Seit 30 Jahren unterstützt das Fanprojekt Leverkusen junge Fußballfans auf der Tribüne ebenso wie abseits des Platzes.
Fanprojekt Leverkusen30 Jahre zwischen Auswärtsfahrten und Liebeskummer

Fanprojekt-Leiterin Daniela Frühling und Sozialpädagoge Michael Trojahn vor den Manforter Räumen.
Copyright: Stefanie Schmidt
„Wenn die Eltern uninteressant werden, die Probleme aber bleiben, kommen wir ins Spiel“, fasst Daniela Frühling ihre Arbeit zusammen. Das gilt wohl allgemein für offene Jugendarbeit. Im Fanprojekt Leverkusen gibt es neben der Jugend und der Gemeinschaft noch eine Sache, die alle verbindet: der Fußball. Und das seit 30 Jahren.
Gegründet wurde der Verein Fanprojekt Leverkusen 1996 als unabhängige, anerkannte Einrichtung der freien Jugendhilfe. Getragen von Land, Stadt und Deutschem Fußballbund. „In den 1990er-Jahren waren Hooligans und rechte Fangesänge in den Fankurven gang und gäbe“, erklärt Frühling, die selbst seit 15 Jahren beim Fanprojekt arbeitet und seit 2022 dessen Leiterin ist. Die problematische und gewaltbereite Gesinnung in Teilen der Fanszene wurde von den Verantwortlichen im Fußballbund und Verein erkannt – und die Erkenntnis, dass man soziale Arbeit, besonders mit jungen Menschen, frühzeitig in die Fanszene integrieren sollte.

Bilder aus 30 Jahren: U-16-Auswärtsfahrt mit dem Fanbus.
Copyright: Fanprojekt Leverkusen
Das erste Fanprojekt dieser Art wurde 1981 in Bremen gegründet, mittlerweile gibt es 71 in ganz Deutschland. Seit 1989 gibt es die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) der Fanprojekte als Zusammenschluss dieser Einrichtungen, während die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) seit 1993 existiert und die bundesweite Fachaufsicht übernimmt. Fanprojekte arbeiten nach dem Nationalen Konzept für Sport und Sicherheit, sind aber bewusst unabhängig sowohl von Fußballvereinen als auch von Verbänden.
Das ist eine unabdingbare Grundlage der Arbeit, denn das Wichtigste sei Vertrauen, betont auch Mitarbeiter Michael. „Wir sind nicht diejenigen, die mit der Keule auf die Jugendlichen einschlagen, das machen andere schon genug.“ Etwa, wenn es um Themen wie Pyrotechnik oder Stadionverbote geht. „Ich sage immer: Ich verstehe die Sicht der Fans, muss sie aber deswegen nicht immer gut finden“, erklärt Frühling. Ihre Aufgabe sei es, den jungen Menschen eine Ansprechpartnerin zu sein, ihnen vielleicht auch mal das eigene Verhalten zu spiegeln und andere mögliche Wege aufzuzeigen. „Wir vermitteln: Du als Person bist in Ordnung, auch wenn dein Verhalten es vielleicht einmal nicht ist. Und Jugendliche gehen nun mal nicht regelkonform durchs Leben.“ Es gehe viel um Wertschätzung, die die Fanszene öffentlich recht wenig erfährt.

Der Traum wurde wahr: Fanprojekt-Verantwortliche Daniela Frühling, Riccardo Bitonti und Michael Trojahn mit der Meisterschale
Copyright: Fanprojekt Leverkusen
Und darum, eine Gemeinschaft zu erzeugen, die junge Menschen stärkt und verbindet. So organisiert das Fanprojekt seit 30 Jahren etwa gemeinsame Busausflüge zu Auswärtsspielen, Spieltagsbegleitung, Fußballgruppen für Jungen und Mädchen, Lauftreffs, Erlebnispädagogik und Sommerferienprogramm, immer zu einem „taschengeldfreundlichen“ Preis. „Fußball ist teuer“, sagt Frühling. Teilhabe auch für Jugendliche aus weniger vermögenden Familien zu ermöglichen, sei auch eine Aufgabe des Fanprojekts. Es muss auch nicht immer Fußball sein, in den Sommerferien etwa macht das Fanprojekt einen Ausflug ins Phantasialand. „Das läuft immer gleich ab“, erzählt Frühling. Nach der gemeinsamen Busfahrt gibt es zuerst eine gemeinsame Fahrt auf der Familienachterbahn „Colorado“. Dann wird ein Treffpunkt gesucht, von dem aus sich alle frei im Park bewegen können, bis am Ende wieder eine gemeinsame Abschlussfahrt auf „Colorado“ ansteht. „Das sind Traditionen, die den Kindern wichtig sind und das Gemeinschaftsgefühl stärken“, sagt Frühling.

Ein Foto aus der Anfangszeit des Fanprojekts.
Copyright: Fanprojekt Leverkusen
Auch in der täglichen Arbeit im neuen Sitz an der Manforter Straße 184 ist der Fußball zwar das verbindende Element, den man überall sieht. Eine ausrangierte Umkleide aus der Bay-Arena steht im Eingang, dekoriert mit allerlei Fandevotionalien aus dem Meisterjahr. Aber die Themen, die die Jugendlichen mit hierherbringen, gehen weit über den Fußball hinaus: „Das kann Liebeskummer sein, schlechte Noten oder Probleme in der Familie“, erzählen die Sozialarbeiter. Sie helfen auch beim Bewerbungen schreiben oder der Ausbildungsplatzsuche. Frühling sieht diese Arbeit als großes Glück an: „Mein Highlight ist, dass mir so viele junge Menschen ihr Vertrauen schenken und ich sie über viele Jahre hinweg begleiten kann. Die ersten stehen jetzt schon mit ihren Kindern vor der Tür.“
Der Höhepunkt aus Fansicht der letzten 30 Jahre war natürlich die Double-Saison. „Die Finalwoche mit dem letzten Meisterschaftsspiel, dem Europa-League-Finale in Dublin und dann dem DFB-Pokalfinale – das war ein einziger Rausch“, erinnert sich Trojahn. Die Stimmung in der Stadt, der gemeinschaftliche Freudentaumel, das ist beiden nachhaltig in Erinnerung geblieben. „Es war ein bisschen wie eine wochenlange Familienfeier.“ Trojahn findet aber auch, dass dieser Erfolg noch immer in der Stadt zu spüren ist: „Man sieht viel mehr Menschen mit Trikots auf der Straße. Vereinssymbole werden viel selbstverständlicher und stolzer getragen als früher.“ Und auch der Zulauf zur Fanszene bleibt damit weiter hoch.
Am 11. August feiert das Fanprojekt in den Räumen an der Manforter Straße 184 sein 30-jähriges Bestehen. Beginn ist um 17 Uhr, die offizielle Eröffnung um 18 Uhr. Alle Interessierten sind eingeladen, vorbeizukommen.
