In weißen Brautkleidern verhandelt das Ensemble des Jungen Theaters Leverkusen in „Revolt. She Said. Revolt Again.“ Fragen nach Geschlechterrollen, sexualisierter Gewalt und gesellschaftlicher Veränderung. „Revolt“ bedeutet „Aufbegehren“ oder „Revolte“. Und genau darum geht es: um den Versuch, scheinbar festgeschriebene Regeln von Sprache, Körper und gesellschaftlichem Zusammenleben aufzubrechen.
Regisseurin Petra Clemens verlässt sich dafür fast vollständig auf die Körper und Stimmen ihres siebenköpfigen Ensembles. Im Zentrum steht ein rotes Sofa, ringsum hängen weitere weiße Kleider. Viel mehr braucht dieser Abend nicht. Denn Birch interessiert sich ohnehin weniger für eine fortlaufende Geschichte als für die Sprache, mit der gesellschaftliche Verhältnisse hergestellt und scheinbar selbstverständlich gemacht werden.
Welche Wörter benutzen Menschen – Männer – für Sex und Körper? Was gilt als angemessenes Verhalten? Warum werden Frauen im Berufsleben anders beurteilt? Wo endet ein vermeintlich normaler sexueller Kontakt und wo beginnt sexualisierte Gewalt? Maristella Carmeni, Kira Jockers, Priscille Makelo, Hanna Nagy und Rosa van Endert wechseln dabei ebenso selbstverständlich zwischen Figuren und Situationen wie Carl Brüggemann und Davide Reibaldi. Immer wieder nimmt der Text vertraute Konstellationen auseinander, dreht Perspektiven um und legt offen, wie viel Macht bereits in beiläufigen Formulierungen stecken kann. Das ist häufig ausgesprochen klug und verlangt dem Publikum dennoch einiges an Aufmerksamkeit ab. Gelacht wird durchaus, aber nur punktuell. Viel häufiger herrscht in dem kleinen Raum konzentrierte Stille.
Petra Clemens gibt Alice Birchs komplexem Text eine klare körperliche Ordnung
Clemens begegnet diesem sprachlich und gedanklich dichten Material mit einer strengen Ordnung. Die Darstellenden wechseln zwischen Bühnenmitte, Sofa, Rand und vorderster Spielfläche, ziehen für einzelne Figuren Sweatshirts oder Jacken über ihre Brautkleider und kehren anschließend wieder in die gemeinsame Formation zurück. Kleine, runde Armbewegungen und wiederkehrende Posen entwickeln sich dabei zu einem körperlichen Leitmotiv. Am Ende kommen bunte Krawatten hinzu. Die weißen Kleider bleiben dagegen durchgehend sichtbar – nicht als naturalistische Kostüme, sondern als gemeinsame visuelle Grundierung, über die sich die unterschiedlichen Rollen nur vorübergehend legen.

In weißen Brautkleidern verhandelt das Ensemble des Jungen Theaters Leverkusen in „Revolt. She Said. Revolt Again.“
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Gerade im Jungen Theater entfaltet das eine besondere Unmittelbarkeit. Zwischen Publikum und Spielenden liegen teilweise nur wenige Meter. Blickkontakte lassen sich kaum vermeiden, gerade bei einem Text, der von Vergewaltigung, sexuellen Grenzüberschreitungen und struktureller Ungleichheit handelt. Clemens gelingt es dabei, Birchs fragmentarische Gedankenwelt so zu ordnen, dass man dem Abend bemerkenswert gut folgen kann.
Das ist eine große Stärke der Inszenierung. Zugleich liegt darin ihre Grenze: Während Birchs Text immer stärker nach Auflösung, Überforderung und Revolte drängt, bleibt die theatrale Form über weite Strecken erstaunlich diszipliniert. Die Themen wechseln, die Grundspannung jedoch nur wenig. Nach rund 70 Minuten stellt sich deshalb stellenweise eine Gleichförmigkeit ein, die ein strafferes Tempo oder mutigere formale Brüche hätten aufbrechen können.
Zwischen sexualisierter Gewalt und Schwesternschaft bleibt die Revolte widersprüchlich
Besonders deutlich wird die Ernsthaftigkeit des Textes an der von Davide Reibaldi gespielten Figur Yuri. Zunächst erscheint er als selbstbewusster Draufgänger, dessen Schwester ihn mit seinem Verhalten gegenüber Frauen konfrontiert. Später beginnt er, selbst zu fragen, was es bedeutet, wenn ein Gegenüber zu betrunken ist, um einwilligen zu können, wenn sexuelle Handlungen an einer schlafenden Person vorgenommen werden oder ein Kondom ohne Wissen der anderen Person entfernt wird.
Die Erkenntnis, selbst sexualisierte Gewalt ausgeübt zu haben, führt nicht zu einer einfachen Läuterung. Yuri fragt, was er nun tun solle. Seine Schwester spricht von Verantwortung, davon, Betroffene zu kontaktieren und auszuhalten, dass sie ihn womöglich ablehnen. Als er dazu nicht bereit ist, bleibt schließlich eine kleinere und zugleich grundsätzliche Forderung: sich zu verändern. Gerade darin liegt eine der überzeugendsten Ideen des Abends. Gesellschaftliche Veränderung bleibt bei Birch nicht im abstrakten Ruf nach Revolution stehen, sondern fällt auf das eigene Verhalten zurück.
Nicht jede Zuspitzung funktioniert allerdings gleichermaßen. Wenn eine Szene um eine Frau im Supermarkt und die Bewertung ihres Körpers schließlich in starkes Schreien kippt, wird die Intensität eher behauptet als weiter gesteigert. Wut muss nicht zwangsläufig lauter werden, um eindringlicher zu sein.
Ähnlich ambivalent wirkt der Schluss: Das Ensemble steht wieder dicht nebeneinander ganz vorne, einzelne Stimmen formulieren Vorstellungen von Solidarität und Schwesternschaft. Das hat etwas Berührendes, zugleich aber auch bewusst Manifest-Artiges. Vielleicht passt gerade diese Spannung zu einem Stück, das keine einfache Antwort anbietet. „Revolt. She Said. Revolt Again.“ will nicht erklären, wie patriarchale Strukturen mit einigen richtigen Entscheidungen verschwinden könnten. Es probiert Haltungen aus, verwirft sie und fragt immer weiter. Wenn Veränderung nicht nur von den anderen verlangt werden kann – wo beginnt sie dann bei einem selbst?
„Revolt. She Said. Revolt Again.“ Samstag, 24. Oktober, 20 Uhr, und Sonntag, 25. Oktober, 18 Uhr, Junges Theater Leverkusen, Karlstraße 9a, Opladen. Karten kosten 15, ermäßigt acht, das Cliquenticket für drei Jugendliche oder junge Erwachsene 15 Euro.
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