er innerlich längst eingenommen. Gesundheit, Bildung, Forschung – das sind seine Fachgebiete, in denen er sattelfest ist, für die er klare Vorstellungen hat, die umzusetzen ihm Motivation sind.
Karl Lauterbach wurde im Februar 1963 in Düren geboren. Er studierte Medizin in Aachen und San Antonio (Texas) und promovierte 1987 an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. 1989 bis 1992 studierte er Gesundheitsökonomie an der Harvard-Universität in Boston (USA), wo er immer noch als Gastdozent tätig ist. Seit 1998 leitet er als Professor das Institut für Gesundheitsökonomie der Universität Köln. Der SPD gehört Lauterbach seit 2001 an, seit 2005 ist er Mitglied des Bundestages. Er ist gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. (ger)
Gleiche Bildungschancen für alle, unabhängig von ihrer Herkunft – das ist das eigentliche Kernthema des Medizinprofessors, der aus einer katholischen Arbeiterfamilie im ländlichen Kreis Düren stammt und der sich mit Fleiß, Ehrgeiz und eiserner Disziplin durchgesetzt hat. Gute Noten ebneten den Weg zum Medizinstudium. Es folgten Jahre in Amerika, an der renommierten Harvard-Universität in Boston, wo er heute noch als Gastdozent tätig ist, und die Institutsleitung an der Universität zu Köln, die ihren Professor für das Bundestagsmandat beurlaubt hat.
Ich bin sehr leistungsorientiert
Ohne eigene Anstrengungen, aber auch Förderung wäre diese Karriere nicht geglückt, das ist Lauterbach klar. „Ich bin ausgesprochen leistungsorientiert. Ich weiß aber auch aus eigener Erfahrung, dass viele Menschen es bei aller Anstrengung aus eigener Kraft nicht schaffen. Denen muss die Gesellschaft Chancen geben.“ Seine Chance eröffnete ihm die christdemokratische Konrad-Adenauer-Stiftung. Seiner Herkunft als katholischer Arbeitersohn gemäß, war die Katholische Arbeitnehmerbewegung und dem folgend die CDU zunächst seine politische Heimat. Aber als 1995 nach Jahren aus den USA zurückkam hatte sich die CDU geändert, „sie war zur Arbeitgeberpartei geworden“, sagt er.
Es war die Kohl-CDU, in der Lauterbach sich nicht mehr heimisch fühlte, die er verließ. 2001 trat er in die SPD ein. Chancengleichheit für alle, vor allem die Förderung von leistungsbereiten Talenten war das Thema des Professors, dessen Rat schnell gefragt war. Lauterbach war es, der als Mitglied der Rürup-Kommission den Begriff der „Bürgerversicherung“ prägte, mit der eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Medizin abgeschafft werden soll. War er manchen in Berlin anfangs als akademischer Schnösel vorgekommen, fand sich Lauterbach alsbald aber ein, je mehr er das politische Handwerk mit all seinen Fein- und Grobheiten kennenlernte.
Unentbehrlich für Steinbrück
Bei der Zusammenstellung von Peer Steinbrücks Schattenkabinett führte an Lauterbach jetzt kein Weg vorbei. Längst ist er in der Parteispitze bestens verankert, nicht allein sein Sachverstand wird geschätzt. Er gilt zwar als Parteilinker, aber auch als Pragmatiker. Er kann es mit Sigmar Gabriel und Peer Steinbrück, hat einen guten Draht zu Hannelore Kraft. Und er kennt sich im Gesundheitswesen so gut aus, dass er die mächtigen Lobbyisten am Regierungssitz am liebsten zum Teufel schicken würde, weil sie schädlich seine und mit gefährlich viel Einfluss wichtige Veränderungen verhinderten.
Lauterbach hat den Mediziner nicht ganz an den Nagel gehängt, um in der Politik aufzugehen. Die Lektüre medizinischer Fachliteratur gehört für ihn zum täglichen Pflichtprogramm wie der Sport, vor allem Laufen, Radfahren und die südchinesische Kampfsportart Wing Tsun. Als junger Mann hat er Fußball, Handball und Tischtennis im Verein betrieben, „allerdings mehr ambitioniert als talentiert“. Gesundheit ist nicht nur sein Thema, er lebt sie vor. Was seine Parteigenossen mitunter anstrengt, wenn er mit seinen Warnungen vor Bratwurst und anderen Volksschädlingen die Spaßbremse tritt.
Dennoch sieht Karl Lauterbach sich nicht nur an der Parteispitze, sondern auch an der Basis bestens verankert. Jetzt, im Wahlkampf, treibt er sich emsig in den Fußgängerzonen herum, setzt voll auf Straßenwahlkampf. „Die Leute kommen auf mich zu, stellen ganz konkrete Fragen.“ Er wird gesehen und erkannt, zeigt Präsenz. Hausbesuche macht dieser Arzt auch im Wahlkampf selten: „Ich will die Leute ja nicht belästigen.“
Dabei kommt es diesmal mehr als zuvor auf jede Stimme an. Nur 37,1 Prozent der Erststimmen reichten Lauterbach 2009 zur Verteidigung seines Direktmandates, es war ein hauchdünner Vorsprung von nur 2275 Stimmen. Und diesmal? „Ich werde knapp gewinnen, aber ich werde gewinnen“, gibt er sich selbstbewusst. „Wer risikoscheu ist, sollte nicht in die Politik gehen.“ So geht Lauterbach volles Risiko. Holt er nicht die Mehrheit der Erststimmen im Wahlkreis, war es das mit dem Sitz im Bundestag – und womöglich mit der Vorstellung, der erste Minister zu sein, der aus Leverkusen kommt. Denn über die SPD-Landesliste ist er nicht abgesichert. „Ich habe es nicht nötig, einem Listenplatz nachzulaufen.“ Und was, wenn es diesmal nicht reicht? „Ich bin nicht jemand, der mit einem Plan B in der Tasche antritt. Ich kämpfe für meinen Erfolg und werde das Ergebnis mit Sportsgeist erwarten.“
